Sentinelese mit Pfeil und Bogen von einem Hubschrauber aus fotografiert

„Sie stehen vor der realen Gefahr des Aussterbens“

Weltweit gibt es Hunderte unkontaktierte indigene Völker. Die Anthropologin Priscilla Schwarzenholz erforscht, wie ihre Lebensweise durch illegalen Bergbau, Missionare und Tourismus bedroht wird – und wie sie weiter isoliert bleiben können

Interview: Emma Louisa Neugebauer
Thema: Identität
23. Januar 2026

fluter.de: Frau Schwarzenholz, was bedeutet „unkontaktiert“ überhaupt konkret? 

Priscilla Schwarzenholz: Es gibt unterschiedliche Grade von Kontakt. Einige der 196 Gruppen, die wir für eine Studie für die NGO Survival International dokumentiert haben, leben vollständig isoliert, ohne jeglichen Kontakt zu Außenstehenden. Dazu gehören zum Beispiel die Sentinelesen auf der North Sentinel Island im Indischen Ozean. Sie sind ein nomadisch lebendes Jäger- und Sammler*innen-Volk. Mit Speeren, Pfeil und Bogen jagen und sammeln sie im Regenwald und fischen in den Küstengewässern. Schätzungen zufolge leben sie in drei Gruppen mit insgesamt etwa 50 bis 150 Angehörigen. Sie leben entweder in großen Gemeinschaftshütten mit mehreren Feuerstellen für verschiedene Familien oder in offenen Unterständen. 

Andere Gruppen, dazu gehört zum Beispiel das Volk der Mashco Piro in Peru, stehen gelegentlich im Austausch mit Nachbarvölkern. In Brasilien gibt es riesige, schwer zugängliche Waldgebiete. Wir gehen davon aus, dass es sogar noch mehr Gruppen geben könnte, von denen wir noch nichts wissen. Die Zahl im Bericht umfasst nur jene, für die es deutliche oder bestätigte Hinweise gibt.

Jetzt fragt man sich natürlich sofort: Woher stammen diese Informationen, und wie können Sie zu unkontaktierten Völkern forschen, wenn sie eben das sind: unkontaktiert? 

Viele Daten stammen aus jahrzehntelanger Feldarbeit. Ein Großteil der Forschung basiert auf Besuchen in Gebieten, in denen indigene Völker leben, sowie dem Austausch mit Anthropolog*innen oder indigener Bevölkerung aus den jeweiligen Ländern, die ihre Spuren und Lebensweisen kennen. Forscher*innen dokumentieren Spuren wie verlassene Lager, Werkzeuge, Essensreste oder saisonale Bewegungsmuster. Oft wird bewusst zu Zeiten geforscht, in denen die Gruppen sich in anderen Teilen des Territoriums aufhalten, damit kein Kontakt entsteht. So lassen sich zum Beispiel die Größe einer Gruppe, ihr Alltag oder ihre Wanderbewegungen rekonstruieren. 

„In vielen Ländern wird die Existenz dieser Gruppen geleugnet, um Landraub zu rechtfertigen. Politiker*innen behaupten, ‚dort lebt niemand‘, um Bergbau, Abholzung oder Infrastrukturprojekte zu ermöglichen“

Diese Isolation der Gruppen ist bedroht, ergab Ihre Forschung. 

Besonders kritisch ist die Lage der Hongana Manyawa in Indonesien, deren Territorium von nach internationalem Recht illegalem Bergbau überrannt wird und weder ihre Existenz noch ihre Landrechte von der Regierung anerkannt werden. In Brasilien sind etwa die Awá bedroht, die nur noch auf einem kleinen Waldrest leben, umgeben von Abholzung, illegaler Viehzucht und Holzhandel. Auch die Mashco Piro in Peru sind betroffen, in deren Gebieten Bäume gerodet und Holz geschlagen wird. Dadurch gibt es immer weniger Wald. In vielen Ländern wird die Existenz dieser Gruppen geleugnet, um Landraub zu rechtfertigen. Politiker*innen behaupten, „dort lebt niemand“, um Bergbau, Abholzung oder Infrastrukturprojekte zu ermöglichen. 

Der Bericht erwähnt auch kriminelle Netzwerke als Bedrohung. Können Sie ein Beispiel geben?

Im Javari-Tal an der brasilianisch-peruanischen Grenze gibt es 26 unkontaktierte Gruppen, die größte Konzentration weltweit. Die Region wird zunehmend von Drogenkartellen für Schmuggelrouten genutzt. Ein weiteres Beispiel ist das Yanomami-Gebiet, wo illegale Goldschürfer*innen arbeiten, inzwischen als Teil professionalisierter krimineller Organisationen. 

Ist Tourismus ebenfalls eine Gefahr?

Ja. Auf North Sentinel Island gab es kürzlich einen Influencer, der versuchte, Kontakt herzustellen. Das ist ein lebensgefährlicher und hochriskanter Eingriff. Auch Missionar*innen bleiben eine Bedrohung, da sie Krankheiten einschleppen können. Es gab sogar Fälle, in denen religiöse Gruppen im Wald Audiogeräte mit Gebeten zurückließen.

Trotzdem sprechen Sie in der Studie auch von der Resilienz unkontaktierter Gruppen. 

Diese Völker haben beeindruckende Strategien entwickelt, um Bedrohungen zu überstehen: Sie werden nomadischer, ziehen sich tiefer in den Wald zurück oder bewegen sich so unauffällig, dass sie kaum Spuren hinterlassen. Zudem leben sie völlig autark. Das heißt, sie nutzen Hunderte Pflanzenarten, bauen eigene Werkzeuge und Häuser und verfügen über medizinisches Wissen aus dem Wald. Dennoch stehen sie vor der realen Gefahr des Aussterbens. Unkontaktierte Völker haben keine Immunität gegen Krankheiten wie Grippe oder Covid. Historisch starb bei ersten Kontakten oft die Hälfte der Gruppen innerhalb weniger Jahre. Wenn ihr Territorium nicht geschützt wird, drohen Invasion, Krankheit und damit ihr Verschwinden.

Gab es Fälle, in denen Gruppen vollständig ausgelöscht wurden?

Die Jangil zum Beispiel wurden vollständig ausgelöscht. Sie lebten auf einer Insel in der Nähe von North Sentinel Island. Vermutlich sorgte der Kontakt mit britischen Kolonialgruppen Anfang der 1900er-Jahre dafür, dass sie nicht überlebten.

„Da man die Zustimmung unkontaktierter Völker zu Projekten nicht einholen kann, gilt: Wenn sie keinen Kontakt aufnehmen, stimmen sie etwas nicht zu“

Schützt das internationale Recht die unkontaktierten Völker?

Sie haben laut der Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte der Indigenen Völker das Recht auf Gesundheit und Selbstbestimmung. Jurist*innen legen das so aus, dass daraus das Recht auf Nichtkontakt folgt – das Recht, ihre Isolation zu bewahren und sich somit vor Gefahren von außen zu schützen – und das Recht auf vollständige territoriale Integrität. Da man die Zustimmung unkontaktierter Völker zu Projekten nicht einholen kann, gilt: Wenn sie keinen Kontakt aufnehmen, stimmen sie etwas nicht zu. Damit sind bis zu einer eindeutigen Kontaktaufnahme jegliche Aktivitäten in ihren Gebieten verboten. Aber die Umsetzung ist das Problem: Die UN-Erklärung ist rechtlich nicht bindend, sie kann lediglich bei Verstößen von Richter*innen hinzugezogen werden, nationale Rechte bleiben oft hinter ihr zurück. Indonesien beispielsweise erkennt die UN-Erklärung nicht an. In Brasilien fehlte lange der politische Wille, doch der aktuelle brasilianische Präsident Lula da Silva geht gerade gegen die Goldschürfer vor. 

Was müsste sich in den nächsten fünf Jahren ändern, um die Existenz dieser Gruppen zu sichern?

Regierungen müssen endlich Ressourcen bereitstellen, Personal ausbilden und die bestehenden Gesetze konsequent umsetzen. Zum Beispiel könnten sie geschützte Gebiete per Drohnen überwachen, Transporte mit Hubschraubern umleiten oder Sicherheitsposten einrichten, die indigene Gebiete überwachen und gegenüber Eindringlingen absichern. Mit dem Bericht möchten wir genau diesen politischen Druck aufbauen.

Was kann die Öffentlichkeit tun, um unkontaktierte Völker zu schützen?

Bewusstsein schaffen. Viele Menschen wissen gar nicht, dass es heute noch Hunderte unkontaktierte Gruppen gibt. Außerdem kann man darauf achten, welche Produkte man konsumiert; viele Rohstoffe stammen aus illegaler Abholzung indigener Territorien. 

Portrait von Priscilla Schwarzenholz

Priscilla Schwarzenholz ist Anthropologin und arbeitet für die  NGO Survival International, die indigene Völker weltweit unterstützt.

Foto: privat

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Foto: Indian Coast Guard / picture alliance / AP Photo