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Homo-Hymnen

Was lief in der Jukebox des „Stonewall Inn“? Und wie wirkte der Aufstand vor 50 Jahren in der Popmusik nach? Eine Playlist mit queeren Hits aus fünf Jahrzehnten

  • Eine Maxisingle
Gay Pride Party in New York (Foto:  EMIL COHEN/NYT/Redux/laif)

Diana Ross And The Supremes „The Young Folks“ (1969)

Achtung: Wenn du die Playlist abspielst, kann Spotify dich tracken.

Einige Stammgäste des „Stonewall Inn“ haben sich zur Stonewall Rebellion Veterans Association zusammengetan. Dank ihnen ist gut dokumentiert, welche Songs im Juni 1969 in der Jukebox der Bar zur Auswahl standen. „The Young Folks“ von Diana Ross And The Supremes war in der Bar ein Hit. Der opulente RnB-Song voll buttriger Geigen konnte queere Menschen gut zum Widerstand gegen Polizeigewalt anstacheln mit Zeilen wie: „They’re marching with signs / They’re standing in lines, yeah / Protesting your right to turn out the light.“ Wer mit „they“ gemeint ist, ist nicht ganz klar – vermutlich Vietnamkriegsgegner, schwarze Bürgerrechtler oder Hippies? Queere Menschen mussten sich lange darin üben, aus Botschaften, die nicht ausdrücklich an sie gerichtet waren, etwas für sie Sinnhaftes herauszulesen. Diana Ross wurde in den 1970er-Jahren dann zur Schutzheiligen der Queeren, und sie genoss diesen Status so sehr, dass sie ihnen 1980 den hedonistisch-solidarischen Hit „I’m Coming Out“ schenkte.

 Ton Steine Scherben „Komm schlaf bei mir“ (1972)

In Westdeutschland wurde 1969 endlich die Anwendung des Paragrafen 175 ausgesetzt, der männliche Homosexualität lange kriminalisiert hatte. Im Jahr darauf entschied sich Rio Reiser, Sänger der linken Westberliner Band Ton Steine Scherben, offen schwul zu leben, jedenfalls in seinem engeren sozialen Umfeld. Es sollte kein Geheimnis mehr sein. Das sprach sich herum – weit über die autonome Kreuzberger Häuserkampf-Szene hinaus, aus der Ton Steine Scherben stammten. „Komm schlaf bei mir“ wurde also von all jenen, die den Song verstehen sollten, ganz genau richtig verstanden – als die erste schwule Liebesballade der Bundesrepublik. Obwohl im Text nicht ein einziges Mal ausdrücklich ein Mann adressiert wird. „Ich bin nicht unter dir, ich bin nicht über dir / Ich bin neben dir / Komm schlaf bei mir“: In den Zeilen steckt auch ein egalitäres Versprechen – die Verbindung von Lust und Brüderlichkeit zu so etwas wie linker Sexpolitik.

Carl Bean „I Was Born This Way“ (1977)

Bin ich schon schwul auf die Welt gekommen, und falls ja: warum? Die Frage ist so alt wie gleichgeschlechtliches Begehren. Der schwarze Gospelsänger Carl Bean beantwortete sie 1977 mit: weil Gott es so gewollt hat! Im Refrain seines Disco-Hits singt er „I’m happy, I’m carefree, I’m gay, I was born this way“. Solche Zeilen waren 1977, mehr als drei Jahrzehnte vor Lady Gagas Hit „Born This Way“, noch ein mutiges Statement. Es war der erste explizit queere Song, der in den USA auf einem großen Plattenlabel erschien (Motown), und er wurde quasi zur inoffiziellen Nationalhymne der queeren Emanzipationsbewegung. Carl Bean gründete später in Los Angeles das Unity Fellowship Church Movement, eine LGBTQ-freundliche protestantische Gemeinde, deren Erzbischof er bis heute ist. Ihr Motto: „God is Love and Love is for everyone“.

 Sylvester „You Make Me Feel (Mighty Real)“ (1978)

Sylvester war die glamouröse, geschlechtswandelnde Disco-Diva, die im höchsten Gospel-Falsett von der Befreiung des Körpers und der Sexualität sang. „Space-Age Gospel“ nannte sie – oder er, Sylvester blieb da gerne unbestimmt – den elektrisch glitzernden Disco-Sound. Bei queeren Menschen kam er sehr gut an, weil Synthesizer und Sequenzer damals so neuartig klangen, und das neue queere Selbstverständnis brauchte ja einen adäquaten neuen Sound. Tanzen ließ sich zu ihm sehr gut. Im Jahr zuvor hatte schon „I Feel Love“ ähnlich geklungen, der von Giorgio Moroder in München produzierte Donna-Summer-Hit. Aber ein betont heterosexueller Musikproduzent mit Schnauzbart, der im Studio die hübsche Sängerin dazu bringt, lasziv zu stöhnen: War das nicht arg heteronormativ? „You Make Me Feel (Mighty Real)“ aus San Francisco war viel queerer – und machte Sylvester zur Ikone.

Frankie Goes To Hollywood „Relax“ (1983)

1983 deutete sich schon die Aids-Krise an, und mitten hinein platzte dieser Pop-Schock aus London. Frankie Goes To Hollywood traten als harte Lederkerle auf, nicht so karnevalesk wie die New Yorker Village People, die man ja für Comicfiguren halten konnte, weswegen man auch ihre Sexualität vielleicht gar nicht so ernst nehmen musste. FGTH hingegen wirkten absolut authentisch und für viele deswegen umso bedrohlicher. In „Relax“ geht es kaum verklausuliert um die Freuden des Analsex. Der Sänger der Band, Holly Johnson, war zehn Jahre später der erste Popstar, der seine HIV-Infektion publik machte. Nicht freiwillig: Das britische Klatschblatt „The Sun“ hatte von seiner Diagnose Wind bekommen und ihn erpresst. Johnson kam der Enthüllungsstory noch zuvor. Es war ein wichtiger Schritt gegen die Stigmatisierung und Skandalisierung dieser Krankheit.

Bronski Beat „Smalltown Boy“ (1984)

Wie fühlt es sich an, als queerer Teenager das kleinstädtische Elternhaus verlassen zu müssen, weil Mutter und Vater nicht damit klar kommen, dass ihr Sohn auf Männer steht? „Smalltown Boy“ war 1984 der erste Pop-Hit, der dieses Drama explizit besang: „Run away, turn away, run away (crying to your soul)“. Trauer vermischt sich mit Optimismus – denn die neue Heimat, das heißt: die schwule Szene in der Großstadt, verspricht mehr Toleranz, Freude, Lust und Gemeinschaft. Jimmy Somerville, der schottische Sänger des Trios, hatte sich seinen Falsettgesang bei schwarzen Disco-Diven wie Sylvester abgehört. Bronski Beat waren eine politische Band: Auf ihrem Debütalbum „The Age Of Consent“ gab es Songs gegen Krieg und Kapitalismus („No More War“, „Love and Money“). Queere Emanzipation, die andere Problemfelder mit thematisiert. Heute würde man das intersektionales Denken nennen.

Malcolm McLaren And The Bootzilla Orchestra „Deep In Vogue“ (1989)

Was hat ausgerechnet Malcolm McLaren, der große Förderer und zugleich Ausbeuter des Punk und Hip-Hop, mit queerer Emanzipation zu tun? Er stibitzte 1989 die Bassline des Disco-Klassikers „Love Is The Message“ und baute daraus seinen Song „Deep In Vogue“. Der ging aber vor allem aufgrund des dazugehörigen Videos in die Pop-Geschichte ein, denn mit ihm bekam die globale MTV-Öffentlichkeit zum ersten Mal einen Eindruck von dem queeren New Yorker Tanzstil Voguing. Der heißt so, weil man sich zu den Beats bewegt wie ein Model in einer Fotostrecke des Magazins Vogue – selbst wenn man gar kein Model ist, sondern unter Umständen arm, diskriminiert, obdachlos. Voguing ist getanzte Selbstbehauptung, oder: performativer Glamour. Im Video sieht man den legendären New Yorker Tänzer Willi Ninja. Ein paar Monate später veröffentlichte dann Madonna ihr „Vogue“-Video. Bis heute denken viele, sie sei der erste Popstar gewesen, der Voguing aus den schwarzen Ballrooms von New York aufgriff. Stimmt nicht. Malcolm McLaren war vorher da. Heute lebt diese Zeit wieder auf in der tollen TV-Serie „Pose“ (auf Netflix).

k.d. lang „Miss Chatelaine“ (1992)

Die Kanadierin k.d. lang war 1992 eine der ersten Frauen, die im Pop ein Coming-out wagten. Sie ist eine Ikone – aufgrund ihrer lockeren, zeitgenössischen Interpretation von Countrymusik, aber auch aufgrund ihres Butch-Looks. Mancher würde den als „männlich“ oder „androgyn“ bezeichnen, wobei man andersherum sagen könnte: Es ist ein Look, der nun mal nicht mitmacht bei extremen Übertreibungen von Weiblichkeit. Genau das Thema griff k.d. lang in ihrem Hit „Miss Chatelaine“ auf. Sie war 1988, noch vor ihrem Coming-out, vom kanadischen Frauenmagazin Chatelaine zur „Women of the Year“ gekürt worden, und die Grafiker des Magazins hatten ihr – vermutlich weil sie ihnen auf dem Coverfoto nicht „weiblich“ genug ausah – ungefragt per Airbrush die Lippen rot geschminkt. Im ironischen „Miss Chatelaine“-Video sieht k.d. lang mit Lippenstift, Blumenohrringen und ondulierter Hochsteckfrisur sehr viel merkwürdiger und „unnatürlicher“ aus denn als Butch-Lesbe. Wie sagte schon Patti Smith: „Any gender is a drag.“

RuPaul „Supermodel (You Better Work)“ (1992)

Womit wir bei RuPaul Charles wären. Die 1,93 Meter große Dragqueen, die mit High Heels und Perücke sogar über 2,20 Meter aufragt, ist hauptverantwortlich dafür, dass Drag heute ein weltweites Phänomen ist. Immer mehr Menschen verstehen zum Glück, dass es dabei nicht darum geht, dass Schwule sich nur möglichst weiblich auffummeln, weil sie es halt lustig finden. Sondern Drag ist eine Kritik am starren, binären Geschlechtersystem, indem es vorführt, wie beliebig sich Eindrücke von Geschlechtszugehörigkeit ändern und manipulieren lassen. „Supermodel (You Better Work)“ war der erste Hit von RuPaul. Das dazugehörige Video war auf MTV eine Sensation – vor allem, weil RuPaul darin mit Highheels Basketball spielt. Im Song tauchen auch schon zwei magische Worte auf, mit denen RuPaul heute, als Host seiner eigenen, immer erfolgreicher werdenden Reality-Show „RuPaul’s Drag Race“, die Wettbewerber am Ende jeder Folge entweder eine Runde weiter befördert oder nach Hause schickt: „Shantay!“ und „Sashay!“.

Antony And The Johnsons „For Today I Am A Boy“ (2004)

„One day I’ll grow up, I’ll be a beautiful woman“: Einem kleinen Jungen wird schmerzhaft bewusst, dass er eben kein Junge ist, sondern ein Mädchen. Sie singt das herzzerreißendste Transgender-Selbstvergewisserungsliedchen, das die Welt je gehört hat. Antony Hegarty nennt sich heute Anohni und brachte in den Nullerjahren mit Anklängen an Kammermusik, Goth-Ästhetik und dramatischem Zittern in der Stimme eine ganz neue Farbe in die queere Popmusik. Wer den Bezug nicht gleich erkannte, dem erklärte Anohni, dass ihre Band The Johnsons nach Marsha P. Johnson benannt ist. Die schwarze New Yorker Dragqueen war eine der zentralen Figuren, die 1969 vor dem „Stonewall Inn“ auf die Straße gingen und im Anschluss daran begannen, jährliche Gedenkmärsche zu organisieren, bei denen heute weltweit für die Rechte der Queeren protestiert wird. Über sie berichtet  eine gute Doku: „The Death and Life of Marsha P. Johnson“.

Big Freedia „Excuse“ (2011)

Queere Selbstbefreiung durch rhythmisches Arschwackeln: In der Bounce-Szene von New Orleans ist das selbstverständlich. Das passt allerdings kaum zu dem Klischee, dass die Südstaaten ein erzkonservatives Terrain sind. In New Orleans jedenfalls geht es gut zusammen, wenn auf Bounce-Partys Frauen wie Männer ihre Hintern zu hyperschnell ratternden Hip-Hop-Beats rotieren lassen und dabei von queeren MCs wie Big Freedia angefeuert werden. Die Bounce-Szene bekam international nie viel Aufmerksamkeit – bis die Pop-Queen Beyoncé vor drei Jahren in ihrem sensationellen „Formation“-Song einige Zeilen von Big Freedia sampelte, zum Beispiel: „I came to slay, bitch!“ Das Verb „to slay“ gehört seitdem ins Alltagsvokabular von Teenagern auf der ganzen Welt. Es bedeutet „jemanden ermorden“, oder, positiv gewendet, so etwas wie „es allen zeigen“. Viele wissen gar nicht, dass diese Umdeutung aus dem schwarzen queeren Selbstermächtigungswortschatz stammt.

Frank Ocean „Forrest Gump“ (2012)

Frank Ocean ist in einen Footballspieler verknallt und himmelt diesen während des Spiels an, oben vom Rang herab. Es wäre keine Überraschung, wenn der schwule Fan im Stadion nun verspottet oder drangsaliert wird. Sportarten wie Football gelten ja immer noch als extrem homophobe Welten. Hier aber stimmt irgendwann das ganze Stadion solidarisch in den Chor ein: „You run my mind boy!“ Das ist nicht nur feinste, herzerwärmendste R&B-Musik, sondern die Formulierung einer Utopie, wie es sein könnte, wenn Schwul- und Queersein irgendwann einmal wirklich kein Problem mehr sind, nirgends. Frank Ocean outete sich im Juli 2012, kurz vor der Veröffentlichung seines Debütalbums „Channel Orange“. Die Reaktionen: größtenteils Lob, Unterstützung, Solidarität. Aber es war immer noch eine große Sache, weltweit gab es Schlagzeilen dazu. Ein Zeichen dafür, dass sich seit den Stonewall Riots 1969 sehr vieles verändert hat. Aber eben immer noch nicht genug.

Titelfoto:  Emil Cohen/NYT/Redux/laif 

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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