Bunte Collage mit zwei Personen in einer Landschaft aus Papieren und Geldscheinen

Sind Stipendien gerecht?

Stipendienprogramme sollen junge Menschen auf ihrem Bildungsweg unterstützen. Aber helfen sie gegen soziale Ungleichheit, oder landet das Fördergeld eh nur bei privilegierten Kids aus studierten Familien? Unsere Autorinnen streiten

Von Samira Faidi und Paula Haase
Thema: Bildung
13. Mai 2026

Nein, weil sie nicht nur Leistung belohnen, sondern auch Privilegien, die lange vor der Bewerbung ungleich verteilt sind

sagt Samira Faidi

Stipendienprogramme tun oft so, als würden sie nur „die Besten“ auswählen. Was dabei übersehen wird: Nicht alle haben die gleichen Startvoraussetzungen, um zu den Besten dazuzugehören.

Für Kinder, deren Eltern nicht studiert haben, ist der Weg an die Hochschule nicht vorgezeichnet, sie müssen ihn sich erkämpfen. Von 100 beginnen nur 27 ein Studium, bei Kindern aus akademischen Elternhäusern sind es 79. Der soziale Vorsprung beim Studienstart wird ein weiteres Mal beim Stipendienverfahren belohnt: Manche bewerben sich aus einem Kinderzimmer mit Büchern, Ruhe und Tipps von studierten Eltern. Andere bewerben sich zwischen Nebenjob und BAföG-Stress.

Über Jahre den perfekten Lebenslauf zu bauen, erfordert Zeit und finanzielle Sicherheit – die nicht alle haben

Wenn Förderprogramme nach Leistung und sozialem Engagement auswählen, beginnt die Konkurrenz nicht erst mit einem gut geschriebenen Motivationsschreiben, sondern schon viel früher. Denn über mehrere Jahre den perfekten Lebenslauf zu bauen, erfordert oft Zeit und finanzielle Sicherheit – von denen Leute aus akademischen Familien tendenziell mehr haben. Außerdem können sie vielleicht von ihren Eltern besser lernen, wie man sich vor einem Gremium als Musterstipendiat:in zu inszenieren hat. So haben es Menschen aus akademischen Familien leichter, sich in Auswahlverfahren durchzusetzen.

Für Ehrenamt, Sprachkurse, Hochschulnetzwerke und Gratispraktikum bleibt vielen Nichtakademiker:innenkindern oft weder Zeit noch Kohle: keine finanzielle Rückendeckung durch die Eltern, dafür aber die ständige Angst, dass beim nächsten Mal Geldabheben der Automat verweigert. Nicht jede Lücke im Lebenslauf ist fehlendes Engagement. Oft resultiert sie daraus, dass Studium und Existenzsicherung gleichzeitig organisiert werden müssen.

Eine Recherche der „Süddeutschen Zeitung“ zeigt, dass weit mehr als die Hälfte der Stipendiat:innen in den Begabtenförderungswerken keinen BAföG-Anspruch hat. Viele Stipendienprogramme werden auch mit staatlichen Mitteln finanziert, beim Deutschlandstipendium kommt etwa die Hälfte der Förderung vom Bund. Die geht also in vielen Fällen nicht an die Bedürftigsten, sondern an diejenigen, die ihr Studium nach den geltenden Kriterien auch ohne BAföG finanzieren könnten. Damit verteilen einige Stipendienprogramme öffentliche Gelder nach oben um.

Ein faires Stipendiensystem sollte nicht alle Bewerbungen gleich behandeln

Menschen mit viel Erwerbsarbeit und wenig Systemwissen haben strukturell schlechtere Karten. Wer als Erste:r in der Familie studiert, kann vieles nicht einfach zu Hause nachfragen. Daher sind Nichtakademiker:innenkinder häufig erst einmal damit beschäftigt, Kontakte zu knüpfen und überhaupt zu verstehen, wie die Uni funktioniert und welche Bildungs- und Fördermöglichkeiten es gibt. Das kann Studierende mit Migrationshintergrund besonders betreffen. Mehr als die Hälfte von ihnen sind Bildungsaufsteiger:innen. Ihr akademischer Erfolg hängt eng mit den familiären Ressourcen zusammen, beispielsweise ob in der Familie die deutsche Sprache gesprochen wird und wie gut sie das hiesige Bildungssystem kennen.

Das Stipendiensystem hält privilegierte Biografien für förderwürdig, nicht die Potenziale einer Person. Einige Förderprogramme, die eigentlich Chancenungleichheit reduzieren könnten, bestätigen damit dieselben ungerechten Muster, die viele junge Menschen aus dem Bildungssystem ohnehin schon kennen. Wer aber aus einem Elternhaus kommt, das Studiengebühren, Miete, Laptop sowie Notfälle jederzeit auffangen kann, braucht in meinen Augen keine weitere finanzielle Förderung. Ein faires Stipendiensystem sollte nicht alle Bewerbungen gleich behandeln, sondern versuchen, Chancenungleichheit aufzuheben.

Portrait Samira Faidi

Samira Faidi studiert Politikwissenschaft und Philosophie. Sie schreibt über soziale Ungleichheit, Machtverhältnisse und hinterfragt das Prinzip von Leistung.

Ja, Stipendien sind gerecht, weil es für fast jede Lebenslage ein passendes Programm gibt

sagt Paula Haase

Stipendien haben in Deutschland ein Imageproblem. Viele denken dabei an Einser-Abi, Hochglanzlebensläufe und Menschen, die in ihren 20 Lebensjahren schon vermeintlich alles „richtig“ gemacht haben. Wer aber genauer hinschaut, sieht: Das sind nicht die einzigen Menschen, die von Stipendien profitieren können. Es gibt genug Stiftungen: für die Überflieger und die, die es aufgrund ihrer Lebensumstände schwer haben. In einem ohnehin ungleichen Bildungssystem wäre es noch ungerechter, auf Stipendien zu verzichten.

Gerechtigkeit heißt nicht, dass alle dieselbe Förderung bekommen. Gerechtigkeit heißt, dass unterschiedliche Lebenslagen und Hintergründe ernst genommen und Nachteile ausgeglichen werden. Stipendien können einen Beitrag dazu leisten, ungleiche Startbedingungen etwa für Arbeiter:innenkinder und Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind, auszugleichen. Es gibt Förderungen für Menschen mit chronischen Erkrankungen, für Alleinerziehende, für Studierende aus nicht-akademischen Elternhäusern sowie solche mit Flucht- und Migrationshintergrund. Wer behauptet, Stipendien seien nur etwas für klassische Überflieger, blendet einen großen Teil der Angebote aus.

Ein unperfekter Lebenslauf ist längst nicht überall ein Nachteil. Er kann sogar ein Argument für Förderung sein

Über 2.000 Organisationen in Deutschland vergeben Stipendien. Zu den 13 staatlich geförderten Begabtenförderungswerken kommen Hunderte kleinere und regionale Stipendiengeber. Oft zählen nicht nur Noten, sondern auch sozialer Hintergrund, Studienfach oder Engagement. Ein unperfekter Lebenslauf ist längst nicht überall ein Nachteil. Er kann sogar ein Argument für Förderung sein, weil er zeigt, unter welchen Bedingungen Leistung überhaupt erbracht wurde.

Natürlich haben manche Programme hohe bürokratische Hürden. Anschreiben formulieren, Zeugnisse zusammensuchen, Empfehlungsschreiben organisieren von Dozierenden, die dafür bekannt sind, kaum auf Mails zu antworten. Bewerbungen kosten Zeit und Nerven. Aber vielen kleineren Stiftungen reichen eben oft auch ein Anschreiben und Lebenslauf. 

Und vor allem: Man muss nicht immer jeden Punkt auf einer Ausschreibung schon erfüllt haben. Vieles lässt sich begründen. Wie soll man Auslandserfahrung nachweisen, wenn die eigenen Eltern noch nie das Land verlassen haben? Wie soziales Engagement nachweisen, wenn man neben dem Vollzeitstudium noch einen Teilzeitjob hat und an den Wochenenden Schichten im Club kloppt, damit man sich sein Leben gerade so leisten kann? All das muss in die Bewerbung – auch wenn es unangenehm ist. Wer ein Stipendium will, der muss mit seinen Lebensumständen selbstbewusst umgehen.

Stipendien können verhindern, dass Herkunft über die Zukunft entscheidet

Gerade hier liegt die Stärke von Stipendien: Sie können Unterschiede belohnen, statt sie zu bestrafen. Wer neben dem Studium arbeitet, sich um Geschwister kümmert oder ohne akademisches Umfeld seinen Weg an die Hochschule findet, bringt oft genau die Beharrlichkeit mit, die in Förderprogrammen zählen sollte.

Natürlich ist das System nicht perfekt. Es gibt eine reale Schieflage, die behoben werden muss. Wie das gehen kann: mehr Sichtbarkeit, niedrigere Bewerbungsbarrieren, bessere Beratung an Hochschulen.

Denn Stipendien verteilen nicht nur Geld, das man im Gegensatz zu einem Teil des BAföG oder Studienkrediten nicht zurückzahlen muss. Stipendien verschaffen Zeit und Netzwerke. Sie machen Benachteiligungen beim Zugang zu Bildung nicht ungeschehen. Aber sie können verhindern, dass Herkunft über die Zukunft entscheidet.

Portrait Paula Haase

Paula Haase arbeitet als freie Journalistin. Seit sie selbst am Ende ihres Studiums ein Stipendium bekommen hat, drängt sie alle ihre Freund:innen dazu, sich zu bewerben.

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Illustration: Renke Brandt