Mehr als nur die eine deutsche Kultur
Der Content-Creator Tahsim Durgun roadtript in der Comedy-Reportagereihe „Deutschland, ich küss dein Herz“ mit Tante Zeynep durch Deutschland. Ein Gespräch über Heimat, Brotdosen – und die Frage, wer eigentlich zur deutschen Kultur gehört
fluter.de: Mit „Tante Zeynep“ gehst du auf einen Roadtrip quer durch die Republik. Was war eigentlich das Ziel?
Tahsim Durgun: Am Anfang war das gar nicht so klar. Zeynep ist 70 Jahre alt und wohnt seit 50 Jahren in Deutschland, hat aber noch nicht viel vom Land gesehen. Wir gehören zwei Generationen an, die in der normalen Welt wahrscheinlich nicht zusammen auf einen Roadtrip gehen würden. Unterwegs habe ich Zeynep und ihre Lebenswelt immer besser kennengelernt und viele Parallelen zu meiner Mutter entdeckt – sie selbst wollte übrigens nicht vor der Kamera stehen. Ich wollte Zeynep die Möglichkeit bieten, dieses Land und seine skurrilen Persönlichkeiten kennenzulernen. Aber vor allem wollte ich ihr Raum geben zu sprechen. Es war ein großes Herzensziel von mir, dass eine 70-jährige kurdische Frau im deutschen Fernsehen Gehör findet.
Es geht ins Fußballstadion, zum Kleingartenverein, Hobby-Horsing und Pilzesammeln. Wo hast du dich am wohlsten gefühlt?
Die Reise beginnt und endet in meiner Heimat Oldenburg. Dass ich dort zu Hause bin, spüre ich, wenn ich die norddeutsche Luft rieche. Dann fühle ich mich einfach wohl.
Und wo am fremdesten?
In Bayern. Die Seen, die Berge, der Jodelkurs, das alles war sehr weit weg von meiner Realität. Ich hatte schon das Gefühl, dass Zeynep und ich dort auffallen. Es hat auch ein bisschen gedauert, bis die Menschen uns gegenüber auftauten.
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Foto: WDR/Daniel Nguyen
Am Ende sitzt ihr in einem Wirtshaus und stellt über einem Teller Käsespätzle fest, dass ihr beide deutsches Essen liebt. Ein ziemlich heimeliger Moment. Kann Essen auch ausgrenzen?
Ich denke sofort an meine Mutter, die schon in meiner Kindheit regelmäßig Lahmacun gebacken hat. Am nächsten Tag hat sie uns die Reste in Alufolie eingewickelt und mit in die Schule gegeben. In der Pause habe ich sie ganz selbstverständlich ausgepackt und gegessen. Dabei habe ich gemerkt: Okay, das ist offenbar nicht normal. Die anderen Kinder hatten Tupperdosen in der Größe einer Dreizimmerwohnung in ihren Rucksäcken, mit Abteilungen für Brote und Snacks. Mein Essen sah anders aus und roch auch intensiver. Natürlich wird man da angeguckt. Aber das Schöne ist: Menschen haben Hunger und wollen probieren. Nach einem kurzen Irritationsmoment hat irgendwann Marvin aus meiner Klasse sein Sandwich gegen mein Lahmacun getauscht. Und plötzlich verbindet Essen wieder.
In der Reportage zeigt ihr die wohlig-skurrilen Seiten Deutschlands. Warum habt ihr zum Beispiel im sächsischen Kleingartenverein nicht auch darüber gesprochen, was die vielen Deutschlandflaggen mit euch machen?
Ich würde mich grundsätzlich überhaupt nicht davor scheuen, auch dunkle Seiten zu beleuchten. Darüber zu sprechen, dass natürlich gerade in dieser Ecke Deutschlands ganz viele Menschen dazu beitragen, dass fragwürdige Parteien immer mehr erstarken können. In meinem Buch „Mama, bitte lern Deutsch“ oder in meinen Videos auf Social Media rede ich ganz offensiv über diese Missstände. Aber mit diesem TV-Format wollte ich etwas erschaffen, was Spaß macht.
Also keine politische Botschaft?
Doch, aber nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern in leisen Tönen. Zum Beispiel, wenn Tante Zeynep und ganz viele andere Frauen und Männer mit Migrationsgeschichte im Staffelfinale den Raum bekommen, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Ich finde, dieses Finale schenkt Hoffnung. Aber trotzdem läuft nebenher immer die leise Furcht vor dem, was sich gerade in Deutschland breitmacht.
In der Serie sprichst du über die Sorge, die du 2010 hattest, als Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ zum Bestseller wurde. In dem Buch wird unter anderem behauptet, dass muslimische Einwanderer angeblich den deutschen Wohlstand gefährden. Wie blickst du heute auf diese Zeit zurück?
Diese Integrationsdebatte, ausgelöst von diesem Buch, hat in einer Zeit stattgefunden, in der ich gerade mit Behörden um meine Einbürgerung gekämpft habe. Öffentlich wurde diskutiert, wer hier nach Deutschland gehört und wer nicht. Ich dachte: Die sprechen von mir. Das hat mir Angst gemacht. Heute, über 15 Jahre später, werden die gesellschaftspolitischen Debatten viel skrupelloser geführt. Die Frage, was Integration ist, wirkt mittlerweile fast schon harmlos.
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Foto: WDR/Nikita Schleicher
Manche sehen dich als Sprachrohr für eine bestimmte Generation postmigrantischer Menschen. Wie gehst du damit um?
Es war mir schon immer eine Herzensangelegenheit, junge Migras anzusprechen. Ich freue mich, dass meine Arbeit Anklang findet. Gleichzeitig würde ich selbst niemals sagen, dass ich Vorreiter von irgendetwas bin oder Pionierarbeit leiste. Von diesem Anspruch versuche ich mich abzukapseln. Ich konzentriere mich darauf, warum und für wen ich das mache.
Du hast deine Familie auf Instagram mal gefragt, was „deutsche Kultur“ ist, und niemand hatte eine Antwort. Hast du sie nach diesem Roadtrip gefunden?
Die eine deutsche Kultur gibt es nicht. Das habe ich auf dieser Reise gelernt. Es gibt Kulturen, und die werden von Menschen gemacht. Ich würde mir wünschen, dass mehr junge Leute mit Migrationsgeschichte nach vorne schreiten und zu diesen Kulturen beitragen können. Dass sie die Chance bekommen, noch mehr zur Kunst, zur Literatur und zur Unterhaltung beizutragen.
Die sechs Folgen „Deutschland, ich küss dein Herz“ stehen in der ARD-Mediathek zum Streamen bereit.
Tahsim Durgun, 1995 in Oldenburg geboren, ist mit seinen TikToks über deutsche Grammatik und migrantische Lebensrealitäten bekannt geworden.
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Titelbild: WDR/Daniel Nguyen