Szene bei einem Schützenfest: Zwei Männer mit Trachtenhut stehen hinter einem Holzzaun, einer zielt mit einem Gewehr auf einer blauen Vorrichtung nach oben

Habt ihr den Schuss gehört?

Märsche, Messen, Majestäten: Im Sauerland ist das halbe Jahr lang Schützenfest und am Ende gibt es ein neues Königspaar. Fotograf Arne Piepke dokumentiert ein altertümlich anmutendes Brauchtum, das für viele schlicht Gemeinschaft stiftet

Fotos: Arne Piepke
16. April 2026

Von Mai bis September darf man sich im Sauerland nicht wundern, wenn einem Horden uniformierter Menschen entgegenkommen – behängt mit Orden und mit geschulterten Gewehren. Dazu erklingt deftige Blasmusik: Die Schütz:innen ziehen durch die Dörfer, Messen werden abgehalten und in großen Bierzelten getanzt und getrunken. Höhepunkt ist das Wettschießen auf einen Holzadler, dessen Gewinner für ein Jahr zum Schützenkönig gekürt wird.

Die Tradition reicht bis ins Mittelalter zurück, als Bürgerwehren Schutz versprachen und ihr Leitmotiv „Für Glaube, Sitte und Heimat“ geprägt wurde – ein Motto, das bis heute auf den Fahnen der Vereine steht. Viele halten weiterhin an strengen Regeln und konservativen Werten fest: Frauen durften bis vor wenigen Jahren keine Mitglieder werden, geschweige denn selber schießen, religiöse Bezüge prägen die Satzungen. Doch gerade in den kleinen Orten, in denen das soziale Leben stark durch Gemeinschaft geprägt ist, behalten diese Bräuche auch eine identitätsstiftende Kraft. 

Diese Gleichzeitigkeit hat den Fotografen Arne Piepke interessiert: Selbst aufgewachsen in einem Dorf, in dem der Schützenkalender das Jahr strukturierte, floh er aus der Provinz, um sie später mit der Kamera wiederzuentdecken. „Früher kam mir das alles total schräg vor, aber nachdem ich zig Feste besucht hatte, war mir klar, wie unterschiedlich die Vereine sind“, so Piepke. „Ich habe engstirnige Menschen getroffen, aber auch ganz aufgeklärte, die ihre Vereine für Frauen geöffnet haben.“ Mit den gängigen Vorurteilen, sagt Piepke, komme man jedenfalls nicht weiter. Nur eins sei klar: „Alle haben Nachwuchsprobleme.“

Vier Männer in Uniformen richten eine bemalte Holzfigur mit Flügeln in einer grünen Kiste auf einer Wiese auf

Dieser Holzvogel bringt demjenigen, der ihn abknallt, Ruhm, Ehre und den Titel des Schützenkönigs. Für Außenstehende mag das komisch klingen, im Sauerland ist es fest verankerte Tradition

Mehrere Menschen mit Musikinstrumenten und erhobenen Händen unter einem hölzernen Baldachin mit grünen Blättern

In Deutschland gibt es circa 14.000 Schützenvereine mit insgesamt mehr als 1,3 Millionen Mitgliedern. Schützenvereine und ihre Feste sind weit mehr als staubige Riten. Auf dem Land, wo Freizeit- und Jugendangebote manchmal begrenzt sind, bieten sie jungen Menschen einen wichtigen sozialen Treffpunkt

Zwei Personen lehnen an geöffneten Fenstern mit Blumenkästen an einer hellen Hausfassade

Auch für Ältere sind die Schützenfeste ein Moment der gesellschaftlichen Teilhabe

Drei grüne Uniformmützen mit Abzeichen stecken nebeneinander in einer dichten Hecke

Starke Tarnung oder Kappe vergessen?

Mehrere Personen in festlichen Kleidern stehen auf einem Tisch; darunter stehen kleine Stühle, und auf dem Boden liegt Konfetti

Ein jeder König braucht eine Königin – oder einen zweiten König? Auch gleichgeschlechtliche Paare können in einigen Vereinen das Königspaar bilden, seit der konservative Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften 2017 die Pflicht für ein Mann-Frau-Paar aufgehoben hat

Zwei Männer in schwarzer Schützenuniform tragen einen Klapptisch über eine mit Blumen geschmückte Bühne, davor zwei rote Stühle mit Kronenstickerei

Und hier thronen sie bald, die edlen Gönner:innen. Das Highlight jedes Schützenfests ist die Proklamation des Königspaares. Wer sich zum Schützenkönig ernennen lässt, braucht viel Zeit und einen großen Geldbeutel: Orden, Ehrungen, Essen und Getränke für den Verein spendiert der neue König – je nach Größe des Vereins können die Kosten zwischen 2.000 und 10.000 Euro liegen

Schwarze Uniformjacken mit Schützenhüten und Gewehre lehnen an einer Wand

Ohne Gewehr? Hier sicher nicht: Der Schießsport spielt beim legalen Waffenbestand in Deutschland eine große Rolle

Mann in schwarzer Schützenuniform mit Abzeichen und Mütze, porträtiert vor rotem Hintergrund.

Zum Saisonstart holen die Schützen ihre gebügelten Uniformen raus. Doch das eigentliche Statement steckt in den Schnüren, Abzeichen und Klappen: Sie zeigen, wer oft getroffen hat oder viel übt

Großer Schützenaufmarsch in einem festlich mit Grün dekorierten Saal: Musikkapelle und Fahnenträger mit blau-weißen Fahnen

Uffta, uffta: Die musikalische Untermalung darf beim Umzug nicht fehlen – das ist ein ungeschriebenes Gesetz für Schützenvereine

Wanddekoration mit dem Schriftzug 'Glaube Sitte Heimat', einer stilisierten Vogelfigur mit Krone und zwei gekreuzten Gewehren darunter

Das Motto „Glaube, Sitte, Heimat“ begleitet die Schützenvereine seit ihren Anfängen – ursprünglich lautete es noch „Glaube, Liebe, Heimat“ und geht vermutlich auf Schulrat Lankes, den ersten Schatzmeister der Erzbruderschaft, zurück. Außenstehende nehmen die Schlagworte oft als völkisch oder konservativ wahr, da sie zum Teil ein stark traditionelles und historisch belastetes Weltbild widerspiegeln

Schützen feiern ausgelassen im Festzelt

Die Tradition wächst mit ihren Mitgliedern: Fast die Hälfte aller Schütz:innen in Vereinen ist über 60 Jahre alt

Porträt einer Schützin in grüner Uniform mit Anstecknadeln und goldener Ehrenkette in einem Vereinslokal

Im Jahr 2024 lag der Frauenanteil in Schützenvereinen bei etwa 27 Prozent, Jugendliche bis 20 Jahre machten etwa 11 Prozent aller Mitglieder aus

Schützen mit grünen Federhüten blicken auf einen hohen Mast mit Holzkasten – Holzsplitter fliegen beim Vogelschuss durch die Luft

Jugendliche dürfen unter Aufsicht und mit schriftlicher Einverständniserklärung der Eltern ab zwölf Jahren mit Druckluft-, Federdruck- oder CO₂-Waffen üben, ab 14 Jahren auch mit Kleinkaliberwaffen bis 5,6 Millimeter. Ab 18 Jahren gibt es keine Einschränkungen mehr. Verboten bleiben Waffen und Übungen, die vom Schießsport ausgeschlossen sind

Vier junge Schützen in weißer Uniform waten nachts durch einen Bach im Wald

Auch der Heimweg ist noch feuchtfröhlich

Festzelt bei Nacht: Besucher sitzen vor dem erleuchteten Eingang, im Inneren spielt eine Band, der Mond steht am dunklen Himmel

Zu später Stunde bläst der Posaunenchor, einige nutzen es als Zigarettenpause

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