Sollte Leihmutterschaft in Deutschland erlaubt werden?
Die Aufregung war riesig, als der Politiker Jens Spahn im Juli öffentlich machte, mithilfe einer Leihmutter Vater geworden zu sein – und in der Folge zurücktreten musste. Ob Leihmutterschaft in Deutschland legal sein sollte, diskutieren wir hier.
Ja! Der Staat sollte ein ordentliches Gesetz machen, statt einfach zu verbieten
sagt Theresa Moosmann
Der deutsche Staat entzieht sich beim Thema Leihmutterschaft seiner Verantwortung: Die Praktik selbst ist in Deutschland verboten. Möglich ist hingegen, eine Leihmutter im Ausland zu beauftragen und die Elternschaft in Deutschland anerkennen zu lassen. Zumindest, wenn von einem der Wunschelternteile eine genetische Verbindung zum Kind besteht. Das entschied der Bundesgerichtshof 2014.
Auf mich wirkt es in der deutschen Debatte, als wollten sich viele Politiker*innen den wichtigen ethischen Fragen einfach nicht stellen. Sie verschanzen sich hinter einem Verbot. Dadurch lassen sie Frauen auf der ganzen Welt im Stich. Denn dass Leihmutterschaft in Deutschland verboten ist, treibt Paare nicht zwangsläufig in die Kinderlosigkeit – sondern eben ins Ausland.
„Wir haben ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben, ein Recht auf Rauchen und Alkoholtrinken“, sagte die Verfassungsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf vor einigen Wochen in der „Tagesschau“. Für sie sei Selbstbestimmung ein guter Grund, auch Leihmutterschaft zu legalisieren. Ich finde, sie hat recht.
Der Frauenkörper als pures Nutzgefäß? Das darf nicht passieren!
Geht es um die Freiheit von Frauen, über den eigenen Körper zu verfügen, ist der Staat seit jeher zögerlich: Was, wenn Frauen sich aus den falschen Gründen, etwa wegen Armut, für eine Leihmutterschaft entscheiden und ihrem Körper damit schaden?
Dabei sind Frauenkörper sowieso die aufgeopferten Körper im Patriarchat, beruflich wie privat. Es sind mehrheitlich Frauen, die in der Pflege schuften. Oder die jahrelangen Schlafmangel in Kauf nehmen, wenn sie ihre eigenen Kinder großziehen. Politisch schien es in den vergangenen Jahren keine Priorität, hier mehr Gerechtigkeit zu schaffen.
Aber wenn es um reproduktive Themen wie Schwangerschaftsabbrüche, Sexarbeit oder Leihmutterschaft geht, werden Politiker*innen plötzlich panisch und begründen Verbote mit dem Schutz von Frauenkörpern. Das finde ich verlogen.
Für mich ist klar: Echte Selbstbestimmung geht nur mit einer stabilen Gesetzeslage. Das heißt: Das Geschäft mit der Leihmutterschaft muss eindeutig geregelt sein. Denn natürlich möchte ich mich nicht dafür aussprechen, dass die Leihmutterschaft hier so ein entfesseltes Geschäft wird wie etwa in den USA. Dort geben Frauen gegen Geld enorm viel Selbstbestimmung ab. Konkret müssen manche etwa unterschreiben, während der Schwangerschaft auf Sex oder Auslandsreisen zu verzichten. Der Frauenkörper als pures Nutzgefäß – das darf nicht passieren.
Man kann Frauen zutrauen, dass sie für ihr eigenes Leben kluge Abwägungen treffen
Aber um das zu verhindern, braucht es nicht unbedingt ein Verbot. In Kanada etwa behalten Leihmütter einen großen Teil ihrer körperlichen Selbstbestimmtheit. Sie dürfen beispielsweise entscheiden, ob die Schwangerschaft bis zum Ende ausgetragen wird oder wie sie gebären. Es gibt etliche andere Fragen, die vor einer Legalisierung in Deutschland diskutiert werden müssen: Welche Bezahlung ist angemessen, oder wäre eine altruistische – also unbezahlte – Leihmutterschaft die bessere Alternative? Welche Rechte haben die Frauen, wenn es um den Kontakt zu den von ihnen geborenen Kindern geht?
Es gibt Frauen, die Leihmutterschaft als schöne Erfahrung beschreiben, die es als Glück empfinden, ungewollt kinderlosen Paaren zu helfen. Man muss die Gründe von Frauen, die das tun, aber gar nicht verstehen, um sie rechtlich zu unterstützen. Man kann Frauen zutrauen, dass sie für ihr eigenes Leben kluge Abwägungen treffen. Und sie als Staat vor Ausbeutung schützen, statt sie entweder zu bevormunden oder unter unmenschlichen Bedingungen allein zu lassen.
Nein! Schwangerschaften und Kinder sollten nicht Teil eines Geschäftsmodells sein
findet Steven Meyer
Ich bin schwul und wünsche mir, irgendwann Vater zu werden. Sollte es einmal so weit sein, habe ich in Deutschland die Möglichkeit, ein Pflegekind aufzunehmen oder zu versuchen, ein Kind zu adoptieren. Wenn ich allerdings ein leibliches Kind möchte, wird es schwieriger. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern ist es nämlich verboten, eine Leihmutter in Deutschland zu beauftragen. Das kritisieren viele, ich finde aber: Wir sollten das Verbot nicht einfach abschaffen.
Ich werde zwar selbst nie schwanger sein, weiß aber, dass eine Schwangerschaft körperlich und psychisch belastend sein kann und immer mit gesundheitlichen Risiken verbunden ist. Eine Fehlgeburt, Schwangerschaftsdiabetes oder Komplikationen bei der Geburt lassen sich nie ausschließen. Und selbst wenn alles gut läuft, kommt bei einer Leihmutter die emotionale Belastung dazu, ein Kind auszutragen und es nach der Geburt abzugeben.
Eine Legalisierung in Deutschland würde die Ausbeutung anderswo nicht automatisch beenden
Das Verbot hierzulande führt indirekt dazu, dass Deutsche eine Leihmutter im Ausland beauftragen. Da es in den USA mit über 100.000 Euro besonders teuer ist, entscheiden sich viele für Länder wie die Ukraine, Georgien oder Mexiko. Sie haben die Wahl, denn mittlerweile gibt es einen internationalen Markt: Schwangerschaften und Kinder sind Teil eines lukrativen Geschäftsmodells.
Die Leidtragenden dieses Systems sind oft die Leihmütter, die sich häufig in einer wirtschaftlich schwierigen Lage befinden und oftmals nur einen Bruchteil des Geldes erhalten, obwohl sie die körperlichen und psychischen Risiken tragen. Das meiste Geld geht an Vermittlungsagenturen und Kliniken. Gleichzeitig müssen viele Leihmütter Verträge unterschreiben, die ihre Rechte stark einschränken – etwa indem sie sich zu bestimmten medizinischen Eingriffen verpflichten oder ihren Alltag während der Schwangerschaft den Wünschen der zukünftigen Eltern unterordnen.
Eine Legalisierung in Deutschland würde die Ausbeutung jedoch nicht automatisch beenden. Ein streng reguliertes Modell wäre voraussichtlich teuer, und Eltern mit Kinderwunsch könnten sich weiterhin für die billigere Variante im Ausland entscheiden. Das Geschäft mit der Leihmutterschaft funktioniert schließlich nach den Logiken des Marktes.
Eine nichtkommerzielle Leihmutterschaft wäre der sinnvollere Weg. Wo kein finanzieller Anreiz besteht, sinkt auch das Risiko vor systematischer Ausbeutung
In meinem Freundeskreis haben wir oft darüber gesprochen, wie wir uns unseren Kinderwunsch erfüllen könnten. Eine Freundin hat mir angeboten, ein Kind für mich auszutragen, das mit der Eizelle einer anderen lesbischen Freundin gezeugt werden könnte. Ich wäre der leibliche Vater, beide Freundinnen würden aber auch Verantwortung übernehmen und am Leben des Kindes teilhaben. Eine solche nichtkommerzielle oder altruistische Leihmutterschaft ist in Deutschland aber derzeit ebenfalls verboten.
Dabei wäre das für mich der sinnvollere Weg: Wo kein finanzieller Anreiz besteht, sinkt auch das Risiko vor systematischer Ausbeutung. Gleichzeitig könnten strenge gesetzliche Vorgaben sicherstellen, dass alle Beteiligten umfassend beraten, medizinisch und psychologisch begleitet werden und sich frei entscheiden. So ließe sich zwar nur der Kinderwunsch mancher Menschen und Familienkonstellationen ermöglichen, aber hoffentlich zumindest so, dass Leihmutterschaft nicht zu einem Geschäftsmodell wird.
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Illustration: Renke Brandt