Hömma, wat is los mit dir?
Vokuhila, XXL-Tattoo, Dialekt: Der Comedian Ryko spielt eine Ruhrpott-Klischeefigur und erreicht damit 180.000 Menschen auf Instagram. Auch, weil er mit Männlichkeitsklischees bricht
Die Rüttenscheider Straße in Essen nennen alle nur „Rü“. Die einen gehen dort in die schicken Cocktailbars. Sehen und gesehen werden. Die anderen peilen die Eckkneipen an, Kioske oder Dannys Currywurstbude.
Ryko gehört zu den anderen. Er ist der Star auf der Rü an diesem Donnerstagvormittag. Die Leute wollen Fotos mit ihm oder rufen im Vorbeigehen einfach nur „Ey, geiler Typ“.
Der geile Typ trägt für gewöhnlich nur ein weißes Unterhemd, sein Markenzeichen wird heute aber von einer roten Trainingsjacke verdeckt. Untenrum eine Jogginghose, im Ruhrgebiet auch gerne einfach Peitsche genannt. „Ich renne meistens so rum. Jeanshosen sind unbequem“, sagt Ryko und lächelt so, dass seine silbernen Grillz durchblitzen.
Ryko ist Comedian und Content-Creator. Aufgewachsen in der Essener Hochhaussiedlung Hörsterfeld, hat er es sich zur Aufgabe gemacht, das Ruhrgebiet zu verkörpern, zu erklären und mit seinen Klischees zu brechen.
Er testet Trinkhallen und Taxiteller
Auf Instagram und TikTok feiert er typisch klingende Ruhrpott-Vornamen, bewertet Trinkhallen und Taxiteller (Currywurst mit Gyros, Pommes, Majo, Zaziki und Zwiebeln) und verehrt den ruhrdeutschen Dialekt.
„Nich lang schnacken, Kopp in Nacken!“
„Wat willse, du Blockflötengesicht?“
„Wat is los mit dir? Jetzt beweg ma die Porreepiepen ausm Bett.“
Sätze wie diese kommen bei seinen Fans gut an. In weniger als einem Jahr hat er auf Instagram über 180.000 Follower gewonnen. Damit zählt er zu den sogenannten Mid-Tier-Influencern. Oder wie Ryko selbst sagt: „Ich bin einfach nur ein Typ im Unterhemd, der ein bisschen was zu erzählen hat.“
„Ich bin halt laut, ruppig und oft mal unsachlich“, sagt Ryko über sich. Doch abwertend ist er dabei nie
Dass er damit einen solchen Nerv treffen würde, habe er nicht erwartet. Und doch hat Ryko eine Erklärung für seinen Hype. Für ihn ist die Gesellschaft voll mit hochgestochener Sprache. „Für jeden Scheiß gibt es einen Fachbegriff. Ich bin kein Typ, der den Zeigefinger hochhebt, aber wenn du dich verhältst wie ein Arschloch, dann sage ich dir, dass du ein Arschloch bist. Da mache ich keine Kurve drum. Das kommt gut an.“
Früher, da sei er mit seiner Sprache immer angeeckt. Zum Beispiel in seinen Therapiesitzungen. „Ich habe meinem Therapeuten damals gesagt: Wenn das hier funktionieren soll, dann muss ich reden, wie ich rede. Und wenn du mich fragst, wie das Leben läuft, dann sage ich dir, mein Leben fickt mich gerade seitwärts ins Arschloch. Und nein, das ist nicht die schönste Sprache, aber es ist halt ehrlich.“
Er mag am Ruhrgebiet das Ehrliche
Klare Kante, das Herz auf der Zunge, derb, aber authentisch – das sind die positiven Klischees des Ruhrgebiets, die Ryko bedient wie kein Zweiter. Fragt man ihn, was das Ruhrgebiet für ihn bedeutet, dann ist es genau das, das Ehrliche. Und dass Menschen aus vielen Kulturen auf engem Raum aufeinandertreffen und sich größtenteils vertragen, auch wenn sie mal nicht einer Meinung sind. Die Begegnungen an der Ecke oder in der Bude. Die Gespräche, die – egal ob arm oder reich – auf Augenhöhe stattfinden.
Auf der anderen Seite ist das Ruhrgebiet seit dem Verschwinden der Kohle- und Stahlindustrie im Dauerkrisenmodus. In Rykos Heimatstadt Essen liegt die Arbeitslosenquote deutlich über dem bundesweiten Schnitt. In anderen Ruhrgebietsstädten ist sie sogar doppelt so hoch. Studierte Eltern gibt es im Ruhrgebiet weniger als im gesamtdeutschen Vergleich. Die Kriminalitätszahlen sind hoch. Und in kaum einer Region Westdeutschlands hat die AfD so starke Werte.
Daraus ergibt sich noch ein anderes Klischee. Der Ruhrpott als abgehängter Ort mit „Assis“ aus der Arbeiterschicht, die eine kurze Zündschnur haben und unkultiviert reden.
Auch dieses Klischee geht in einer Figur mit weißem Unterhemd und XXL-Brusttattoo auf den ersten Blick voll auf. Und auf den zweiten?
„Es gibt immer noch Leute, die sagen: ‚Früher gab es das alles nicht.‘ ADHS, Depressionen und so weiter. Und ich sage: Doch, ihr hattet das alles. Da hat nur keiner drüber geredet, ihr habt euch einfach aufgehangen.“Ryko
„Ich bin auf jeden Fall ein Assi“, sagt Ryko, bei dem Privatperson und Kunstfigur an vielen Stellen zu verschmelzen scheinen. Allerdings hat er seine eigene Definition für diesen Begriff. „Ich bin halt laut, ruppig und oft mal unsachlich.“ Damit holt er viele ab – auch diejenigen, die sonst im Diskurs außen vor bleiben. Doch eines ist er dabei nie: abwertend.
Deshalb geht das Label „Assi“, wenn man es wörtlich – asozial – versteht, nicht mehr auf. Denn Ryko reproduziert das Klischee seiner Ruhrpott-Figur nicht einfach. Er bricht es immer wieder auf.
Ryko sitzt vor seinen Eggs Benedict in dem Café, in dem er vor nicht mal einem Jahr noch gejobbt hat. Die Hollandaise-Soße ist inzwischen kalt, weil Ryko zwar anfangs angekündigt hat, auch mit vollem Mund zu sprechen, es dann aber doch nicht getan hat.
Stattdessen spricht er über den Moment, als er die 100.000-Follower-Marke auf Instagram geknackt hat. „Ich habe einfach geheult.“ Er habe sich mit einem Kumpel getroffen und live den Anstieg der Zahlen verfolgt. „Das war so schön, erdend und ankommend.“
Er zeigt auch seine verletzliche Seiten
Ryko hat kein Problem damit zuzugeben, dass er weint. Oder damit, dass er eine Therapie macht. Er positioniert sich in den sozialen Medien gegen Hetze und Fatshaming, zeigt sich verletzlicher, als sein Erscheinungsbild vermuten lassen würde.
Dabei ist das Ruhrgebiet historisch von einem Arbeiter- und Männlichkeitsideal geprägt, das für Härte, Durchhaltevermögen und Schweigsamkeit steht. Dazu gehörte auch lange eine gewisse Zurückhaltung im Umgang mit Gefühlen. Dieses Ideal ist bis heute kulturell präsent. Aber Ryko zählt es an.
„Es gibt immer noch Leute, die sagen: ‚Früher gab es das alles nicht.‘ ADHS, Depressionen und so weiter. Und ich sage: Doch, ihr hattet das alles. Da hat nur keiner drüber geredet, ihr habt euch einfach aufgehangen.“
Vielleicht, sagt Ryko, sei die Ruhrpott-typische Parole „Da musst du jetzt durch“ nicht immer das Beste. „Vielleicht ist es auch einfach mal schön, sich mit seinen Freunden hinzusetzen und zu sagen: Ey, mir geht’s gerade schlecht. Ich schlafe nicht. Ich habe komische Gedanken. Können wir darüber reden?“
Ryko will Haltung zeigen, ohne sich hinter komplizierten Begriffen zu verstecken
In seinen Reels hat er auch eine Reihe mit dem Titel „Dr. Langen“. Dort plädiert er dafür, dass Konsens beim Sex geil ist, dass Libidoverluste normal sind und dass Schamhaare bei Frauen etwas Natürliches sind und kein Kriterium sein sollten, jemanden zu verschmähen. Allerdings tut er das in einer Sprache, die eher nach Kneipe klingt als nach Feminismus-Seminar.
Für ihn geht es nicht um den Sprachstil, sondern um die Aussage. Er will Haltung zeigen, ohne sich hinter komplizierten Begriffen zu verstecken.
Im Ruhrpott fängt das schon mit der Frage an, wie man seine Frau oder Freundin nennt. „Wenn du sagst, dass du mit deiner Perle unterwegs bist, dann weiß jeder: Das ist die Frau, die du liebst. Aber wenn du von deiner Ollen sprichst oder sagst, dass dir die Weiber auf den Sack gehen, dann weiß auch jeder, wie das gemeint ist. Also hör doch einfach damit auf“, sagt Ryko, der seine Eggs Benedict inzwischen aufgegessen hat.
Seine Sprache sei ein Schatz. Denn als Ruhrpottler, der aussieht, wie er aussieht, und da herkommt, wo er herkommt, habe er ein ganz anderes Potenzial, bestimmte Menschen mit seinen Botschaften zu erreichen.
„Ich bekomme oft Feedback von Frauen, die sagen: ‚Wenn ich bei deinen Videos in die Kommentare gehe und da ist ein Martin (54), der schreibt Hast du recht – da geht mir das Herz auf‘“, erzählt er. „Weil: Wer erreicht diesen Martin sonst? Ich kann manche Leute nur deshalb überzeugen, weil ich eben nicht so eloquent bin. Für mich ist das fast wie eine kleine Superkraft.“
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