links: grüne Kunststoffstühle mit Rosenblättern auf sandigem Boden. Rechts: mehreren uniformierten Personen in dunkler Kleidung und geschulterten Waffem

Macarons bei Macron

Wie feiern eigentlich Staaten? Zu Besuch in der Französischen Botschaft in Berlin

Text: Lena Fiedler und Fotos: Daniel Chatard
Thema: Demokratie
2. Oktober 2026

Kenny Abbey blickt durch die bodentiefen Fenster hinaus auf das Brandenburger Tor. Mitarbeitende sollen, so erzählt er, heute noch für den anstehenden CSD die Regenbogenflagge über dem Eingang der Französischen Botschaft befestigen. Eigentlich hängen hier nur zwei Fahnen: die französische Trikolore und die Europaflagge. So steht es im Protokoll, dem Regelwerk der Diplomatie: Es legt außerdem fest, wer zuerst die Hand gibt, wo Staatsgäste sitzen und welche Gesten politische Bedeutung haben. 

„Natürlich ist die Fahne politisch“, sagt Abbey. Ob die Regenbogenflagge zusätzlich zur Landesflagge gehisst wird, ist nicht allein eine Frage des Protokolls, sondern hängt von den Regeln und der Entscheidung des jeweiligen Staates ab. Frankreich hat sich dafür entschieden und setzt damit ein Zeichen, noch bevor der erste Gast eintrifft. 

Die Französische Botschaft in Berlin vertritt die Interessen Frankreichs und der französischen Staatsangehörigen in Deutschland. Sie wird vom Botschafter geleitet, der den französischen Präsidenten vertritt. In der Botschaft arbeiten ungefähr 250 Menschen. Einer davon ist Kenny Abbey. Der 37-Jährige leitet die Residenz und damit den Amtssitz des Botschafters. Seit zehn Jahren organisiert er Staatsbankette, politische Empfänge und Besuche von Präsidenten, Ministerinnen und Diplomaten. „Wenn etwas auf der Welt passiert, spüre ich hier sofort die Folgen“, sagt er. In der Botschaft finden Treffen zu den unterschiedlichsten politischen Themen statt, von der Energiepolitik bis zum Krieg in der Ukraine. 

Mehrere Boote mit feiernden Menschen auf einem Kanal in einer Stadt mit Bäumen und Häusern am Ufer

Die Fotos zu diesem Text zeigen Staatsfeiern in verschiedenen Ländern. Hier der „Koningsdag“ in Amsterdam, an dem alles orange ist

Uniformierter Reiter mit Federbusch auf weißem Pferd an einer Straßenecke vor einem Gebäude

Die Festa della Repubblica in Rom findet jedes Jahr am 2. Juni statt

Wer in die Französische Botschaft eingeladen wird, soll nicht nur bewirtet werden, sondern Frankreich erleben. Am deutlichsten wird diese Inszenierung am französischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli. Rund 900 Gäste kamen dieses Jahr in die Botschaft. Jede Abteilung habe die Möglichkeit, eine eigene Gästeliste zusammenzustellen. Ebenso der Botschafter selbst, der mit seiner Rede den wichtigsten Beitrag beisteuert. Unter den Gästen sind Botschafterinnen und Botschafter aus der ganzen Welt, Politikerinnen und Politiker aus Berlin und andere Menschen, mit denen die Botschaft Verbindungen pflegt, etwa aus Wirtschaft oder Kultur. Rund 30 Kellnerinnen und Kellner kümmerten sich um Essen und Getränke, dazu waren 30 bis 40 Botschaftsmitarbeitende im Einsatz. Bezahlt wird die Feier zum Nationalfeiertag hauptsächlich von französischen und deutschen Unternehmen. Warum der Nationalfeiertag so groß gefeiert wird? Abbey lacht: „Muss man das klein feiern?“ Das Fest ermögliche der Botschaft, sich darzustellen und Beziehungen zu pflegen.

Die meisten Gäste betreten das Gebäude über den Nebeneingang. Nur Botschafterinnen und Botschafter fahren direkt vor den repräsentativen Eingang am Pariser Platz. Dort begrüßt Abbey sie persönlich. Bevor die Limousine hält, wirft er einen Blick auf eine Tabelle. Die Ziffern auf den Diplomatenkennzeichen verraten ihm, welches Land gleich vorfährt. Den Namen des Gastes sollte man besser parat haben, bevor sich die Autotür öffnet.

Am Fuß der breiten Treppe wacht der französische Präsident Emmanuel Macron im DIN-A3-Format über den Empfang. An den Wänden hat der Künstler Niele Toroni rote, weiße und blaue Farbpunkte gesetzt. Die Farben tauchen überall wieder auf: auf Broschen, Servietten, kleinen Details der Einrichtung. Selbst der symbolisch für Frankreich stehende gallische Hahn steht als Dekoration auf einem Tisch. In der Botschaft ist nichts zufällig. Jede Entscheidung prägt das Bild Frankreichs in Deutschland.

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Auf Tabletts warten süße Macarons in verschiedenen Farben. Und Champagner. Den gebe es immer, sagt Abbey. „Auch mittags.“ Er lacht. Das Dinner ist der Zeitpunkt jeder Feier, bei der die meisten Fehler im Protokoll passieren können. Nicht darauf zu achten, wer keinen Alkohol trinkt, zum Beispiel. Oder keine Rücksicht auf Essgewohnheiten zu nehmen, die Gäste vorab bekannt gegeben haben. „Solche Fauxpas sind zu vermeiden“, sagt der Leiter der Residenz. 

Ein besonders heikler Moment des Dinners: die Sitzordnung. Im großen Salon steht eine ovale Tafel. Der Botschafter sitzt normalerweise mit dem Brandenburger Tor im Rücken. Ihm gegenüber lässt sich der Ehrengast nieder – mit dem besten Blick auf den Pariser Platz. Rechts des Botschafters sitzt der zweitwichtigste Gast, rechts vom Ehrengast der drittwichtigste. Wer wie wichtig ist, ergibt sich aus einer festgelegten Hierarchie, die Abbey und sein Team offiziellen Dokumenten entnehmen. Sind Menschen gleichrangig, geht es nach dem Alphabet. Bleibt jemand kurzfristig weg oder erscheint unangemeldet, muss Abbey die gesamte Sitzordnung neu organisieren – und dabei die richtige Rangfolge einhalten. 

„Wir sind hier, um die französische Kultur zu vertreten“, sagt Abbey. Deswegen werden ausschließlich französische Weine und Gerichte serviert. Ein Gericht wie Couscous oder eine Tajine, die zur Kultur nordafrikanischer Länder zählen, kämen daher nicht auf den Tisch, obwohl sie in Frankreich viel gegessen würden. Die Weine sind handverlesen. In Frankreich sei man stolz auf seine Küche. In Abbeys Büro stehen einige Flaschen, die „noch durch meine Qualitätskontrolle müssen, bevor sie in den Weinkeller einziehen dürfen“, sagt er und lacht. 

Bei Empfängen oder politischen Treffen dekoriert Abbey schlicht, aber achtet auf Qualität. Die Blumen kommen vom Floristen des nahe gelegenen Luxushotels Adlon. Von seinen Gästen hört Abbey häufiger, dass man in der Französischen Botschaft besser esse als bei den anderen. Und man feiere hier auch länger. Bei jedem Empfang, und sei er noch so klein, möchte Abbey den Gästen etwas zu trinken oder zu essen anbieten. „Auch wenn es nur eine Limo ist.“ 

Titelbild des fluter 100, Thema: Feiern, er zeigt eine Person beim Tanzen vor orangem Hintergrund
Dieser Artikel ist aus dem fluter „Feiern“.
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