Illustration auf der ein eingeschüchtert wirkender Jung von dem bedrohlichen Schatten eines Mannes umarmt wird

„Kinder müssen ihre Rechte kennen“

Jedes Jahr erleben Tausende Kinder in Deutschland sexualisierte Gewalt. Warum nicht nur Erwachsene zu Tätern werden, erzählt uns Erziehungswissenschaftlerin und Beraterin Ursula Enders im Interview

Interview: Robert Hofmann
Thema: Körper
28. Januar 2026

!! Triggerwarnung: Dieser Text schildert explizit sexualisierte Gewalt !!

fluter: Frau Enders, wo beginnt für Sie sexualisierte Gewalt?

Ursula Enders: Schon wenn jemand auf die Brüste oder den Penis einer anderen Person starrt. Oder wenn jemand sexualisierte Dinge sagt wie „du Schlappschwanz“ – oder ungefragt sexualisierte Bilder herumzeigt. In unserer Beratungsstelle unterscheiden wir aber zwischen Grenzverletzungen und Übergriffen. Ersteres passiert oft zufällig und ungewollt. Wenn ich etwa in ein Badezimmer gehe, in dem gerade jemand ist, der seine Ruhe will. Dann entschuldige ich mich, und es ist okay. Ein Übergriff wird es, wenn ich das gezielt beziehungsweise wiederholt tue. Auch bei Kindern. Wenn Kinder spüren, dass Erwachsene übergriffiges Verhalten nicht akzeptieren, lernen sie, die eigenen Grenzen zu erkennen und zu setzen – und davon zu berichten, wenn jemand diese verletzt. Auch wenn es um das Verhalten von Kindern untereinander geht.

Die Pädagogin, Traumatherapeutin und Autorin Ursula Enders leitet Zartbitter e.V., eine Beratungsstelle gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Sie ist Herausgeberin des Sachbuchs „Zart war ich, bitter war’s“.

Was meinen Sie damit?

Sexualisierte Gewalt geht auch von Kindern und Jugendlichen aus. Zartbitter beobachtet im Beratungsalltag, dass sehr häufig bereits fünf-, sechs- oder siebenjährige Kinder übergriffig werden. Vielen ist aufgrund einer recht unklaren pädagogischen Haltung der Erwachsenen gar nicht bewusst, dass sie sich falsch verhalten. Die Politik und Öffentlichkeit reden aber meist nur über erwachsene Täter und wie man diese therapieren kann. Dabei kann man mit gezielter Präventionsarbeit ab dem Kindergartenalter viel mehr erreichen.

Wie sieht es aus, wenn Kinder übergriffig werden?

In der Grundschule tun sich zum Beispiel gerade Jungen zusammen, die keine männliche Identifikationsfigur haben, und bestätigen sich ihre „Männerrolle“ durch sexualisierte Rituale. Da gibt es zum Beispiel TikTok-Trends wie den „Arschbohrer“. Dabei legt man die Handflächen aneinander, streckt die Zeigefinger aus und steckt sie in den Po einer Person. Das ist schon fast wie ein Begrüßungsritual.

Was kann man tun, um Kinder zu befähigen, sich gegen Übergriffe zu wehren?

Kinder müssen ihre Rechte kennen. Damit meine ich nicht nur die „klassischen Kinderrechte“ wie Verbot von Kinderarbeit oder das Recht auf medizinische Versorgung. Sondern dass sie das Recht haben, sich sicher zu fühlen, oder dass Bilder von ihnen nicht ungewollt veröffentlicht werden. Auch dass sie selbst bestimmen dürfen, wen sie mögen und wen nicht – auch die Freunde ihrer Eltern. Denn einige Täter schleimen sich bei den Eltern ein, und die Kinder haben dann oft Angst, dass man ihnen nicht glaubt.

 

„Die Öffentlichkeit spricht häufig über Fälle im Sport oder in Kirchen. Der meiste sexuelle Missbrauch geschieht aber im familiären Umfeld“

 

Wie relevant ist die Familie als Tatort?

Die Öffentlichkeit spricht häufig über Fälle im Sport oder in Kirchen. Der meiste sexuelle Missbrauch geschieht aber im familiären Umfeld. Zum Beispiel durch Geschwister, Freunde oder Verwandte der Eltern. Wir müssen lernen, sexuelle Gewalt in der Familie wahrzunehmen.

Planen erwachsene Täter:innen ihren Missbrauch?

Ich mag es nicht, wenn man das Wort „Täter“ gendert. Das verschleiert, dass etwa 80 bis 90 Prozent der Täter männlich sind und dass männliche Sozialisation eine Ursache sexueller Gewalt ist. Aber ja, meistens planen sie den Missbrauch. Oft tasten sie sich langsam voran. Eine kleine Grenzüberschreitung, vielleicht schon eine sexualisierte Handlung, wie etwa eine Hand auf dem Oberschenkel, gefolgt von einer Entschuldigung. Und wenn die Täter davon ausgehen, dass die Kinder sich nicht wehren, steigern sie Schritt für Schritt die Übergriffe.

Wie schaffen sie es, lange unentdeckt zu bleiben?

Oft isolieren sie die Kinder, indem sie diese zum Beispiel besonders hervorheben. Ein Fußballtrainer, der einen seiner Spieler zum Liebling erklärt, erzeugt damit den Neid der anderen. Gleichzeitig kann er dadurch Nähe rechtfertigen. Parallel dazu schleimt er sich bei Eltern und Bezugspersonen ein. Gegenüber dem Opfer geht der Missbrauch einher mit Drohungen, Erpressungen und Schuldzuweisungen.

Was bedeutet das für Bezugspersonen?

Als Erwachsener sollte man jede Mitteilung ernst nehmen. Man sollte nicht sofort skandalisieren, Kinder nicht unter Druck setzen und konkret fragen, ob sie sexuellen Missbrauch erlebt haben. Da kommt meist wenig zurück. Aber man sollte klar sagen, wenn man ein Verhalten komisch findet.

 

„Wenn Kinder lernen, dass sie ‚Nein‘ sagen müssen, und das dann in einer Missbrauchssituation nicht schaffen, suchen sie die Schuld oft bei sich. Dabei sagen alle Kinder auf andere Weise ‚Nein‘“

 

Wie berichten Kinder von solchen Taten?

Die meisten Kinder teilen sich mit. Kleine Kinder verplappern sich, sagen Dinge wie ein Erwachsener könne mit dem Penis zaubern. Wir hatten mal ein anderthalbjähriges Kind, das immer wieder den Vaginalbereich einer Puppe aufgekratzt hat. Es konnte noch nicht sprechen, aber im Gespräch mit der siebenjährigen Schwester wurde dann deutlich, dass der Stiefvater beide Mädchen missbrauchte.

Ist Scham ein großes Thema?

Wenn Kinder lernen, dass sie „Nein“ sagen müssen, und das dann in einer Missbrauchssituation nicht schaffen, suchen sie die Schuld oft bei sich. Dabei sagen alle Kinder auf andere Weise „Nein“: Das eine kauert sich zusammen, das andere guckt böse oder weint. Außerdem sind viele Täter sehr gut darin, Kindern das Gefühl zu geben, selbst verantwortlich für den Missbrauch zu sein. Erwachsene müssen lernen, sehr behutsam mit Kindern über Täterstrategien ins Gespräch zu kommen.

Was macht sexualisierte Gewalt mit Kindern?

Wenn sie sich früh anvertrauen konnten und ihnen geglaubt wurde, wenn sie also von Anfang das Gefühl hatten, dass man auf ihrer Seite ist, dann sind die Folgen oftmals geringer, als man vermutet. Nicht jedes Opfer braucht dann Therapie. Nicht alle sind für immer traumatisiert. Es geht also auch um unseren Umgang damit.

Was müsste sich verändern, damit weniger Kinder sexualisierte Gewalt erleben?

Wir müssen persönliche Rechte von Kindern ernster nehmen. Und wir müssen uns mehr informieren. Nicht über Schreckensszenarien, sondern darüber, wie wir im Alltag durch kleine Ermutigungen ein Klima schaffen, in dem Kinder sich sicher und ernst genommen fühlen. Da werden Erwachsene sich wundern, wie viele Kinder plötzlich reden.

 

Wenn du sexualisierte Gewalt erlebt hast oder dir Sorgen um andere machst: Hol dir Hilfe. Zum Beispiel anonym, kostenlos (und egal zu welcher Uhrzeit) bei der Telefonseelsorge: 0800/1110111 oder 0800/1110222 oder online. Oder beim Hilfeportal „Sexueller Missbrauch“: 0800/2255530  oder online.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

Illustration: Alexander Glandien