Habt ihr den Schuss gehört?
Märsche, Messen, Majestäten: Im Sauerland ist das halbe Jahr lang Schützenfest und am Ende gibt es ein neues Königspaar. Fotograf Arne Piepke dokumentiert ein altertümlich anmutendes Brauchtum, das für viele schlicht Gemeinschaft stiftet
Von Mai bis September darf man sich im Sauerland nicht wundern, wenn einem Horden uniformierter Menschen entgegenkommen – behängt mit Orden und mit geschulterten Gewehren. Dazu erklingt deftige Blasmusik: Die Schütz:innen ziehen durch die Dörfer, Messen werden abgehalten und in großen Bierzelten getanzt und getrunken. Höhepunkt ist das Wettschießen auf einen Holzadler, dessen Gewinner für ein Jahr zum Schützenkönig gekürt wird.
Die Tradition reicht bis ins Mittelalter zurück, als Bürgerwehren Schutz versprachen und ihr Leitmotiv „Für Glaube, Sitte und Heimat“ geprägt wurde – ein Motto, das bis heute auf den Fahnen der Vereine steht. Viele halten weiterhin an strengen Regeln und konservativen Werten fest: Frauen durften bis vor wenigen Jahren keine Mitglieder werden, geschweige denn selber schießen, religiöse Bezüge prägen die Satzungen. Doch gerade in den kleinen Orten, in denen das soziale Leben stark durch Gemeinschaft geprägt ist, behalten diese Bräuche auch eine identitätsstiftende Kraft.
Diese Gleichzeitigkeit hat den Fotografen Arne Piepke interessiert: Selbst aufgewachsen in einem Dorf, in dem der Schützenkalender das Jahr strukturierte, floh er aus der Provinz, um sie später mit der Kamera wiederzuentdecken. „Früher kam mir das alles total schräg vor, aber nachdem ich zig Feste besucht hatte, war mir klar, wie unterschiedlich die Vereine sind“, so Piepke. „Ich habe engstirnige Menschen getroffen, aber auch ganz aufgeklärte, die ihre Vereine für Frauen geöffnet haben.“ Mit den gängigen Vorurteilen, sagt Piepke, komme man jedenfalls nicht weiter. Nur eins sei klar: „Alle haben Nachwuchsprobleme.“
Dieser Holzvogel bringt demjenigen, der ihn abknallt, Ruhm, Ehre und den Titel des Schützenkönigs. Für Außenstehende mag das komisch klingen, im Sauerland ist es fest verankerte Tradition
In Deutschland gibt es circa 14.000 Schützenvereine mit insgesamt mehr als 1,3 Millionen Mitgliedern. Schützenvereine und ihre Feste sind weit mehr als staubige Riten. Auf dem Land, wo Freizeit- und Jugendangebote manchmal begrenzt sind, bieten sie jungen Menschen einen wichtigen sozialen Treffpunkt
Auch für Ältere sind die Schützenfeste ein Moment der gesellschaftlichen Teilhabe
Und hier thronen sie bald, die edlen Gönner:innen. Das Highlight jedes Schützenfests ist die Proklamation des Königspaares. Wer sich zum Schützenkönig ernennen lässt, braucht viel Zeit und einen großen Geldbeutel: Orden, Ehrungen, Essen und Getränke für den Verein spendiert der neue König – je nach Größe des Vereins können die Kosten zwischen 2.000 und 10.000 Euro liegen
Uffta, uffta: Die musikalische Untermalung darf beim Umzug nicht fehlen – das ist ein ungeschriebenes Gesetz für Schützenvereine
Das Motto „Glaube, Sitte, Heimat“ begleitet die Schützenvereine seit ihren Anfängen – ursprünglich lautete es noch „Glaube, Liebe, Heimat“ und geht vermutlich auf Schulrat Lankes, den ersten Schatzmeister der Erzbruderschaft, zurück. Außenstehende nehmen die Schlagworte oft als völkisch oder konservativ wahr, da sie zum Teil ein stark traditionelles und historisch belastetes Weltbild widerspiegeln
Die Tradition wächst mit ihren Mitgliedern: Fast die Hälfte aller Schütz:innen in Vereinen ist über 60 Jahre alt
Auch der Heimweg ist noch feuchtfröhlich
Zu später Stunde bläst der Posaunenchor, einige nutzen es als Zigarettenpause
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