Smarte Entscheidung
Unsere Autorin ist 17 Jahre alt und mit dem Smartphone aufgewachsen. Für eine Woche hat sie es nun gegen ein Tastenhandy eingetauscht. Ein Selbstversuch
Montag
Ich wache von einem stetigen Piepsen auf. Meine Hand streckt sich nach dem Ladekabel meines Handys aus. Nur um auf einen grauen analogen Wecker zu stoßen. Er ist der Grund für dieses Piepsen. Ich stehe auf, ohne meine Augen wie sonst immer mit dem Licht eines Insta-Reels oder einer WhatsApp-Nachricht zu erschrecken. Stattdessen stecke ich mir die Kopfhörer meines MP3-Players ins Ohr und höre mir dieselben 100 Songs in Dauerschleife an. Das sind viele, aber für mein an Spotify gewöhntes Gehirn, das eher 100 Playlisten kennt, sind es trotzdem wenige.
Als ich später in der Schule ankomme, treffe ich vor der Tür des Klassenraums drei Mitschüler, die auf ihren Handys zocken. Ich frage, ob wir schon Aufgaben bekommen haben. Sie sagen, dass der Unterricht ausfällt. Der Rest des Kurses ist gar nicht erst erschienen. Die drei haben die Nachrichten auf „Bolle“, unserem digitalen Ausfallplan, nicht gesehen. Und ich? Ich mache mich auf den Weg zurück nach Hause und verfluche die moderne Welt und meine absurde Entscheidung, mich von meinem Smartphone und meinem iPad zu trennen. Eine Woche ohne Handywecker, ohne WhatsApp, ohne Spotify, ohne Instagram (obwohl ich die App sowieso meistens gelöscht habe). Normalerweise beträgt meine durchschnittliche Bildschirmzeit 3 Stunden und 15 Minuten am Tag. Da ich oft zum Smartphone greife, meist aus Langeweile. Für sieben Tage wechsle ich jetzt zu einem Tastenhandy. Mit ihm kann ich SMS schreiben und telefonieren.
Dienstag
Meine Mitschüler*innen haben wahnsinnigen Spaß dabei, mein Tastenhandy auf- und einzuklappen und so zu tun, als würden sie jemanden damit anrufen. Auf dem Heimweg schreit mich in der U-Bahn eine Frau grundlos an, das passiert in Berlin schon mal. Warum, das weiß ich nicht. Auf jeden Fall ist sie aggressiv. Hier in der Bahn wünsche ich mir mein Smartphone zurück, in das ich meinen Blick höchst konzentriert vertiefen könnte. Stattdessen sitze ich einfach nur da. Und natürlich hilft mir keiner der anderen Fahrgäste.
Nachmittags gehe ich joggen. Ohne Smartphone bedeutet das: ohne Timer und ohne Schrittzähler. Wenn ich zu erschöpft bin, bleibe ich eben stehen. Es ist entspannend, nicht eine bestimmte Kilometerzahl erreichen zu müssen. Abends telefoniere ich mit einer Freundin, die mich über den gesamten Deutsch-Leistungskurs-Chat informiert und darüber, was bis Freitag zu erledigen ist.
Mittwoch
Um sieben Uhr morgens rufe ich eine Freundin an und finde heraus, dass die erste Stunde ausfällt. In der gewonnenen Zeit schreibe ich alle Klausuren, die noch anstehen, auf Zettel und probiere, mich an die Daten zu erinnern, die in meinem Smartphone-Kalender gespeichert sind. Meine Notizzettel-Kalender lege ich als Erinnerung auf meinen Schreibtisch. Auf dem Weg zur Schule beobachte ich die Leute in der U-Bahn. Die meisten schauen auf ihre Smartphones. Nur hier und da sitzt eine ältere Frau mit einem Buch in der Hand. Schade, dass wir nicht eine U-Bahn-Fahrt ohne Smartphone auskommen, denke ich.
„Am Nachmittag frage ich meinen Vater, ob er meinen Tanzkurs buchen kann. Ich realisiere: Ohne Smartphone bitte ich ständig andere Menschen um Hilfe“
Im Musikunterricht brauchen wir für eine Onlineumfrage unsere Smartphones, also bin ich gezwungen, mir das meines Musiklehrers auszuleihen. „Cool, ganz ohne Handy“, sagt er. Am Abend mache ich einen Spaziergang, sogar ohne mein Tastenhandy. Ich gehe aber nur auf der Hauptstraße. Ganz ohne Handy fühle ich mich zwar frei, aber auch zu ungeschützt, um in eine der dunklen Seitengassen einzubiegen.
Donnerstag
Beim Frühstück bitte ich meine Mutter, mir mit ihrem Smartphone Tickets fürs Kino zu kaufen. Ich möchte mir den Michael-Jackson-Film anschauen. Am Nachmittag frage ich meinen Vater, ob er meinen Tanzkurs buchen kann. Ich realisiere, ohne Smartphone bitte ich ständig andere Menschen um Hilfe. Denn mein Laptop ist so alt, dass er sich kaum noch mit dem WLAN verbindet. Und ich bin so jung, dass ich gar nicht erst auf die Idee komme, dass man Kinokarten einfach an der Kinokasse kaufen oder dafür in ein Internetcafé gehen könnte.Nach dem Training warte ich an einer U-Bahn-Station, die mir als Drogenhotspot bekannt ist. Normalerweise schaue ich in solchen Momenten auf mein Handy und vermeide Blickkontakt. Jetzt weiß ich nicht, wohin ich gucken soll. Versehentlich schaue ich die ganze Zeit anderen Leuten in die Augen. Also ziehe ich mein Buch aus der Tasche. Ich habe eigentlich immer eines dabei, aber ich lese es nie. Jetzt stehe ich mit meinem roten Buch mit dem Titel „Toxische Weiblichkeit“ am Gleis und lese höchst konzentriert darin. Da kommt endlich die Bahn!
Freitag
Ich kämpfe mich durch die letzten zwei Stunden Physik, was an einem Freitagnachmittag verboten sein sollte. Weil ich ganz ohne technische Geräte im Unterricht nicht arbeiten kann, muss ich mir ein iPad von meinem Lehrer borgen. Wäre schön, würde ich alle Formeln auswendig können, aber ein paar muss ich googeln. Nach der Schule gehe ich mit meinen Freundinnen einen Kaffee trinken, wir besprechen die Pläne für dieses Wochenende. Da ich keinen Zugriff auf die WhatsApp-Chats habe, frage ich alle, wo die Partys am Wochenende stattfinden, und bitte sie, die Wege von mir zu Hause bis dorthin nachzuschauen. Ich versuche, sie mir einfach zu merken.
Samstag
Meine beste Freundin hat bei mir übernachtet. Morgens frage ich sie, ob sie nachschauen kann, wie das Wetter wird. Sie grinst und sagt: „Nee, Nora, das mache ich nicht. Wenn du jetzt alles auf anderen Handys nachguckst, bist du ja trotzdem süchtig.“ Ich bin empört. Abends auf dem Weg zur Party merke ich, dass ich mir den Weg dorthin doch nicht gemerkt habe. Ich muss Freunde anrufen, damit sie mir die Strecke von der Tramstation bis zur Bar beschreiben. Ich laufe trotzdem in die falsche Richtung. Zum Glück treffe ich ein paar Leute, die mich in die richtige lenken.
Nachts um drei Uhr sitze ich mit einer Freundin auf dem Bordstein vor einer Bar. Wir sind die Allerletzten. Ich will losgehen und sage ihr, dass sie auf ihrem Smartphone nachschauen soll, wann meine Bahn fährt. Ich bekomme sie, auf die nächste hätte ich eine Stunde warten müssen. An meiner Station merke ich, dass ich Hunger habe, und entscheide, noch einen Halloumi-Döner zu essen. Ich krame in meiner Tasche nach meinem Portemonnaie. Ich grabe tiefer und werde unruhig. Ich ahne Böses. Ja, jemand hat es geklaut. 50 Euro: weg. Mein Tastenhandy: noch da.
Sonntag
Ich betrauere den Verlust meines Portemonnaies, weiß aber, dass es dumm war, meine Tasche auf einer Party in Berlin unbeaufsichtigt liegen zu lassen. Ich telefoniere mit einer Freundin, wir werten den gestrigen Abend aus. Danach mache ich mich auf den Weg zu einem Freund, um auch seine Meinung zum Abend zu hören. Ich bitte beide, in der WhatsApp-Gruppe zu fragen, ob jemand mein Portemonnaie gefunden hat. Mehr kann ich jetzt nicht machen. Deswegen gehe ich mit einer Freundin spazieren, bis die Sonne langsam verschwindet. Zu Hause stecke ich das Ladekabel in mein Smartphone, ab morgen bin ich wieder Teil der digitalen Welt.
Die Woche ist vorbei. Nach sieben Tagen habe ich mich doch etwas abgekoppelt gefühlt und vieles nicht mitbekommen. Weder private Nachrichten noch politische Neuigkeiten aus der Welt. Denn die analoge Zeitung ist mir zum Lesen zu kompliziert. Die Blätter sind so riesig, ich kann sie kaum halten. Gleichzeitig habe ich den Alltag ohne Ablenkung sehr genossen. Weil ich nicht ständig erreichbar war, hatte ich wirklich mehr Zeit für mich selbst. Ich würde sagen: Ich habe mein Tastenhandy lieb gewonnen. Trotzdem bin ich gespannt, wie viele Nachrichten morgen auf mich warten. Obwohl meistens doch weniger passiert, als man denkt.
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Illustration: AHAOK