Illustration eines Satellit in Taubenform

Reza sendet ein Signal

Online bleiben, auch wenn das Regime das Internet abschaltet: Wie Satellitenschüsseln nach Iran geschmuggelt werden

Von Teseo La Marca
Thema: Internet
18. Dezember 2025

Im September 2022 nimmt die iranische Sittenpolizei eine junge Kurdin fest, weil sie ihr Kopftuch nicht vorschriftsgemäß trägt. Sie verstirbt in Haft. Reza Jafari liest nur davon, er kannte Jina Mahsa Amini nicht. Aber er ist ergriffen. Und unendlich wütend: „Es war, als hätten sie meine Schwester getötet.“

Hunderttausende Iranerinnen und Iraner empfinden das ähnlich. Sie gehen im Herbst 2022 für Wochen auf die Straße, um ein Ende des iranischen Regimes zu fordern. In den Protesten steht Reza, ein hochgewachsener 29-Jähriger, der seinen Job als Marketingspezialist behalten und deshalb seinen echten Namen hier nicht nennen möchte, an vorderster Front. In seiner Heimatstadt Isfahan organisiert er Proteste und sammelt Spenden für die Familien politischer Gefangener. Reza will die Revolution.

Aber der Regierung gelingt es, die Aufstände zu zerschlagen. Mit Gewehrkugeln, mit Tränengas, vielen Tausenden Festnahmen. Und mit Internet-Blackouts: Zeitweise fährt die Regierung die Netzverbindung so stark zurück, dass Messenger-Apps nicht mehr zu nutzen sind und Aufnahmen von Protesten kaum mehr hochgeladen werden können.

Im Januar 2023, die Straßen sind lange wieder ruhig, bekommt Reza eine Nachricht von einem befreundeten Aktivisten. Er war nach Europa geflüchtet, hat sich dort einen Namen als Regimegegner gemacht. Er fragt, ob Reza helfen könne: Sie wollen 50 Starlink-Terminals nach Iran schmuggeln.

Satelliteninterwas???

Beim Satelliteninternet flitzen deine Daten nicht durch ein Kabel, sondern hoch zu Satelliten im All – und zurück. So kommt das Internet selbst an abgelegene Orte. Und es ist viel schwerer zu zensieren, weil die Daten nicht über lokale Anbieter laufen, die man kontrollieren kann.

Wegen der Sanktionen gegen Iran müssen Waren aus dem Ausland wie Markenkleider oder Smartphones illegal ins Land gebracht werden. Auch Starlink-Terminals. Reza weiß, dass das Risiko enorm ist: Wenn er erwischt wird, kann er wegen Schmuggels oder gar Spionage mehrere Jahre ins Gefängnis kommen. Reza weiß aber auch, dass eine Protestbewegung darauf angewiesen ist, in Echtzeit Nachrichten aus Iran in alle Welt zu senden. Das verspricht Starlink. Also sagt Reza zu.

Starlink ist ein Netz aus Satelliten, das in mehr als 100 Ländern den Zugang zum Internet ermöglicht. Gerade in Gebieten, in denen die Versorgung schwach ist, weil sie nicht per Kabel oder Funkmasten ans weltweite Netz angeschlossen sind. Um es zu nutzen, braucht man ein Starlink-Terminal: eine flache Schüssel, die das Signal von einem Satelliten empfängt und per Kabel an einen WLAN-Router weiterleitet.

Starlink umgeht staatliche Internetkontrollen …

Starlink gehört zu SpaceX, dem Unternehmen des Multimilliardärs Elon Musk. SpaceX hat bereits mehr als 10.000 Internetsatelliten ins All geschickt. Alle paar Tage startet eine Rakete mit neuen Satelliten. Der Service bringt Musk nicht nur Geld: Wer einen für ganze Regionen relevanten Internetzugang nach Belieben an- und abschalten kann, kann theoretisch den Ausgang von Kriegen oder politischen Aufständen beeinflussen. Am Anfang der letzten großen iranischen Protestwelle, im September 2022, kündigte Musk an, seine Satelliten über Iran zu aktivieren. Mit der Geste eines Freiheitskämpfers erklärte der damalige US-Außenminister Antony Blinken, die Maßnahme fördere „die Freiheit im Internet und den freien Informationsfluss für das iranische Volk“. Die USA gaben die Geschäfte frei, trotz der US-Sanktionen gegen Iran.

Ein Vormittag im Januar 2023. Reza sitzt an seinem Schreibtisch im Firmenbüro, da leuchtet sein Smartphone auf. Eine Nachricht auf Telegram: ein Standort. Und eine Uhrzeit. Um 12:15 Uhr soll das Paket mit einem Starlink-Terminal in einer Mülltonne bereitstehen.

Professionelle Schmuggler haben die 50 Terminals aus Irak über das Zāgros-Gebirge nach Iran gebracht. Jetzt liegt es an Aktivistinnen und Aktivisten wie Reza, sie abzuholen und in verschiedenen Städten aufzustellen. Das ist gar nicht so einfach: Eigentlich müssen die Schüsseln mit freier Sicht zum Himmel stehen, damit sie sich gut mit einem Satelliten verbinden können.

Reza meldet sich für eine Stunde von der Arbeit ab, holt das Paket und lässt es in seiner Wohnung. Mit schweißnassen Händen kehrt er zurück. „Ich hatte verdammt Schiss, dass jemand Verdacht schöpft“, erzählt Reza knapp drei Jahre später. Er habe sich gefühlt wie ein Dealer.

… doch ist für die meisten im Iran zu teuer …

Um Starlink nutzen zu können, braucht man ein kostenpflichtiges Abo. Diese Abos stellt der Oppositionelle in Europa bereit, der Reza kontaktiert hat. Unter einer Bedingung: „Wenn die Mullahs das Internet abdrehen, müsst ihr den Menschen in Iran eine Stimme geben.“

Heißt konkret, dass die Aktivistinnen und Aktivisten ihr WLAN so vielen Menschen wie möglich zugänglich machen. Ein guter Router versorge 20 bis 50 Personen im Umkreis von 500 Metern mit Internet, sagt Reza. Sie sollen im Austausch bleiben und den Exilaktivisten in Europa mit Informationen versorgen. Der würde die Informationen dann auf Instagram und Telegram verbreiten.

Juni 2025, Krieg zwischen Iran und Israel. Die iranische Regierung schaltet das Internet zum ersten Mal komplett ab. Um die Bevölkerung vor Cyberangriffen Israels zu schützen, heißt es offiziell. Um möglichen Protesten vorzubeugen, glaubt Reza. Elon Musk schreibt auf X: „The beams are on.“

„Das Satelliteninternet funktionierte hervorragend“, erzählt Reza. Die Aktivistinnen und Aktivisten tun während des dreitägigen Blackouts, was sie sich vorgenommen haben. Sie bleiben in Kontakt, sammeln Videos, Bilder und Nachrichten aus Iran und schicken sie in alle Welt.

Das Problem: Nur wenige Iranerinnen und Iraner, schätzungsweise 100.000, nutzen im Juni 2025 einen Starlink-Zugang. Die geschmuggelten Terminals erreichen nur einen Bruchteil der Bevölkerung. Und nur Besserverdienende können sich einen privaten Starlink-Zugang leisten: Ein Terminal, das illegal eingeschmuggelt wird, koste etwa 2.500 Euro, sagt Reza. Zum Vergleich: In Deutschland legt man für das Standardset 350 Euro hin. Ein Büroangestellter in Iran verdient im Monat aber selten mehr als umgerechnet 300 Euro. „Starlink-Internet ist hier nicht nur etwas für Oppositionelle. Das ist wie das allerneueste Smartphone, das ist ein Statussymbol“, sagt Reza.

… und gibt seinem Besitzer Macht

Inzwischen kann man die Terminals über eine iranische Webseite bestellen und über Telegram die Übergabe vereinbaren. Schmuggelrouten über die Berge und Mülltonnenverstecke sind nicht länger notwendig. Aber eine Hürde bleibt: der Preis. „Solange nur einer von 1.000 Iranern online ist, ist das Starlink-Netz nutzlos“, sagt Reza. „Freier Informationsfluss für das iranische Volk“ sehe jedenfalls anders aus.

Neben Aktivistinnen und Aktivisten und ein paar Rich Kids nutzen auch Unternehmen die illegalen Terminals. Selbst für sie lohnt es sich nur selten, etwa wenn eine Firma darauf angewiesen ist, mit Partnern im Ausland zu kommunizieren.

Mit Starlink beeinflusst Elon Musk die internationale Politik. Als Russland im Februar 2022 die Ukraine überfiel und zuerst die Internetinfrastruktur des Landes attackierte, war Starlink wichtig für die Verteidigung der Ukraine. In den von Russland besetzten Gebieten ist Starlink aber bis heute nicht verfügbar. Musk hatte der Ukraine eine Menge kostenloser Starlink-Terminals bereitgestellt, überlegt nun aber öffentlich, seine Unterstützung einzustellen – wegen der hohen Betriebskosten. Starlink ist nicht an humanitäre oder politische Ziele gebunden, sondern ein Business, über das der Inhaber relativ frei entscheiden kann.

Noch bietet Starlink seinen Service in Iran nicht offiziell an, das Abo funktioniert nur über eine Adresse im Ausland. Auf Starlinks Website ist Iran unter „coming soon“ gelistet. Ob es je einen offiziellen Vertrag mit der iranischen Regierung geben wird? Unklar. Um nicht von Starlink oder den USA abhängig zu sein, investieren andere Länder in eigene Satellitensysteme, etwa die Länder der EU, Russland oder China.

Solange Starlink während der Blackouts funktioniert, weiß Reza den Dienst zu schätzen. Mehr aber auch nicht. „Diktatoren stürzt Starlink nicht. Nicht in Iran und auch nicht anderswo“, sagt er. Damit die Revolution tatsächlich Erfolg hat, brauche es eine geeinte Opposition und eine konkrete Vision für einen demokratischen Iran, kein überteuertes Internet.

Cover Fluter Weltraum – ein Sternenhimmel, darauf in dunkelgrauer Schrift die Worte "fluter" und "Weltraum"
Dieser Artikel ist aus dem fluter „Weltraum“.
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Illustration: Animationseries2000