„Wir gehören zu diesem Land, nicht zu einem Regime“
Jahrzehntelang war die Machtelite in Syrien von Alawiten dominiert. Nach dem Sturz der Assad-Diktatur kam es bald zu Massakern an der alawitischen Minderheit im Land. Wie ist ihre aktuelle Lage?
„Alles wurde zerstört. Alles war finster. Die moralische Verrohung war unbeschreiblich.“ So erzählt Mohamed Saleh vom Leben unter der Assad-Diktatur, die im Dezember 2024 von Oppositionskräften unter Führung der islamistischen Miliz Hayat Tahrir al-Sham gestürzt wurde. Die Gewaltherrschaft der Assads endete nach mehr als 50 Jahren. Die Euphorie der Syrer*innen im Land selbst und in der Diaspora war gewaltig.
Auch für Saleh gibt es nicht den geringsten Zweifel daran, dass der Sturz Assads notwendig war – auch wenn Menschen wie er nun mit einer existenziellen Bedrohung konfrontiert sind. Denn Mohamed Saleh ist Alawit. Er gehört derselben Minderheit an wie die Familie Assad. Jetzt, nach dessen Entmachtung, leben viele Alawit*innen in ständiger Angst vor Racheakten.
Anfang März 2025 griffen bewaffnete Anhänger des gestürzten Assad-Regimes Sicherheitskräfte der neuen Machthaber in der Küstenregion an. Darauf reagierte die Übergangsregierung mit einer Militäroperation, in deren Gefolge Schätzungen der britischen Organisation SOHR (Syrian Observatory for Human Rights) zufolge nicht nur Hunderte Kämpfer auf beiden Seiten starben, sondern Milizen auch mehr als 1.500 überwiegend alawitische Zivilist*innen ermordeten. Wer diese Milizen waren und ob die Regierung etwas damit zu tun hatte, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Doch das Massaker hat massive Zweifel aufgeworfen, ob eine friedliche Zukunft für alle ethnischen und religiösen Gruppen in Syrien möglich ist.
Mythos Regimetreue
Mohamed Saleh ist 68 Jahre alt und seit Jahrzehnten in der politischen Opposition gegen das Assad-Regime aktiv: früher als Teil der Kommunistischen Arbeiterpartei Syriens, später in verschiedenen zivilgesellschaftlichen Gruppen. 14 Jahre verbrachte er dafür im Gefängnis.
Als die Revolution 2011 begann, organisierte er Demonstrationen und brachte Menschen unterschiedlicher religiöser und politischer Gruppen an einen Tisch. Im Laufe der Kriegsjahre half Saleh jungen Männern bei der Flucht vor dem Militärdienst oder schmuggelte Nahrungsmittel in belagerte Stadtteile. Er weiß, dass viele Alawit*innen wie er auf der Seite der Revolution standen. „Wir gehören zu diesem Land, nicht zu einem Regime“, sagt er bei einem Videocall. Dennoch wurden und werden Angehörige der Minderheit oft als regimetreu identifiziert.
Fakt ist, dass das Assad-Regime stark von der alawitischen Gemeinschaft geprägt war. Baschar al-Assads Vater Hafez hat ab den 1970er-Jahren Bürokratie, Militär und Sicherheitskräfte zunehmend alawitisch besetzt. Familienangehörige profitierten ebenso von den damit verbundenen wirtschaftlichen Privilegien. Auch wenn viele Alawit*innen gegen das Regime waren, existierte die Wahrnehmung, dass die Minderheit kollektiv vom Regime bevorzugt wurde. Mohamed Saleh begegnete diesen Vorurteilen schon in den 1980er-Jahren im Gefängnis, wo er zusammen mit Anhängern der Muslimbruderschaft in einer Zelle saß. „Sie glaubten, dass wir alle in Palästen wohnen“, erinnert er sich. „Und sie sprachen oft darüber, dass sie sich an den Alawiten rächen wollen.“
Die Wut auf das brutale Assad-Regime ist groß in Syrien. Hier entlud sie sich in Dair Atiyeh an der landesweit größten Statue von Hafez al-Assad
Foto: Lutz Jaekel/laif
Schon 2012 warnte der ehemalige UN-Sonderberater für die Verhütung von Völkermord Adama Dieng vor der zunehmenden konfessionellen Gewalt in Syrien. Es bestünde das Risiko, dass Alawiten und andere Minderheiten, die als mit der Regierung verbunden gelten, Opfer groß angelegter Vergeltungsangriffe werden. Vorbehalte gegen Alawit*innen sind bis heute weit verbreitet und haben vermutlich zu der tödlichen Gewalt im März 2025 beigetragen. Viele, darunter auch Saleh, sehen darin das Ergebnis gezielter Manipulation durch die Familie Assad, die konfessionelle Gruppen gegeneinander aufhetzen und für ihre Zwecke missbrauchen wollte.
Die Alawit*innen, die Saleh kennt, haben seit dem Massaker große Angst, sagt er. Sie seien wie gelähmt. Denn auch im Anschluss an das Massaker hörte die Gewalt in vielen Regionen nicht auf. Ein UN-Bericht vom Juni 2025 dokumentiert zahlreiche Übergriffe auf alawitische Zivilist*innen, insbesondere in der Küstenregion – darunter willkürliche Tötungen, Folter und Vertreibungen. Immer wieder werden alawitische Männer, Frauen und Kinder auf offener Straße ermordet. Anfang Juni wurden fünf alawitische Männer tot aufgefunden, nachdem sie von Sicherheitskräften in Damaskus festgenommen worden waren. Viele Alawit*innen trauten sich nicht mehr zur Schule, an die Universität oder zur Arbeit, berichtet Saleh. „Was gerade an der Küste passiert, ist eine Form der Belagerung.“
Kann die neue Regierung Einigkeit schaffen?
Die neue Regierung ist sunnitisch geprägt, ehemalige Islamisten der mittlerweile aufgelösten HTS sind auch dabei. Vom neuen Präsidenten Ahmed al-Sharaa erwartet Saleh eine klare Positionierung, „dass kein Syrer getötet werden darf und dass er Präsident für alle Syrer ist“. Sollte die Regierung sich auf die Repräsentation einzelner Konfessionen beschränken, so werde die Gewalt weitergehen. Al-Sharaa bezeichnete die Massaker im März als Gefahr für seine Mission, Syrien zu vereinen, und versprach, die Verantwortlichen zu bestrafen. Mitte Juli forderte Amnesty International die syrische Regierung dazu auf, die Ermittlungen transparent zu machen und die Familien der Opfer zu entschädigen.
Die Interessen aller Bevölkerungsgruppen zu berücksichtigen und konfessionelle Konflikte nach Jahrzehnten gezielter Spaltung einzuhegen, das dürfte wohl eine der größten Herausforderungen des syrischen Neuanfangs sein. Wahlen und eine neue Verfassung stellt al-Sharaa innerhalb der nächsten vier Jahre in Aussicht. Unerlässlich wird wohl eine Form von Übergangsjustiz sein – also ein Plan dafür, wie man das Unrecht nach dem Ende eines Konflikts aufarbeiten und ahnden kann.
„Ich persönlich betrachte die Massaker als eine Art Flucht vor der Übergangsjustiz“, sagt Mohamed Saleh. Wenn der Staat die Verbrechen der Vergangenheit nicht umfassend aufarbeite, nähmen Menschen das, was sie für Recht halten, in die eigene Hand. „Egal ob Regimeangehörige oder andere Gruppen – wer gegen das Recht der Syrer verstoßen hat, muss zur Rechenschaft gezogen werden.“
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