Der Rächer der Delfine
Wenn Schüsse und Bomben fallen, ist auch die Natur betroffen. Auch im Schwarzen Meer sterben durch den russischen Angriffskrieg zahllose Tiere. Der ukrainische Biologe Ivan Rusev will Russland des Ökozids überführen
fluter.de: Herr Rusev, von der Front auf dem Land im Krieg in der Ukraine hat man schon viel gehört. Sie kämpfen an einer anderen Front, an der Küste des Schwarzen Meers, wo sie in einem Nationalpark arbeiten. Was passiert dort?
Ivan Rusev: Von Februar bis Juli 2022 gab es heftige Kämpfe um die Schlangeninsel. In diesem Gebiet haben wir täglich beobachtet, wie Hubschrauber und Flugzeuge Bomben ins Meer abwarfen. Außerdem haben wir Seeminen an unserer Küste gefunden. Tausende davon wurden von Russland zum Angriff gelegt, die anderen von der Ukraine zur Verteidigung. Das hatte sichtbare und unsichtbare Schäden zur Folge.
Zum Beispiel?
Öl gelangte aus verschiedenen Tanks von Kriegsschiffen ins Meer. Wir fanden beispielsweise viele mit Öl bedeckte und auch tote Vögel. Die Verschmutzung belastet die Biodiversität. Wenn die Seeminen explodieren, schaden sie den Delfinen. Das Navigationssystem der Tiere wird gestört. Zusammengefasst ist es eine große Katastrophe für alle Lebewesen hier – für Krebstiere, Krabben, Vögel, Fische und eben vor allem die Delfine. Wir finden immer mehr von ihnen tot an den Küsten des Schwarzen Meeres. In Rumänien und Bulgarien sammeln Kolleginnen und Kollegen selbst Informationen. Einer unserer rumänischen Kollegen fand einen Delfin, dessen Haut durch eine Phosphormine verbrannt war. Zur Lage in der Türkei, Russland und Georgien recherchieren wir im Internet. Es sind also umfangreiche Daten, die uns zeigen, dass die Delfinpopulation wohl noch nie einem solchen Druck ausgesetzt war.
Auch vor einem Nationalpark macht der Krieg nicht halt: Panzersperren an der ukrainischen Schwarzmeerküste
Wie viele Delfine sind durch den Krieg gestorben?
Wir gehen von ungefähr 50.000 Delfinen aus. Ich glaube nicht, dass es in der Geschichte jemals so viele Delfintote gab. Wir haben einen Teil der Kadaver als Stichprobe für die ukrainischen Strafverfolgungsbehörden gesammelt. In der Ukraine gelten schwere Umweltverbrechen als Straftatbestand, ein sogenannter Ökozid. Es gibt ein allgemeines Verfahren, bei dem es um die Massenvernichtung von Flora und Fauna, die Vergiftung der Atmosphäre oder der Wasserressourcen oder anderen Handlungen, die zu einer ökologischen Katastrophe führen können, geht, und eines speziell wegen der Delfine. Delfine sind besonders bedroht, einige ihrer Arten stehen auf der Roten Liste gefährdeter Arten. Die Staatsanwaltschaft der Region Odessa hat das Verfahren eingeleitet.
Die toten Delfine sind also besonders wichtige Beweise.
Sie spielen eine besondere Rolle, aber es wird trotzdem sehr schwer, einen Ökozid nachzuweisen, denn grundsätzlich schaden alle Kriegshandlungen der Umwelt: Wenn ein Staudamm gesprengt wird und das Wasser plötzlich unkontrollierbar abfließt zum Beispiel. Oder wenn ein Kernkraftwerk eingenommen wird oder es ein Massensterben von Tierarten gibt. Wir haben beispielsweise Trümmer von russischen Shahed-Dohnen an unseren Stränden liegen, weil unsere Soldaten sie noch über dem Meer herunterschießen. Auch die verschmutzen die Umwelt.
Was wäre ein mögliches Ergebnis dieses strafrechtlichen Verfahrens?
Ökozid gibt es noch nicht als Straftatbestand beim Internationalen Strafgerichtshof. Er soll aber künftig vielleicht aufgenommen werden. Dafür sammeln wir Beweise. Sollte es in Zukunft so ein Verfahren geben, müsste das Land, das wegen eines Ökozids verurteilt wird, dem zerstörten Land Reparationen zahlen, damit die Natur wieder aufgebaut werden kann.
Ivan Rusev ist Biologe und Leiter der Forschungsabteilung des ukrainischen Nationalparks Tuzly-Lagunen an der Küste des Schwarzen Meeres. Er kämpfte jahrelang gegen Wilderei und wurde dabei mehrfach schwer verletzt.
Gibt es momentan konkrete Maßnahmen, um das Meer zu schützen?
Das geht beim Schwarzen Meer nur schwer. Vor allem an den russischen Küsten ist das für uns natürlich nicht möglich. Was uns bleibt, ist, die Lage zu beobachten. Dokumentieren, wie der Krieg die Natur beeinflusst, und Daten sammeln für die Geschichtsbücher. Dafür fahre ich jeden Morgen und Abend die Küsten ab, sammle die Kadaver der Delfine und dokumentiere, was ich finde.
Stellen wir uns einmal vor, der Krieg endet morgen. Könnte sich das seltene Ökosystem wieder erholen?
Die Natur hat eine große Kraft, sich selbst zu regenerieren. Es braucht vielleicht 20 bis 50 Jahre, aber ich denke, das wäre hypothetisch möglich. Bis die Delfinpopulation auf dem alten Stand ist, wird es lange dauern, vielleicht 50 Jahre. Ein Delfin wird erst nach bis zu neun Jahren geschlechtsreif, dann zieht er nur ein Junges auf, und das für zwei oder drei Jahre. Das ist also ein zeitintensiver Prozess.
Was würde helfen?
Um in Zukunft eine Perspektive für die Delfine zu schaffen, schlagen wir vor, um die Schlangeninsel herum ein großes Meeresschutzgebiet auszurufen. So hätte die Population eine Chance zur Erholung. Aber schon vor dem Krieg herrschte großer Druck auf die Delfinbestände, der durch illegalen Fischfang befeuert wurde. Ich hoffe einfach, dass wir nach dem Krieg zahlreiche internationale Expertinnen und Experten einladen können, um langfristig ein geschütztes Gebiet und ein Rehabilitationszentrum zu schaffen.
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