Prof. Dr. Thi-Minh-Tam Ta vor dem Gebäude der Charite

„Eine Vietnamesin sagt eher: Ich habe Kopfschmerzen“

Psychische Belastungen sind bei Menschen mit Migrationshintergrund keine Seltenheit. Passende Therapien schon. An der Berliner Charité versucht eine spezielle Ambulanz diese Versorgungslücke zu schließen

Von Paulina Albert
Thema: Migration
8. April 2026

Eine Woche konnte Oanh Nguyễn* nicht schlafen vor ihrem ersten Termin. Weil sie so Angst davor hatte, über ihre Sorgen zu sprechen. Sie wollte überhaupt nicht hingehen, aber ihre Tochter bat sie darum. Wenn es ihr nicht helfen würde, müsste sie ja nicht wiederkommen.

Nguyễn ist 60 Jahre alt. Ihre Haare sind hellbraun, manchmal hält sie sich ein wenig am Tisch fest oder schaut aus dem Fenster, wenn sie über sich spricht. Heute ist ihr dritter Termin in der psychiatrischen Ambulanz für Menschen mit vietnamesischem Migrationshintergrund.

Die Ambulanz befindet sich in einem der alten Backsteingebäude der Charité, dem größten Krankenhaus Berlins. Wie in einem Krankenhaus fühlt es sich nicht an, wenn man durch den verwinkelten Gang zu den Räumen der Ambulanz läuft. Die Warteplätze sind gelb und grün, den Boden zieren Fliesen mit Blumenmustern. Die Ambulanz gibt es seit 2010. Mitbegründet hat sie Prof. Dr. Thi-Minh-Tam Ta, Oberärztin und Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie.

Migrationserfahrungen als Risikofaktor

Ta kam 2006 nach ihrem Medizinstudium aus Vietnam nach Deutschland. Eigentlich wollte sie Internistin werden, dann fiel ihr eine Versorgungslücke auf: Vietnamesische Migrant*innen hatten kaum Zugang zu Psychiatrie und Psychotherapie. Ta sagt: „Viele wissen nicht, wo sie hingehen sollen, wenn es ihnen psychisch schlecht geht, weil die Systeme in Deutschland ganz anders sind als in Vietnam.“ Dazu kommen Sprachbarrieren. Mit ihrem Team betreut Ta, wie sie berichtet, inzwischen rund 140 Patient*innen pro Quartal auf Vietnamesisch und Deutsch aus verschiedenen Einwanderungsgenerationen.

Ta sagt: „Migration macht nicht per se krank.“ Ob man eine psychische Krankheit entwickelt, hängt von vielen Faktoren ab, unter anderem von genetischen und psychosozialen Einflüssen. Migration kann aber ein Risikofaktor sein, weil Menschen, die sie erleben, vielen Belastungen ausgesetzt sind. Etwa dem Verlust ihrer sozialen Netzwerke durch den Umzug in ein anderes Land, Arbeitslosigkeit oder ein unsicherer Aufenthaltsstatus. Manche sind dazu gezwungen, aus ihrem Land zu fliehen, und erleben Traumatisches wie einen Krieg oder Unterdrückung.

Frau mit geblümtem Blazer sitzt auf einem blauen Sofa und gestikuliert, daneben ein gelber Sessel und ein farbiges Wandbild

Prof. Dr. Thi-Minh-Tam Ta hat die psychiatrische Ambulanz mitbegründet

In dem kleinen Raum der Ambulanz hängt ein Bild von zwei Frauen, die einen Strand entlanglaufen. Gegenüber von Oanh Nguyễn sitzt Linda Do, ihre Psychotherapeutin. Einer der Gründe, warum es Nguyễn nach dem ersten Termin direkt besser ging, erzählt sie, war, dass sie mit Do zum ersten Mal über alles sprechen konnte, was in ihrer Vergangenheit passiert war.

Nguyễn kam 1987 aus Vietnam nach Ostberlin, als sogenannte Vertragsarbeiterin. Das Leben in Deutschland war für sie zunächst ein Schock. Alles schien fremd, sie hatte viel Angst, gerne wäre sie zurückgekehrt, übersetzt Do. Nguyễn spricht vietnamesisch, nur manchmal antwortet sie in brüchigem Deutsch. Nach und nach fand sie Menschen, die ihr halfen. „Im Vietnamesischen gibt es ein Wort, cố gắng, das bedeutet so etwas wie ‚keep going‘. Das hat sie gemacht. Sie ist in Deutschland geblieben“, sagt Do. 

Drei Jahre nach ihrer Ankunft lernte Nguyễn ihren Mann kennen. Glücklich wurden die beiden nicht. „Als Kind war ich wie ein freier Vogel. Ich habe es geliebt, Geschichten zu schreiben. Als ich meinen Mann kennenlernte, war das vorbei.“ Die Familie ihres Mannes setzte sie unter Druck, was genau passierte, möchte sie nicht erzählen. Sie sagt, sie konnte nicht mehr lachen, wurde über die Jahre immer trauriger. „Die Geschichten, die ich geschrieben habe, wurden hässlich. Ich habe sie zerrissen.“

Do sagt: „Vielen Patient*innen hilft die Ambulanz, weil sie hier nicht das Gefühl haben, verurteilt zu werden oder dass ihre Lebensrealität als Problem gedeutet wird.“ Beispielsweise sei der Zusammenhalt in vietnamesischen Familien sehr eng und unterstützend. In Deutschland würden einige vielleicht von Abhängigkeit sprechen, in der vietnamesischen Kultur sei das normal. Manche Patient*innen seien vorher bei anderen Therapeut*innen oder Ärzt*innen gewesen, hätten sich aber missverstanden gefühlt. Viele hätten sich lange gar nicht getraut, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

„In der vietnamesischen Community ist das Stigma gegenüber psychischen Erkrankungen immer noch hoch“

Thi-Minh-Tam Ta, Oberärztin und Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie

Oanh Nguyễn verheimlichte 30 Jahre lang, wie schlecht es ihr ging, sagt sie. Nur zufällig bekam ihre Tochter einen Streit der Eltern mit und hörte ihre Mutter dabei sagen, dass sie manchmal nicht mehr leben wolle.

„In der vietnamesischen Community ist das Stigma gegenüber psychischen Erkrankungen immer noch hoch. Viele denken sofort an eine Unterbringung in der Klinik und verheimlichen ihre psychischen Probleme“, sagt Thi-Minh-Tam Ta, die Leiterin der Ambulanz. Eine Depression würde oft gar nicht als Krankheit wahrgenommen, sondern als selbst verschuldete Verstimmung. Und das zeige sich auch in den Gesprächen. „Wo eine deutsche Patientin vielleicht von gedrückter Stimmung spricht, sagt eine vietnamesische Patientin eher: Ich habe Kopfschmerzen. Bei kreisenden Gedanken sagt sie: Ich kann nicht schlafen. Wenn man genauer nachfragt, zeigen sich oft dieselben Symptome, sie werden nur anders ausgedrückt.“

Fehlt Therapeut*innen das Wissen um solche kulturellen Unterschiede, werden Diagnosen manchmal falsch gestellt, Untersuchungen wiederholen sich, Krankheiten werden verschleppt. Eine Patientin, die wegen einer postpartalen Depression in die Ambulanz kommt, hat diese beispielsweise schon seit der Geburt ihrer Tochter vor 20 Jahren, sie wurde nur nie behandelt.

Eine Frau mit langen Haaren sitzt an einem Schreibtisch mit Tastatur und Telefon, im Hintergrund Fenster und Wandbild

Linda Do arbeitet als Psychotherapeutin in der Ambulanz der Charité

Ta sagt: „Eigentlich brauchen alle Psychotherapeut*innen interkulturelle Kompetenz.“ Insgesamt gibt es in Deutschland etwa 500 psychiatrische Institutsambulanzen, also Anlaufstellen in Kliniken, bei denen Menschen regelmäßige Hilfe bekommen können, ohne über Nacht zu bleiben. Aber nur wenige von ihnen bieten transkulturelle Therapie an. Dabei haben 30 Prozent der Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund. Um das zu ändern, arbeitet Ta auch mit Sozialarbeiter*innen und Gemeindezentren zusammen und baut ein Netzwerk mit auf, um Menschen mit vietnamesischem Migrationshintergrund in Krisen zu unterstützen.

Die Forschung zeigt, dass Menschen, die gesellschaftlich ausgegrenzt sind, häufiger Depressionen haben. „Aber wir können nicht sagen, ob Depressionen zu Schwierigkeiten in der Integration führen oder umgekehrt“, sagt Ta.

Wenn die Sprache fehlt

Bei Menschen, die in Vietnam geboren sind, entwickelt sich nach Jahren in Deutschland oft eine Sprachlosigkeit gegenüber ihrer Familie in Vietnam. Viele kennen ihr Heimatland nur aus der Zeit, als sie es verlassen haben. Aber Vietnam hat sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr verändert. Laut Thi-Minh-Tam Ta gibt auch das manchen ein Gefühl von Entwurzelung.

Hinzu käme, dass viele Rassismus- und Gewalterfahrungen gar nicht als Diskriminierung benennen könnten: „Sie kommen dann mit Bauchschmerzen in die Ambulanz und finden kein Wort für ihre Erfahrung.“ Ta sagt: „Erst mal muss man diese Gefühle anerkennen. Wer Fremdenfeindlichkeit erlebt, darf sich ärgern und traurig sein.“

Viele Patient*innen berichten Ta zufolge, dass sich ihr Deutsch in depressiven Episoden verschlechtert. „Durch die Therapie können sie sich wieder besser konzentrieren, zur Arbeit zurückkehren und können darüber auch wieder mehr soziale Kontakte aufbauen.“

Oanh Nguyễn hat durch die Therapiestunden die Angst verloren, über ihre Gefühle zu sprechen, erzählt sie. Letzte Woche war sie die ganze Stunde den Tränen nahe, und heute sitzt sie hier und kann lachen. Sie hat auch wieder mit dem Klavierspielen angefangen und mit dem Schreiben. Die Geschichte, an der sie gerade arbeitet, hat schon etwa 100 Seiten. Es ist die Geschichte ihres Lebens.

* Name geändert

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Fotos: Hahn + Hartung