Ein halbes Jahr warten auf Hilfe
Immer mehr Menschen finden keinen Therapieplatz. Paula erzählt von ihrer Suche
Paula Paetsch steht im dunklen Flur eines maroden Treppenhauses. Verschmierte Graffiti an den Wänden, nackter Beton. Besonders wohnlich ist das auf den ersten Blick nicht. Doch für Paula bedeutet dieser Ort Zuflucht und Gemeinschaft. Das „Komplex“ in Schwerin ist vieles gleichzeitig: linksalternatives Zentrum, Kulturprojekt und Wohngemeinschaft. Paula ist 22 Jahre alt. Vor einem Jahr zog sie hierher, um einen Neuanfang zu wagen. Denn hinter ihr liegt eine schwere Zeit. Unten im Wohnzimmer erzählt sie davon. Von ihren dunklen Tagen, die sie mittlerweile hinter sich gelassen hat.
„Ich war 16, und mir wurden insgesamt sechs Diagnosen gestellt: darunter eine Borderline-Störung, Depressionen und eine soziale Phobie.“ Alleine konnte sie das nicht länger regulieren. Sie begann eine Kinder- und Jugendtherapie und zog für eine begrenzte Zeit in eine Einrichtung für betreutes Wohnen. „Das hat mir sehr geholfen. Aber ich war dann irgendwann ein bisschen zu alt“, sagt sie. Nachdem sie aus dem Wohnheim ausziehen musste, nahm das „Komplex“ sie auf. Doch ihre Probleme verschwanden nicht. Deshalb bemüht sie sich jetzt wieder um einen Therapieplatz. Seit mehr als einem halben Jahr – ohne Erfolg.
Wie Paula suchen rund 2,1 Millionen Menschen in Deutschland pro Jahr therapeutische Hilfe. Doch künftig könnte es noch schwieriger werden, einen Therapieplatz zu bekommen: Am 1. April 2026 wurden die Honorare der gesetzlichen Krankenkassen für niedergelassene Psychotherapeutinnen und -therapeuten um 4,5 Prozent gekürzt. Betroffene aus dem ganzen Land gingen dagegen auf die Straße. Expert:innen gehen davon aus, dass die Wartezeiten für Kassenpatien:tinnen dadurch noch länger werden. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat inzwischen Klage gegen den Kürzungsbeschluss eingereicht.
Die lange Therapieplatzsuche belastet zusätzlich – ein Teufelskreis, durch den Krankheitsverläufe chronisch werden können
Schon vor den Kürzungen war die Versorgungslage angespannt: An manchen Orten reicht die Anzahl der Therapeut:innen, die gesetzlich von den kassenärztlichen Vereinigungen dafür zugelassen werden können, Kassenpatient:innen zu behandeln, nicht aus. Für Praxen unter finanziellem Druck wird es zudem immer attraktiver, Privatpatienten, mit denen sich mehr verdienen lässt, zu behandeln. In ländlichen Regionen ist das Problem noch größer – dort fehlen ganz grundsätzlich Praxen.
Paula erhielt auf ihre elf Anfragen zwei Antworten. Für sie sei vor allem der Prozess der langen Suche belastend, sagt sie. „Ich habe irgendwann nur noch Mails geschrieben, weil ich mich dann auch nicht mehr so getraut habe anzurufen.“ Viele Praxen hätten ohnehin meist automatische Anrufbeantworter, abweichende Sprechzeiten oder führen gar keine Warteliste mehr. Um im Alltag besser mit ihren Beschwerden fertigzuwerden – etwa einem instabilen Selbstbild und extremen Stimmungsschwankungen, wie sie es beschreibt –, braucht Paula professionelle Unterstützung. Aktuell fühlt sie sich außerstande, arbeiten zu gehen. Solange das Jobcenter ihre Arbeitsunfähigkeit prüft, bezieht sie Bürgergeld.
Die langjährige Psychotherapeutin Ulrike Prösch hält Fälle wie diesen für typisch. Sie erarbeitet psychologische Gutachten im Auftrag der Deutschen Rentenversicherung. Wenn Menschen wie Paula angeben, aufgrund ihrer psychischen Probleme nicht arbeiten zu können, prüft Prösch, ob das stimmt. Prösch sagt: „Ich sehe vermehrt Leute, die staatliche Sozialleistungen bekommen, weil sie arbeitsunfähig sind.“ Die meisten Betroffenen seien junge Erwachsene zwischen Anfang bis Mitte 20. Die Erfahrung, dann bei Praxen einfach nicht durchzukommen, könne gerade bei jungen Betroffenen schnell einen Teufelskreis in Gang setzen, weil sie entmutigt aufgeben, sagt Prösch. Dadurch drohen viele Krankheitsverläufe chronisch zu werden, warnt die Expertin.
Paula Paetsch kann wegen ihrer psychischen Erkrankung nicht arbeiten – und ist damit nicht allein
Foto: Daniel Batel
Das wirkt sich dann auch ökonomisch aus: 2024 waren 17,4 Prozent der Fehltage bei der Arbeit auf psychische Erkrankungen zurückzuführen. Ein enormer Kostenfaktor für die Sozialsysteme – vor allem, wenn akute Symptome unbehandelt bleiben. „Je chronischer psychische Erkrankungen werden“, erklärt Prösch, „desto schwieriger ist es für Betroffene, etwas gegen die eigene Erkrankung zu unternehmen.“ Sie fordert deshalb Reformen, die den Zugang für Patienten zu psychotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten erleichtern.
Der Druck aus ihrem privaten Umfeld, wieder gesund zu werden und arbeiten zu gehen, werde auch immer größer, erzählt Paula. „Viele sagen mir, du bist schon so lange zu Hause und machst nichts. Du musst irgendwann mal einen Beruf erlernen.“ Sie merke aber, dass sie das gerade einfach noch nicht könne. Ihre schulische Ausbildung musste sie nach der Mittleren Reife abbrechen.
Grundsätzlich sind Hausärzt*innen die ersten Anlaufstellen bei psychischen Problemen. Bei Bedarf werdet ihr zum Beispiel an Psychotherapeut*innen überwiesen. Ihr könnt euch aber auch direkt an diese wenden.
Bei der Terminvermittlung für eine Psychotherapie kann die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung unter der Telefonnummer 116 117 helfen. Innerhalb einer Woche muss die 116 117 einen Termin vermitteln.
Zudem ist die Telefonseelsorge online oder unter der kostenlosen Hotline 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222 rund um die Uhr erreichbar.
Sollte die Gefahr der Selbst- oder Fremdgefährdung (insbesondere Suizidgefährdung) bestehen, zögert nicht, einen psychiatrischen Notdienst oder den Rettungsdienst unter der 112 zu verständigen.
Weitere Informationen zum Thema Mental Health findet ihr bei der Deutschen Depressionshilfe: www.deutsche-depressionshilfe.de
Psychotherapeut*innen: Sie haben ein Masterstudium in klinischer Psychologie mit anschließender mehrjähriger Therapeut*innenausbildung. Inzwischen bieten Universitäten auch ein Direktstudium zur Ausbildung in der Psychotherapie an. Psychotherapeut*innen behandeln psychische Erkrankungen. Im Mittelpunkt der Psychotherapie steht das Gespräch zwischen Therapeut*innen und Betroffenen. Psychotherapeut*innen dürfen keine Medikamente verschreiben. „Psychotherapeut“ ist eine rechtlich geschützte Berufsbezeichnung, der Begriff „Psychotherapie“ allerdings nicht.
Psychiater*innen: Sie haben Medizin studiert und anschließend eine Facharztausbildung in Psychiatrie oder Psychotherapie absolviert. Sie behandeln psychische Erkrankungen. Dafür können sie psychotherapeutische Mittel nutzen und Medikamente verschreiben. Sie dürfen Betroffene körperlich untersuchen.
Psycholog*innen: Sie haben Psychologie studiert, wobei die klinische Psychologie (Erforschung psychischer Krankheiten) nur ein Teil des Studiums ist. Sie behandeln keine psychischen Krankheiten. Sie arbeiten zum Beispiel in der Forschung, als Coaches oder im Personalbereich großer Unternehmen.
Verhaltenstherapie: Im Rahmen der Therapie arbeiten Betroffene mit therapeutischer Hilfe erlernte problematische Verhaltensweisen heraus, die durch Veränderungen der Denkstrukturen und Einstellungen verbessert werden sollen.
Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie: Während der Therapie stehen unbewusste Konflikte und verdrängte Erfahrungen aus der Vergangenheit im Fokus, die Auswirkungen auf die aktuelle psychische Belastung haben.
Analytische Psychotherapie: Hierbei geht es vor allem darum, sich frühere Beziehungsmuster, verdrängte Gefühle, Erinnerungen und innere Konflikte bewusst zu machen. Diese Therapie geht meistens über einen längeren Zeitraum.
Systemische Therapie: Hier steht das soziale System einer Person im Mittelpunkt. Zum Teil werden Bezugspersonen mit in die Therapie einbezogen und so Veränderungen in der Beziehung oder dem Umgang miteinander angestoßen.
Medikamentöse Therapie: Zusätzlich zur Psychotherapie kann eine ergänzende medikamentöse Therapie sinnvoll sein. Je nach Diagnose und Symptomen werden verschiedene Wirkstoffe eingesetzt. Bei starken Beschwerden oder akuten Fällen kann ein Aufenthalt in einem Krankenhaus oder einer Tagesklinik nötig sein.
Als Hoffnungsschimmer erscheint ihr eine Option, die sie erst seit kurzem kennt: Wer akut erkrankt ist, kann im Einzelfall mithilfe der Patientenhotline 116 117 trotzdem in eine Selbstzahlerpraxis vermittelt werden – solange man sein Bemühen ausreichend nachweisen kann. Für Paula hieß das: Sie musste über alle ihre Anfragen Buch führen. Therapeutische Praxen können dann einen Antrag auf Kostenübernahme bei der Krankenkasse stellen.
Wohin ihr Weg führt, weiß Paula noch nicht. „Ich habe schon viele Ideen gehabt.“ Lange habe sie Erzieherin werden wollen, wie ihre Oma. Dann träumte sie von einer Schauspielausbildung. Doch die Angststörung würde sie daran hindern, auf einer Bühne zu stehen. Heute will Paula noch in einen Blumenladen gehen, erzählt sie. Auf eine Ausbildung als Floristin – vorausgesetzt, dass es ihr bald wieder besser gehe – habe sie große Lust.
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Illustration: Renke Brandt