Schwarz-weiße Grafik mit einer Person im Lichtstreifen zwischen zwei dunklen Flächen, aus denen Augenpaare hervorschauen, und zwei Sprechblasen mit den Texten: 'Es war vom ersten Tag an sehr schwierig.' und 'Ich habe mich nur versteckt, ich hatte solche Angst vor der Polizei.'

Keine Papiere, keine Chance

Für den Comic „Schattenleben“ haben Comiczeichnerin Lisa Frühbeis und Journalist Jonas Seufert vier Menschen ohne Papiere in Deutschland begleitet

Von Hannah El-Hitami
Thema: Kultur
5. August 2026

!! Triggerwarnung: Dieser Text schildert sexualisierte Gewalt und Suizid !!

Worum geht’s?

Der Comic erzählt die wahren Geschichten von vier Menschen, die in Deutschland ohne Papiere leben. Das heißt: Sie haben keinen Aufenthaltstitel oder eine Duldung, die es ihnen erlauben, in Deutschland zu sein, und sind behördlich nicht erfasst.

Brienne aus Thailand wird mit dem Versprechen eines lukrativen Jobs nach Deutschland gelockt und dann ausgebeutet. Charlotte muss aus Kamerun fliehen, doch ihr Asylantrag in Deutschland wird abgelehnt. Dâu kommt zum Studieren von Vietnam nach Europa, ihre Eltern nehmen dafür hohe Schulden auf. Als ihr Visum abläuft, bleibt sie, um das Geld durch informelle Jobs zurückzuzahlen. Und Nasir kam schon als Kind mit seiner Mutter aus Somalia nach Deutschland. Er lebt jahrelang ohne gültigen Pass, weil er keine Geburtsurkunde hat.

Der Comic zeigt, wie unerreichbar die grundlegendsten Dinge für Menschen ohne die nötigen Dokumente sind: eine Wohnung, ein Arztbesuch, ein Job. Dazu kommt die ständige Angst, von der Polizei aufgegriffen und abgeschoben zu werden.

Frau mit mittellangem Haar hält ein Kleinkind auf dem Arm, beide mit neutralem Gesichtsausdruck, Sprechblasen mit Text –  Bild aus dem Comic "Schattenleben"
Sechs gezeichnete Hände mit langen Ärmeln reichen sich Dokumente, umgeben von handgeschriebenen Sprechblasen mit Text

Worum geht’s eigentlich?

Um das Migrationsrecht, das in Deutschland und Europa in den vergangenen Jahren immer härter geworden ist. Zwischen den Geschichten von Brienne, Charlotte, Dâu und Nasir gibt es jeweils kurze Info-Kapitel. Sie beleuchten, wie sich die politischen Rahmenbedingungen auf ihr Leben auswirken.

Das Kapitel „Gesundheit“ erklärt zum Beispiel, dass Menschen ohne Papiere zwar die Möglichkeit haben, zu einem Arzt oder einer Ärztin zu gehen. Das Sozialamt kann ihnen dafür einen Behandlungsschein ausstellen. Es muss sie dann aber in der Regel – eine Ausnahme sind Notfälle – der Ausländerbehörde melden, was zu ihrer Abschiebung führen könnte. Deutschland ist innerhalb der EU eines von sehr wenigen Ländern, in denen diese Meldepflicht besteht.

Auch zum Thema Abschiebung gibt es ein kurzes Kapitel. Es erklärt etwa, wie die Gesetze in den letzten Jahren verschärft wurden. So dürfen Menschen vor ihrer Abschiebung in bestimmten Fällen unter haftähnlichen Bedingungen untergebracht werden und bekommen nicht mehr automatisch eine Anwältin oder einen Anwalt vom Staat gestellt. Dadurch könnten viele ganz ohne Rechtsbeistand bleiben. Und es nennt eine erstaunliche Zahl: 2025 hat die Bundesregierung gemeinsam mit Frontex, der Europäischen Agentur für die Grenz- und Küstenwache, knapp 32 Millionen Euro ausgegeben für 240 Abschiebeflüge, die in Deutschland starteten und teilweise mehrere Länder anflogen.

Wie wird es erzählt?

„Schattenleben" erzählt die Geschichten von Brienne, Charlotte, Dâu und Nasir aus der Ich-Perspektive. Die Zeichnungen wechseln zwischen den sachlichen Szenen des Alltags und fantasievollen Bildern, die das Innenleben der vier darstellen. Nur das Medium Graphic Novel kann Ängste, Träume und abstrakte Gedanken durch Bilder erlebbar machen, ohne dabei den dokumentarischen Anspruch zu verlieren. Auch das ist nur im Comic möglich: Menschen mit Gesichtern zu zeigen und gleichzeitig ihre Identität zu schützen. Drei der vier Protagonist:innen wollten nämlich lieber anonym bleiben. Sie wurden in den Zeichnungen entsprechend verfremdet.

Und was wird nicht erzählt?

Die Geschichten bleiben an einigen Stellen lückenhaft und oberflächlich, obwohl die Autor:innen die porträtierten Menschen mehrere Jahre begleitet haben. Zum Beispiel verlässt Charlotte ihre Heimat, nachdem sie von ihrem Onkel vergewaltigt wurde. Aber es wird nicht klar, warum sie deswegen auswandern muss und sogar ihren 13-jährigen Sohn zurücklässt. Im Nachwort erklären Lisa Frühbeis und Jonas Seufert, dass manches nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, anderes auch nach vielen Jahren nicht erzählbar gewesen sei. Für sie hatte der sensible Umgang mit ihren Protagonist:innen Priorität. Aus ethischer Sicht nachvollziehbar und richtig – trotzdem kommt an manchen Punkten das Bedürfnis auf, doch noch einmal neugierig oder kritisch nachzufragen.

Vierteilige Comiczeichnung mit einer Hand, die Tabletten zeigt, einer geschlossenen Hand, einem nachdenklichen Gesicht und Tabletten, die in ein Waschbecken fallen – Szene aus dem Comic "Schattenleben"
Gezeichnetes Porträt eines Mannes mit Brille, lockigem Haar und gestreiftem Hemd, daneben Sprechblasen mit den Texten: 'Hi, ich bin Nasir.', 'Ich bin kein schlechter Mensch...' und '...aber ich bin auch nicht unbedingt der Einfachste.'

Gut zu wissen:

Entstanden ist „Schattenleben“ aus der Zusammenarbeit der Comiczeichnerin Lisa Frühbeis und des Journalisten Jonas Seufert. Dieses Genre – Comic-Journalismus – verbindet journalistische Prinzipien wie Wahrhaftigkeit, Sorgfalt und Unabhängigkeit mit der leicht zugänglichen und ästhetisch ansprechenden Erzählweise des Comics.

Eine Szene zum Merken:

Als Nasir arbeitslos und wohnungslos am Rhein steht und keiner seiner sogenannten „Freunde“ ans Telefon geht, überlegt er, von der Brücke zu springen. Doch da spricht ihn ein Passant an und überredet ihn, mit in die Psychiatrie zu kommen. Obwohl sie ihn dort ohne Papiere nicht aufnehmen, ist es ein Weckruf für ihn. Er sucht sich Hilfe bei Freund:innen und einer Sozialarbeiterin und bekommt sein Leben wieder in den Griff. In jeder der vier Geschichten gibt es so einen Punkt, an dem sich das Blatt wendet, weil eine Person hilft. Diese Szenen erinnern daran, dass eine nette Geste oder eine kurze Nachfrage einem Menschen in der Krise manchmal das Leben retten kann.

Lohnt sich das?

Ja! „Schattenleben“ bietet ein gutes Grundverständnis für die Situation von Menschen ohne Papiere, auch wenn an manchen Stellen die Tiefe fehlt. Doch durch die Abwechslung von persönlichen Geschichten und Info-Kapiteln vermittelt „Schattenleben“ ein komplexes Thema, ohne dabei zu langweilen oder zu überfordern.

„Schattenleben“ von Lisa Frühbeis und Jonas Seufert ist im Reprodukt Verlag erschienen, hat 160 Seiten und kostet 24 Euro.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.