„Superreiche beeinflussen, was wir lesen, hören und sehen“
Die reichsten Menschen werden immer reicher. Wie sie ticken, haben wir den US-amerikanischen Journalisten Evan Osnos gefragt, der auf Yachten und in Bunkern seit Jahren Milliardären nachspürt
Für die Recherchen zu seinem Buch war der US-amerikanische Journalist Evan Osnos unter anderem auf einer Yachtmesse, einem Privatkonzert des Rappers Flo Rida und in einer Selbsthilfegruppe für Wirtschaftsbetrug. Im Interview spricht er darüber, wie Milliardäre Geld in Macht übersetzen und was auf dem Spiel steht, wenn nichts gegen Ungleichheit getan wird.
fluter: Sie recherchieren als Journalist schon seit Jahren zu den Ultrareichen, also zu Menschen mit Milliardenvermögen. Warum?
Evan Osnos: Weil ihr Einfluss heute größer ist als je zuvor. Für meine Recherchen habe ich mir Ultrareiche in den USA angeschaut: Diesen Menschen gehören große Mediennetzwerke, von klassischen Medien wie Zeitungen und Fernsehsendern wie die Washington Post und Fox News bis hin zu sozialen Medien wie Instagram und Facebook. Sie beeinflussen damit das, was wir lesen, hören und sehen. Zudem haben sie direkten Zugang zu Politiker*innen. Bei seiner Amtseinführung war Donald Trump umgeben von Menschen wie dem Meta-Chef Mark Zuckerberg und dem Amazon-Gründer Jeff Bezos. Die Politik regelt Dinge, die für unser alltägliches Leben wichtig sind: Wohnungssuche, Ausbildung, Arbeit. Auf all diese Dinge haben Ultrareiche einen Einfluss.
Seit 2020 ist das Vermögen von Milliardär*innen laut der Organisation Oxfam weltweit inflationsbereinigt um mehr als 80 Prozent gestiegen – und damit deutlich schneller als das der übrigen Bevölkerung.
Haben Sie Beispiele für diesen Einfluss?
Bei der US-Präsidentschaftswahl 2016 gaben die zehn größten Einzelspender zusammen gut 400 Millionen Dollar aus. 2024 waren es über eine Milliarde Dollar. Forscher*innen haben nachgewiesen, wie stark Reichtum politische Entscheidungen verzerrt: Eine Studie der Universität Princeton aus dem Jahr 2014 stellte fest, dass vermögende Eliten sich bei Interessenkonflikten in der Gestaltung von Politik überwältigend durchsetzen können. Im Gegensatz dazu sinke der Einfluss von Menschen ohne großes Vermögen der Studie zufolge gegen null – ihre Rolle in der Politik sei statistisch kaum nachweisbar. Konkret: Investmentbanker*innen – also Leute, die mit dem Kaufen und Verkaufen von Anteilen an Unternehmen reich werden – haben beispielsweise in den USA durch Lobbyarbeit durchgesetzt, dass ihr Steuersatz weiterhin niedriger ist als der von normalen Arbeitnehmer*innen.
Ist das ein rein US-amerikanisches Problem?
Nein, es ist ein globales Problem. Die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich in vielen Ländern vergrößert, in Europa, Asien, Lateinamerika. Wenige verdienen sehr, sehr viel Geld, während die breite Masse nicht im gleichen Maße vom Wirtschaftswachstum profitiert. Gleichzeitig werden Investitionen in gesellschaftliche Institutionen wie Bildung, Gesundheit oder Kultur zurückgeschraubt. Dieser Prozess hat Parallelen zum Klimawandel: Es begann vor langer Zeit, die Folgen waren zunächst kaum spürbar. Heute sind die Auswirkungen schon erlebbar, und wenn wir nichts tun, verändert es unser Leben grundlegend. Beide Krisen werden vor allem die jüngere Generation treffen.
Was steht noch auf dem Spiel?
In den 1960ern verdiente ein amerikanischer CEO das 20-Fache eines normalen Angestellten. 2024 ist es das 280-Fache. Ökonom*innen wie der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz sagen: Wenn die Ungleichheit so extrem wird, wächst die Wirtschaft langsamer.
„Je reicher und bekannter Ultrareiche werden, desto mehr fürchten sie, all das zu verlieren. Das führt dazu, dass sie ihre Macht noch aggressiver einsetzen, um sich zu schützen“Evan Osnos
Ein Thema, das in diesem Zusammenhang häufig diskutiert wird, ist eine Vermögenssteuer.
Man müsste gar keine Vermögenssteuer einführen. Es gibt zahlreiche Steuerschlupflöcher, also legale Wege, kaum Steuern zu zahlen, von denen die meisten Menschen nichts wissen. Jeff Bezos hat laut geleakten Steuerdaten im Jahr 2011 in den USA so gut wie keine Einkommenssteuer gezahlt, obwohl er damals bereits 18 Milliarden Dollar besaß. Das war legal. Wenn man nur diese Lücken schließen würde, könnte man enorme Summen einnehmen – ohne überhaupt eine neue Steuer einzuführen. Es gibt viele solcher Schritte, die niemand ernsthaft diskutiert.
Ultrareiche besitzen mehr Geld, als sie ausgeben können. Warum wollen sie ihr Vermögen überhaupt weiter steigern?
Das liegt vor allem an zwei Dingen: eine toxische Form von Wettbewerb und Angst. Einmal wollen sie einfach gewinnen, egal ob es noch irgendeinen Sinn ergibt. Und je reicher und bekannter sie werden, desto mehr fürchten sie außerdem, all das zu verlieren. Viele von ihnen wissen sehr genau, dass ihr Reichtum und die Art, wie sie ihn einsetzen, hochgradig umstritten ist und Menschen wütend macht. Das führt dazu, dass sie ihre Macht noch aggressiver einsetzen, um sich zu schützen.
Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Megayachten das Statussymbol der Superreichen sind. Sie haben aber auch Bunker besucht, die für den Fall einer Apokalypse oder eines gesellschaftlichen Zusammenbruchs gebaut wurden. Was haben Sie dort gesehen?
In einem ehemaligen Atomraketen-Silo in Kansas – tief unter der Erde – gab es statt Fenstern LED-Bildschirme. Darauf zu sehen: der Central Park, Berge, das Meer. Man konnte wählen, welche Welt man sehen wollte. Das fand ich zutiefst ironisch: Wenn man eines Tages wirklich in diesem Bunker leben müsste, wäre der Grund dafür ja, dass man es versäumt hätte, genau diese Welt zu schützen, die man dann nur noch auf dem Bildschirm sehen könnte. Was mich am meisten beschäftigt: Diese Menschen glauben, sie hätten keine Wahl. Dass der Zusammenbruch unaufhaltsam kommt. Aber das stimmt nicht. Sie haben mehr Einfluss auf den Lauf der Dinge als wohl kaum jemand sonst auf der Welt. Sich in einem Bunker zu verstecken, ist eine Entscheidung. Genauso wie es eine Entscheidung wäre, diesen Einfluss für das Gemeinwohl einzusetzen.
Warum setzen diese Menschen ihr Geld dann nicht ein, um die Demokratie zu stärken, die globale Armut zu bekämpfen, also genau die Katastrophen abzuwenden, vor denen sie sich offenbar fürchten?
Manche tun das immer noch, das ist mir wichtig zu betonen. Aber früher waren die einflussreichsten Superreichen Menschen wie der Investor Warren Buffett und der Microsoft-Gründer Bill Gates, die öffentlich versprachen, den Großteil ihres Vermögens zu verschenken. Heute orientieren sich viele an Elon Musk, der diesen Anspruch nicht hat. Und manche glauben, die Antwort auf gesellschaftliche Probleme sei ohnehin technologischer Natur: Künstliche Intelligenz werde alles lösen, vielleicht sogar die Notwendigkeit zu arbeiten beseitigen. Das ist eine bequeme Überzeugung, denn sie bedeutet: Ich muss nichts tun, die Technologie rettet uns schon. Man sieht den Wandel gut an Mark Zuckerberg. Vor 15 Jahren wollte er Buffett und Gates nacheifern. Heute steht er bei Trumps Amtseinführung auf der Bühne.
Was können wir also tun?
Vor rund 100 Jahren gab es in den USA einen ähnlichen Machtzuwachs der Reichen. Damals halfen drei Dinge: öffentlicher Protest, Streiks und investigativer Journalismus. Die Journalistin Ida Tarbell deckte zum Beispiel auf, wie John D. Rockefeller – man könnte sagen: der Elon Musk von damals – mit seinem Ölkonzern den Markt kontrollierte. Auf Grundlage dieser Recherchen wurde das Unternehmen schlussendlich zerschlagen. Die Menschen, die heute jung sind, werden die Konsequenzen dieser Entwicklung am stärksten tragen. Sie haben aber auch am meisten zu gewinnen, wenn sich etwas ändert. Die wichtigste Botschaft lautet: Dass Ultrareiche immer reicher werden und damit übermäßig viel gesellschaftlichen Einfluss haben, ist kein Naturgesetz. Es ist ein menschengemachtes Problem. Und Menschen können es lösen.
Evan Osnos, Jahrgang 1976, schreibt für das US-amerikanische Magazin „New Yorker“ über Politik. Davor hat er als Korrespondent aus China berichtet und wurde für seine Recherchen mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Pulitzerpreis.
Sein Buch „Yacht oder nicht Yacht“ ist im Verlag C.H. Beck erschienen.
Foto: Stephan Rumpf / picture alliance / SZ Photo
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