Ein dicht gedrängter Hochhausblock in Hongkong, dessen Fassade aus sich wiederholenden Fenstern, Balkonen und Klimaanlagen besteht, frontal fotografiert und ohne sichtbaren Himmel oder Straßenkontext

„Mit der Angst vor Überbevölkerung kann man von unbequemen Fragen ablenken“

Gibt es „zu viele“ Menschen auf der Erde? Die Völkerrechtlerin Dana Schmalz hat die Debatte über eine „Überbevölkerung“ zu ihren Ursprüngen verfolgt und sagt: Es geht dabei mehr um Politik als um Zahlen – auch in der Klimakrise

Interview: Nina Schick
Thema: Natur
6. März 2026

fluter.de: Sie haben sich mit der Debatte um eine angebliche Überbevölkerung auf der Erde beschäftigt und darüber ein Buch geschrieben. Seit wann gibt es die Sorge, dass es „zu viele“ Menschen auf der Welt gibt?

Dana Schmalz: Die gibt es, seitdem die Weltbevölkerung wächst. Und das fängt so um 1800 herum an, bald nach dem Beginn der Industrialisierung, als etwa in Großbritannien die Kindersterblichkeit zu sinken beginnt und die Lebenserwartung ansteigt. Zu dieser Zeit, nämlich 1798, schrieb der englische Vikar Thomas Malthus einen Essay, „Das Bevölkerungsgesetz“. Als Pfarrer hatte er wahrscheinlich eine besondere Wahrnehmung für das Wachstum der Bevölkerung, weil die Kirche Taufen und Beerdigungen, insofern Geburten und Sterbefälle, aufzeichnete. Malthus argumentierte, eine ungebremst wachsende Bevölkerung könne nicht ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt werden, deshalb müsse das Bevölkerungswachstum kontrolliert werden.

Was war neu an Malthus’ Argumentation?

Seine Schrift ist keine rein ökonomische Auseinandersetzung damit, wie viele Menschen ernährt werden können. Er gibt dem Ganzen auch einen moralischen Kontext, der sich gegen Arme richtet. Letztlich sagt Malthus: Den Armen geht es schlecht, weil sie so viele Kinder haben. Damit bezieht er Position in der sozialen Frage und behauptet: Die Armut und Ungleichheit, die sich im Zuge der Industrialisierung verschlimmern, sind nicht dadurch zu bekämpfen, dass man die Gewinne der Fabrikbesitzer umverteilt, sondern durch geringere Geburtenraten der Armen.

Wie viele Menschen gab es zu Zeiten von Malthus auf der Welt?

Etwa eine Milliarde.

Heute sind es mehr als acht Milliarden.

Man kann fast schmunzeln, wenn man auf die Zahlen schaut. Die Sorge vor Überbevölkerung hatte immer eine Dimension, die nicht mit Zahlen zu begründen war. Wir als Einzelne spüren nie, wie viele Menschen es auf dem Planeten gibt. Andererseits ist das Wissen um demografische Entwicklungen wichtig für Gesellschaften – davon hängt ab, welche Infrastruktur es braucht, wie viel Nahrungsmittel produziert werden müssen.

„Zielgrößen für Bevölkerungszahlen aufzustellen, betrifft immer auch die Freiheit von Frauen“

Wie hat sich die Debatte über Bevölkerungsfragen seit Malthus entwickelt?

Die Debatte war immer vieldimensional, und sie wurde globaler, zugleich war sie auch verknüpft mit Geschlechterfragen. Schwangerschaft und Geburt waren im 19. Jahrhundert gefährlich, außerdem war eine Frau umso stärker auf die Mutterrolle beschränkt, je mehr Kinder sie hatte. Die Möglichkeit der Geburtenkontrolle war ein Schritt zur Gleichberechtigung, deswegen standen frühe Frauenbewegungen um 1900 in Großbritannien und den USA an der Seite von „Malthusianern“, die ebenfalls die Geburtenkontrolle interessierte – zum Zwecke der Bevölkerungskontrolle. Die medizinische Versorgung und politische Entscheidungspositionen waren lange und sind bis heute von Männern dominiert. Zielgrößen für Bevölkerungszahlen aufzustellen, betrifft immer auch die Freiheit von Frauen. 

Ein dicht gedrängter Hochhausblock in Hongkong, dessen Fassade aus sich wiederholenden Fenstern, Balkonen und Klimaanlagen besteht, frontal fotografiert und ohne sichtbaren Himmel oder Straßenkontext

In seiner Serie „Architecture of Density“ zeigt der Fotograf Michael Wolf die Hochhausfassaden Hongkongs wie endlose Muster aus Fenstern und Balkonen. Ohne Himmel oder Straße wirken die Gebäude fast wie abstrakte Flächen – dicht, repetitiv und ein bisschen erdrückend. Die Bilder machen sichtbar, wie extrem eng und anonym Leben in Megastädten sein kann

Das Thema Bevölkerungswachstum wurde im Laufe der Zeit zu einem globalen Thema. Wie hat das die Debatte verändert, und was ist vielleicht auch gleich geblieben? 

Im 20. Jahrhundert fand die Dekolonialisierung statt: Staaten in Asien, Afrika, Amerika und Ozeanien wurden von den europäischen Kolonialmächten unabhängig. Es stellte sich die Frage, wie man damit umgeht, dass Staaten zwar formal gleich, aber in Wirklichkeit noch stark abhängig sind und Menschen in manchen Teilen der Welt in Reichtum, in anderen in Armut leben. Man könnte die Gründe in den Wirtschaftsbeziehungen sehen. Wenn man aber stattdessen den Fokus auf das starke Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern legt, unterdrückt man ausdrücklich oder unterschwellig Debatten über Umverteilung oder veränderte Handelsregeln.

Also im Prinzip Malthus reloaded, die Armen sind selbst schuld an ihrer Armut?

Ja, zugespitzt kann man es so sagen. Die Angst vor Überbevölkerung eignet sich hervorragend, um von unbequemen Fragen abzulenken.

„Die Überzeugung, dass es umso schlechter für das Klima ist, je mehr Menschen es auf der Erde gibt, hält sich hartnäckig“

Wenn das Bevölkerungsargument also vor allem aus politischen Interessen eingesetzt wird, heißt das, es kann überhaupt nicht „zu viele“ Menschen auf der Erde geben?

Die Frage, ob es eine maximale Zahl für die Erdbevölkerung gibt, mag ein interessantes Gedankenspiel sein, aber sie gehört zu einer anderen Disziplin. Derzeit prognostizieren Demograf:innen, dass die Erdbevölkerung in drei bis fünf Jahrzehnten ihren Höhepunkt mit zehn Milliarden Menschen erreicht und dann wieder sinken wird. Bei der Frage, ob man zehn Milliarden Menschen ernähren könnte, geht es letztlich wieder um Verteilungs- und Gerechtigkeitsfragen: Mit einer fleischarmen Ernährung könnte man es gut, wenn alle Menschen sich wie beispielsweise US-Amerikaner:innen ernähren wollten, wäre es wohl schwierig.

Auch unter dem Gesichtspunkt der Klimakatastrophe stellt sich die Frage, wie viele Menschen die Erde überhaupt „erträgt“.

Das ist neben der Frage der Nahrungsversorgung der zweite Aspekt. Die Überzeugung, dass es umso schlechter für das Klima ist, je mehr Menschen es auf der Erde gibt, hält sich hartnäckig. Dabei sind die Länder mit den höchsten Geburtenraten die mit den geringsten Emissionen. Die Behauptung, Bevölkerungswachstum sei die wesentliche Belastung für den Planeten, ist klar widerlegbar. Wohlstand ist der größte Faktor für Emissionen.

An diesem Punkt in der Diskussion wird als Gegenargument häufig das Beispiel China genannt. 

China ist tatsächlich ein Beispiel dafür, dass zeitgleich mit dem Bevölkerungswachstum auch die Emissionen in die Höhe gegangen sind. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass der Grund für den Anstieg vor allem die sehr exportstarke Wirtschaft des Landes ist. Damit kommen wir wieder zum globalen Konsum zurück – China hat vor allem billige Ware für die westlichen Märkte produziert. Ein anderes Beispiel ist Nigeria: Dort wächst die Bevölkerung, während sich auch das Wohlstandsniveau entwickelt, dennoch bleiben die Pro-Kopf-Emissionen im Vergleich beispielsweise zu Deutschland gering: Etwa 0,6 Tonnen CO2-Emissionen pro Kopf pro Jahr in Nigeria im Vergleich zu rund sieben Tonnen in Deutschland.

In reicheren Ländern liegen die Pro-Kopf-Emissionen selbst bei einer umweltbewussten Lebensweise per se höher als in ärmeren Ländern. Bedeutet das, dass im Westen die Menschen weniger Kinder bekommen sollten?

Gesamtgesellschaftlich betrachtet ist Kinderkriegen eine politische Angelegenheit. Für jeden einzelnen Menschen ist es jedoch eine höchstpersönliche Entscheidung. Ich halte es für grundsätzlich falsch, ein neues Kind als „Emissionslast“ mit einem Langstreckenflug zu vergleichen und anderen nahezulegen, keine Kinder zu bekommen. Im Mittelpunkt sollte stehen, dass wir alles tun, um auf diesem Planeten weiterleben zu können.

Portrait von Dana Schmalz

Dana Schmalz ist Referentin für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht am Max-Planck-Institut. Außerdem ist sie die Autorin des Buches "Das Bevölkerungsargument – Wie die Sorge vor zu vielen Menschen Politik beeinflusst".

Foto: privat

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Fotos: Michael Wolf Estate/laif 
(Das Titelbild zeigt einen Ausschnitt des Originals)