Arbeiten, damit andere feiern können #3
Veit, 35, eigentlich Software-Entwickler und Fotograf, fährt seit zehn Jahren Oktoberfest-Touristinnen und -Touristen mit einer Rikscha durch München
Das Wichtigste für uns Rikschafahrerinnen und -fahrer ist der „Run“ so ab 22.30 Uhr, wenn mit Ausschankschluss alle rotzevoll aus den Festzelten strömen und in ihre Hotels oder weiter in After-Wiesn-Clubs wollen. Zu dieser Zeit bekommt man kaum ein Taxi, die U-Bahn ist völlig verstopft. Dann schlägt unsere Stunde.
Als Rikschafahrer muss ich ein Auge dafür haben, was genau passiert. Manche werden nach der vierten Maß garstig, manche total vergnügt und manche spendabel. Vergangenes Jahr habe ich zwei Start-up-Bros noch zu einem Club gefahren, unfassbar voll waren die. Und dann ist mitten auf der Straße die Schraube herausgesprungen, die mein Rad mit den Sitzen vorne verbindet. Die beiden sind vornüber auf die Straße geflogen. Hat denen aber gar nichts ausgemacht, sie waren total gut drauf, haben mich reichlich bezahlt und sind weitergetorkelt. So mag ich das.
Früher wollte ich die Passagiere bei Laune halten, aber mittlerweile bin ich nicht mehr so plauderfreudig. Bei rassistischen Kommentaren werde ich pampig. Solche Leute schmeiß ich dann aus meiner Rikscha, auch wenn sie es nur „lustig“ gemeint haben. Ich bin ein eher ruhiger Typ, aber ein-, zweimal bin ich richtig ausgetickt bei gewaltbereiten Leuten und habe die angeschrien. Die Stimmung kann schnell kippen – bei den Feiernden, aber bei mir auch.
„Feilschen wollen natürlich alle. Meine Strategie: Hoch einsteigen und so tun, als ob man sich überreden lässt“
Als ich 2016 angefangen habe, wollte ich jeden mitnehmen, der mir vor die Nase lief. Bei einer meiner ersten Fahrten waren das drei Teenager. Ich hatte damals noch eine Rikscha ohne Elektromotor, bei der die Sitze hinten sind. Mit der habe ich mich dann den Giesinger Berg hochgequält. Als es auf einmal leichter wurde, habe ich gedacht: Jetzt hast du’s raus! Aber dann schau ich nach hinten – leere Rikscha. Ich höre nur noch ein Kichern aus den Büschen. Geld hab ich für diese Fahrt natürlich keines gesehen.
Beim Oktoberfest kommen an den Menschen Seiten zum Vorschein, die sonst vielleicht das ganze Jahr über geschlummert haben. Heute habe ich gelernt, einzuschätzen, wer entspannt ist oder wer Probleme machen könnte. Feilschen wollen natürlich alle. Man kriegt ein Gespür dafür, wer umgänglich ist. Meine Strategie: Einfach hoch einsteigen, so tun, als ob man sich überreden lässt, dann kommt man bei dem Preis raus, den man von vornherein wollte.
Ich kann nicht sagen, wie viel ich während der Wiesn verdiene. Das Außenstehenden zu verraten, ist tabu. Wir haben Angst, dass die Presse schlecht darüber berichtet und Leute neidisch werden. Aber ich sag mal so: Um in diesen 16 Tagen das Gleiche zu verdienen, müsste man wahrscheinlich irgendein CEO sein. Meine Rikscha leihe ich jedes Jahr von einem Bekannten aus, der mehrere besitzt. Er bekommt einen Anteil meiner Einnahmen. Man muss ein Reisegewerbe anmelden, um damit Leute transportieren zu dürfen. Körperlich ist das mit Elektromotor nicht mehr allzu anstrengend, aber ich arbeite bis spät in die Nacht, das zehrt schon an einem.
Ich kenne Rikschafahrerinnen und -fahrer, die ihr Geld selbst gerne im Bierzelt ausgeben. Aber ich muss gestehen, dass ich in meiner Freizeit nie auf die Wiesn gehen würde.
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Illustration: Alex Mages