Eine Frau schreit in einem geparktem Auto

Zeugin der Anklage

Faraz Shariats Film „Staatsschutz“ erzählt von einer jungen Staatsanwältin, die rassistische Gewalt erfährt und plötzlich gegen die Behörde kämpft, für die sie arbeitet

Von Juraj Jordan
Thema: Kultur
27. August 2026

Worum geht’s?

Um die junge koreanisch-deutsche Staatsanwältin Seyo Kim, gespielt von Chen Emilie Yan, die in einer namenlosen ostdeutschen Stadt am Beginn ihrer Karriere steht. Nachdem sie von Neonazis angegriffen wird, schlüpft sie unfreiwillig in eine Doppelrolle und wird zur Nebenklägerin in eigener Sache. Früh steht fest, dass die Staatsanwaltschaft, bei der sie arbeitet, den Fall und die rassistischen Implikationen der Tat nicht ernst nimmt und sogar aktiv versucht, sie zu vertuschen. Die wahren Ausmaße des Falls und der behördlichen Verstrickungen offenbaren sich aber erst im Laufe des Films. Beim Versuch, sie aufzudecken, gerät nicht nur das Verfahren, sondern auch die Karriere und das Leben von Seyo in Gefahr. 

Worum geht es eigentlich?

Es geht um die Frage, was passiert, wenn das deutsche Justizsystem rechte Gewalt verharmlost. Und um ein daraus resultierendes Gefühl der Ohnmacht bei den Menschen, die von der Gewalt betroffen sind. Wie tief diese Ohnmacht in der Realität verankert ist, hat sich in der Vergangenheit gezeigt. Bei den Taten des rechtsterroristischen NSU verdächtigten die Ermittler:innen jahrelang aus Voreingenommenheit die Angehörigen der Ermordeten wegen ihrer Herkunft. Aus der leiteten sie eine Nähe zum Drogenmilieu oder zur organisierten Kriminalität ab, anstatt ein rassistisches Motiv zu verfolgen. Ähnlich fatale Fehler der Sicherheitsbehörden förderte der Untersuchungsausschuss zum sogenannten Neukölln-Komplex zutage – einer rechtsextremen Anschlagsserie mit mehr als 70 Straftaten, bei der Verfahren teilweise zu früh eingestellt und beispielsweise ein Opfer trotz konkreter Hinweise auf einen Anschlag nicht gewarnt wurde. Gerade in dieser Nähe zu realen Fällen entfaltet „Staatsschutz“ seine wahre Wucht. 

Eine Frau sitz zwischen Regalgängen voller Akten und liest mit Taschenlampe

Überstunden: Seyo Kim (Chen Emilie Yan) will sich nicht zufrieden geben mit den Ermittlungen ihrer Behörde 

Wie ist es erzählt?

Konsequent aus einer Perspektive: Bis auf wenige kurze Momente – genau eine Szene, die diese Nähe wirklich aufbricht – bleibt der Film bei Seyo Kim. Das macht ihre Transformation umso spürbarer. Mit schwindendem Vertrauen ins System und der wachsenden Erkenntnis, auf sich allein gestellt zu sein, entwickelt sich die besonnene Karrieristin zur kalten, entschlossenen Ermittlerin ohne Rücksicht auf Verluste. Dafür bricht der Film mutig Genregrenzen auf und bedient sich klischeehafter Hollywood-Stilmittel, Schießstand und amerikanische Sportwagen inklusive. Irgendwo zwischen „Tatort“ und Rachethriller erinnert Seyo Kim immer mehr an eine deutsche John Wick. Wobei „Staatsschutz“ ohne Gewaltexzesse auskommt. Regisseur Faraz Shariat beschreibt in einem Interview, dass der Gedanke, Wut als etwas Produktives zu begreifen, ihn in der Arbeit an „Staatsschutz“ und der Figur Seyo Kim besonders beschäftigt habe. Trotz der Erzählform, die für das deutsche Kino unüblich ist, bleibt der Plot in weiten Teilen allerdings vorhersehbar. Echte Überraschungsmomente gibt es kaum – diese wenigen haben es dann aber in sich.

Zwei Frauen sitzen nebeneinander an einem Tisch in einem Raum mit Holzvertäfelung und Fenstern im Hintergrund

Wie umgehen mit der Wut über die eigene Ohnmacht? Das fragt sich Seyo Kim in „Staatsschutz“ 

Eindrücklichste Szene

Auf einer Landstraße wird Seyo von einem Polizeiauto überholt und angehalten. Die beiden Beamten verlangen erst ihre Papiere, fordern sie dann zum Aussteigen auf und schließlich, unter einem offensichtlich erfundenen Vorwand, zum Einsteigen in den Streifenwagen. Noch bleibt Seyo gelassen, raucht demonstrativ eine Zigarette. Sie lässt sich von der Schikane nicht einschüchtern. Spätestens auf der Wache, in der Zelle, hält diese Fassade nicht mehr. Für einen Moment wissen wir nicht, ob der Fall eine drastische Wendung erfährt und Seyos Heldenreise ein schmerzliches Ende findet. Als Seyo später wieder im eigenen Auto sitzt, bricht sich die Wut über Ohnmacht und Kontrollverlust Bahn und entlädt sich in einem lauten Schrei. Es ist die Szene, die am längsten nachhallt – und nicht zufällig der Moment, den auch das Filmplakat zitiert.

Lohnt sich das?

„Staatsschutz“ lohnt sich gleich mehrfach. Postmigrantische und queere Perspektiven (Seyos lesbische Liebesbeziehung wird im Film dezent nebenher erzählt) sind auf deutschen Kinoleinwänden nach wie vor Seltenheit. Wie schon mit seinem Spielfilmdebüt „Futur Drei“ schließt Shariat diese Lücken, diesmal im Genre Krimi. Die Performance des gesamten Casts und die Aktualität des Themas machen den Film darüber hinaus absolut sehenswert.

„Staatsschutz“ läuft ab dem 27. August im Kino.

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Fotos: Lotta Kilian, Jünglinge Film