Mehrere Roboterarme tippen an Laptops in einer Bibliothek, während ein Junge von einem Mädchen  weggezogen wird

Braucht es in KI-Zeiten noch Hausarbeiten?

Hausarbeiten sind fester Bestandteil von Schule, Ausbildung und Studium. Doch seit KI-Tools Texte erstellen können, gerät die Prüfungsform unter Druck. Sind Hausarbeiten überholt? Unser Autor und unsere Autorin streiten

Von Anton Hartmann und Lilian Schmitt
Thema: Bildung
10. August 2026

Ja, Hausarbeiten sind wichtig für die Demokratie! Wir brauchen sie, um eigene Gedanken zu entwickeln

findet Anton Hartmann

Das Dokument ist noch gähnend leer, die Deadline drückt, und im Tab daneben wartet ChatGPT. Für einige ist die KI Grund genug, die Hausarbeit endgültig auf den Friedhof der Bildungsgeschichte zu schicken. Das wäre aber fatal, denn Haus- und Facharbeiten sind viel mehr als Prüfungsleistungen. Wir müssen reden!

Die Kompetenz, eigene Erlebnisse und Erkenntnisse, etwa in einem Praktikums- oder in einem Azubibericht, nachvollziehbar darzustellen, droht verloren zu gehen, wenn wir das Schreiben an KI auslagern. Eine Studie des Massachusetts Institute of Technology zeigt, dass Menschen, die einen Essay ausschließlich mit KI verfassen, nicht nur sprachlich schlechter abschneiden, sondern dabei auch eine geringere Hirnaktivität zeigen. Wir häufen „kognitive Schulden“ an, wenn wir uns kurzfristig Zeit und Mühe sparen, indem wir KI nutzen, dafür aber langfristig einen hohen Preis zahlen – wir „verschulden“ uns quasi bei unserer eigenen geistigen Entwicklung. 

Durch Multiple-Choice-Tests lernt man zwar die Fakten – aber nicht seine eigenen Gedanken zu strukturieren

Hierzulande gilt oft das Ideal, die Arbeit möglichst „wissenschaftlich“ aufzubauen. Dass schriftliche Prüfungen zu Hause ganz unterschiedlich funktionieren können, zeigt der Blick über die Grenze. Wer in Frankreich seinen Schulabschluss macht oder studiert, lernt sehr früh die sogenannte Dissertation kennen. Anders als die deutsche Dissertation im Doktorandenkontext bezeichnet sie dort eine akademische Schreibübung. In Frankreich ist die Dissertation eine Übung in Klarheit. Es geht darum, Argumente präzise gegeneinander abzuwägen. Im englischsprachigen Raum spielt die Rhetorik eine große Rolle. Ein guter wissenschaftlicher Text muss nicht nur informieren, sondern auch überzeugen. Was alle diese Formate eint: Sie sind Denkschulen. Wer nur Multiple-Choice-Tests ankreuzt, kann die Fakten zwar, aber nicht seine eigenen Gedanken strukturieren.

Natürlich müssen wir Hausarbeiten neu denken. Sie dürfen keine reine Zuhause-Leistungsform mehr sein. An der TU Dresden gibt es bereits Versuche mit „Schreib-Sessions“ vor Ort. Man diskutiert Texte, schaut sich Daten an und schreibt dann konzentriert in 20 bis 30 Minuten eine Analyse am PC, per Selbstverpflichtung ganz ohne KI. 

Den technischen Fortschritt zu verhindern, ist nicht möglich. KI per Verbotskatalog aus der Uni zu schaffen, ist auch unrealistisch. Wer sich im Studium partout von der Maschine bedienen lässt, schadet am Ende vor allem sich selbst. Als reines Hilfsmittel für die Recherche oder als digitaler Sparringspartner ist KI sinnvoll. Die Benotung könnte sich insofern verändern, dass der Rechercheweg noch stärker bewertet wird durch Zwischenschritte wie Exposés.

Es geht um gesellschaftliche Teilhabe

Mehr als ein Drittel der Studierenden ist laut einer aktuellen Studie der Techniker Krankenkasse Burn-out-gefährdet. Besonders Prüfungen setzen viele unter Druck. Bei einer Hausarbeit hat man, im Gegensatz zu Klausursituationen, oft Wochen Zeit. Besonders für Menschen, die Prüfungsangst haben oder nicht gerne auswendig lernen, ist es ein Segen, wenn es verschiedene Prüfungsformen gibt. Und es kann tatsächlich auch Spaß machen, sich wochenlang schreibend in ein Thema zu verbeißen.

Wer nicht mehr schreibt, der denkt irgendwann auch nicht mehr selbst. Es geht um gesellschaftliche Teilhabe. Wer gelernt hat, einen Standpunkt schriftlich zu verteidigen, kann Informationen kritisch hinterfragen und sich eine eigene, unabhängige Meinung bilden. Das ist die Grundlage für eine funktionierende Demokratie. Wer diese Fähigkeit an die KI abgibt, wird schneller abgehängt, sei es im Studium, im Beruf oder bei der nächsten politischen Debatte.

Portrait Anton Hartmann

Anton Hartmann ist freier Journalist und eigentlich ein Freund von Effizienz. Aber er findet: Wenn KI aus jedem Text einen glattgebügelten Einheitsbrei macht, lohnt es sich, selbst zu denken.

Nein, weg damit! Mit KI haben Hausarbeiten ihren Sinn verloren – es gibt bessere Alternativen

sagt Lilian Schmitt

Heute prüfen Hausarbeiten nicht mehr das, was sie prüfen sollen. Ihr Sinn war es immer zu zeigen, dass jemand ein Thema selbstständig durchdringen und in eigenen Worten darstellen kann – ob als Analyse in der Schule, als Arbeitsbericht oder Uni-Hausarbeit. Genau diese Texte kann eine KI inzwischen schreiben, ohne dass es sonderlich auffällt. Laut Branchenverband Bitkom verwendet täglich fast ein Drittel der unter 30-Jährigen KI. 

Wer den KI-Einsatz verschweigt, wird manchmal sogar noch belohnt

Bislang gibt es an den meisten Ausbildungsstätten keine einheitliche Regelung, abgesehen von der Pflicht, die Nutzung von KI zu kennzeichnen. Doch nicht jede*r hält sich daran. Wer angibt, wo ChatGPT und Co. geholfen haben, könnte eine schlechtere Note riskieren, da die eigene Leistung weniger erkennbar ist. Wer es verschweigt, fliegt oft noch unter dem Radar und bekommt im Zweifel sogar Lob für eine besonders ausgefeilte Arbeit. Dabei gilt nicht deklarierte KI-Nutzung als sogenannter Täuschungsversuch. Jurist*innen werten es als Nutzung unerlaubter Hilfsmittel, wenn KI benutzt wird, ohne das kenntlich zu machen. Damit kann man ähnliche Konsequenzen wie bei einem Plagiat riskieren, bis hin zum Durchfallen. Als Plagiat gilt, sich fremde Ideen oder Texte anzueignen, ohne dies kenntlich zu machen. 

Der wohl bekannteste Fall der jüngeren deutschen Geschichte – der ehemalige Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg – zeigt, dass schon vor dem Zeitalter von ChatGPT, Gemini oder Claude Menschen Textarbeiten von anderen zusammenkopiert haben, statt sie selbst zu schreiben. Laut der Plattform GuttenPlag bestand Guttenbergs Doktorarbeit zu 94 Prozent aus unausgewiesenen Übernahmen; auch eine später eingesetzte Untersuchungskommission der Uni Bayreuth kam zu dem Schluss, dass er wissenschaftliche Standards „grob verletzt und hierbei vorsätzlich getäuscht hat“. 2011 ist Guttenberg von all seinen politischen Ämtern, auch dem als Verteidigungsminister, zurückgetreten. Der Unterschied zu heute: Copy-Paste-Plagiate wie die von Guttenberg konnten damals schon, und heute noch besser, ziemlich gut nachgewiesen werden, wenn jemand danach suchte – so wie seinerzeit die Wiki-Community. Bei KI-Texten reichen heute aber gute Prompts, und das Risiko, zweifelsfrei entdeckt zu werden, sinkt.

Durchhaltevermögen? Kann man auch anders lernen als mit Hausarbeiten

Das Argument, man lerne durch Hausarbeiten vor allem Durchhaltevermögen, überzeugt mich nur bedingt: Diese Ausdauer könnte sich eher in einem monatelangen Praxisprojekt beweisen als in einer Textform, die heute ein Sprachbot in wenigen Minuten schreiben könnte. Denkbar wäre ein Projekt, bei dem nicht das fertige Ergebnis, sondern der dokumentierte Weg dorthin zählt – mit allen Rückschlägen und Umwegen. Einzelne Lehrkräfte erproben das bereits, beispielsweise im Informatikunterricht. Wo das zu aufwendig ist, bliebe immer noch die Lowtech-Lösung: eine mehrstündige Klausur unter Aufsicht, ganz ohne Hilfsmittel. Das Durchhaltevermögen zeigt sich dann eben bei der Vorbereitung darauf.

Ein Blick in die Ausbildung zeigt, dass Hausarbeiten längst nicht mehr reine Textform sein müssen. Bei IT-Berufen macht die betriebliche Projektarbeit 50 Prozent der Abschlussnote aus. Azubis liefern keinen Text über ein Thema ab, sondern setzen ein reales Projekt mit echtem Nutzen für ihren Betrieb oder Kund*innen um. Am Ende verteidigen sie ihre Entscheidungen in einem Fachgespräch. Die IHK hält fest: Von KI erzeugte Texte gelten nicht als eigene Prüfungsleistung. Aber selbst mit klarer Regel bleibt die Frage: Wer kann das überhaupt überprüfen? Und vor allem, wie?

Eine einfache Lösung gibt es nicht, auch eine mündliche Prüfung lässt sich mit auswendig gelernten ChatGPT-Antworten bestehen. Aber irgendeine Reform wird es brauchen. Denn wer heute noch mit einer klassischen Hausarbeit prüft, prüft die KI, nicht den Menschen dahinter.

Portrait Lilian Schmitt

Lilian Schmitt ist freie Wirtschaftsjournalistin für Print und Radio. Sie schreibt aktuell an ihrer Masterarbeit in VWL, die sie am liebsten gegen ein Praxisprojekt eintauschen würde.

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Illustration: Renke Brandt