Du sollst nicht DJ Ötzi spielen
Julica Goldschmidt ist Stadion-DJ beim SC Freiburg. Welchen Song feiern 34.000 Menschen? Was spielt man nach Niederlagen? Das sind ihre zehn Gebote
1) Die Kurve entscheidet.
Was die Fans anstimmen, hat immer Vorrang. Immer. Sobald es eine Interaktion zwischen Mannschaft und Publikum gibt, drehe ich sofort die Musik leiser. Die Kurve gibt die Stimmung vor, ich unterstütze nur.
2) Trau dich was …
Ich bin hier aufgewachsen, liebe den Verein. Aber der Anfang war nicht leicht. Mein Vorgänger war 35 Jahre lang die Stimme des SC. Das waren riesige Fußstapfen. Nach meinem ersten Bundesligaspieltag vor drei Jahren schrieben mir Fans, ich würde zu sehr versuchen, wie mein Vorgänger zu sein. Seitdem streue ich meinen eigenen Geschmack mehr ein.
3) … aber übertreib es nicht.
Als ich anfing, war die klare Ansage des Vereins, dass sie rockiger werden wollen. Auch mal die Red Hot Chili Peppers, so was. Fand ich super. Aber Fans mögen Kontinuität. Neue Songs sollte man vorsichtig einstreuen. Nicht gleich zehn neue Lieder an einem Spieltag. Ich muss mich nicht künstlerisch profilieren, das ist nicht meine Show.
4) Identifikation geht immer.
Lieder, die Verein und Region besingen, kann man immer spielen. Bei uns ist es das „Badnerlied“. Da singt jeder mit, Kleinkinder, Rentnerinnen, Dauerkarteninhaber. Alle Schals nach oben, Gänsehaut.
5) Vorsicht mit neuen Hymnen!
Einer unserer Fansongs heißt „SC Freiburg vor!“. Die Band Fisherman’s Fall hat ihn geschrieben, als der SC auf der Suche nach einer Vereinshymne war. Das Lied läuft vor jedem Spiel, wir rufen zusammen „Bier, Bier“ und „Wein, Wein“. Das funktioniert nicht für alle, manche finden den Song super, andere zu schlagermäßig.
6) In der Halbzeit muss ein Banger kommen.
Bei mir läuft in der Pause immer „Sweet Caroline“. Den habe ich von meinem Vorgänger übernommen, funktioniert einfach. Hits zum Mitsingen braucht jedes Stadionprogramm.
7) Ballermann geht nicht.
Einmal lief „Anton aus Tirol“ von DJ Ötzi. Danach kamen sogar vom Rasen Beschwerden. Malle- und Skihüttenhits funktionieren hier nicht, das bricht mit unserem Selbstverständnis als Traditionsclub.
8) Drück auch mal auf die Tränendrüse.
Wenn wir in letzter Minute verlieren, koste ich das voll aus. Da kommt schon mal „Bitter Sweet Symphony“ von The Verve oder „Tears Dry On Their Own“ von Amy Winehouse. Ich habe eine eigene Playlist für Niederlagen, die heißt „💔“.
9) Check deine Technik.
An Spieltagen ist mein Smartphone mit der Stadionanlage verbunden. So kann ich Songs aus der Hosentasche spielen, spontan und ganz nach Stimmung. Ich habe einen kleinen Sohn, da warten schon mal Unfälle in der Warteschlange meines Streaming-Accounts. Einmal lief im vollen Stadion kurz „PJ Masks – Pyjama-Helden“. Ist aber keinem aufgefallen.
10) Bitte um Hilfe.
Ich durfte bei Christian Streichs Abschied die Stadionmusik machen. Er war hier ewig Trainer, eine Ikone. Das war eine große Ehre und großer Druck. Ich fragte einen seiner engsten Freunde, was Christian gefallen könnte. Auf „Lust for Life“ von Iggy Pop wäre ich nie gekommen. Die Spieler frage ich aber nicht, was sie hören wollen. Die meisten kommen schon mit Kopfhörern auf den Platz und sind dann so aufs Spiel konzentriert, dass sie die Musik eh nicht hören.
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