Oben ohne gegen das Patriarchat
2008 gründet Oxana Schatschko in der Ukraine die feministische Gruppe Femen mit, 2018 nimmt sie sich im Pariser Exil das Leben. Der Spielfilm „Oxana – Mein Leben für Freiheit“ überzeugt trotz einiger Schwachstellen als Porträt einer kompromisslosen Künstlerin
Worum geht es?
Um die ukrainische Künstlerin und Aktivistin Oxana Schatschko, die 2008 die feministische Gruppe Femen mitbegründete. Der Film zeigt Schlaglichter aus Oxanas Leben: Oben ohne und mit Blumenkranz im Haar kämpft sie mit ihren Freundinnen gegen das Patriarchat, Prostitution und Sextourismus in der Ukraine. Die schlechte wirtschaftliche Lage treibt immer mehr Frauen in die illegale Sexarbeit, während die Politik mehr mit internen Machtkämpfen als den Nöten der Bevölkerung beschäftigt ist. Mit ihren Aktionen erlangt Femen jedoch nicht nur die Aufmerksamkeit internationaler Medien. Nach einem Protest gegen den belarussischen Präsidenten Lukaschenko in Minsk wird Oxana mit zwei Mitstreiterinnen vom belarussischen KGB entführt, mit Öl übergossen und nackt in einem Wald ausgesetzt. Zurück in der Ukraine, planen sie dennoch weitere Aktionen und demonstrieren in Russland gegen die Wiederwahl von Wladimir Putin. Bald werden sie vom ukrainischen Geheimdienst verfolgt und flüchten 2013 nach Frankreich. Während ihre Freundinnen unbeirrt weitermachen und Femen Paris aufbauen, kann Oxana fernab ihrer Heimat und der dortigen politischen Situation immer weniger mit ihren Aktionen anfangen. Die kämpferische Haltung und der oberkörperfreie Protest erscheinen ihr im liberaleren Frankreich immer mehr als Pose.
Wie ist es erzählt?
Entlang eines Tages im Juli 2018, an dessen Ende Oxana, die im politischen Exil an einer Depressiomn erkrankt, sich das Leben nehmen wird. An ihrem letzten Tag arbeitet sie im Atelier ihrer Kunsthochschule, versucht auf dem Amt ihren Aufenthaltsstatus zu klären, besucht abends ihre eigene Vernissage. Aber vor allem erinnert sie sich: Rückblenden erzählen von ihrer Jugend im westukrainischen Chmelnyzkyj, ihrer frühen Begabung für die Malerei von Heiligenbildern, sogenannte Ikonen, und der Distanzierung von ihrer orthodoxen Umgebung, die sich in immer radikalerem Aktivismus entlädt. Regisseurin Charlène Favier zeichnet Oxana als junge Frau, die nicht nur ernsthaft und kämpferisch, sondern auch total albern sein kann. Oxana erstrahlt vor weichgezeichneten Hintergründen im Gegenlicht und wird so selbst als Ikone inszeniert. Chorale Gesänge und Synthesizerklänge, die an Orgelmusik erinnern, verleihen den Bildern auf der Soundebene etwas Erhabenes.
Wenn die Ideale an der Realität zerbrechen: Apolonia (links, Noée Abita) und Oxana (rechts, Albina Korzh)
Ist das die ganze Geschichte?
Sicher nicht. Die Regisseurin interessiert sich deutlich stärker für die Persönlichkeit ihrer Protagonistin als für die Geschichte und die politischen Forderungen von Femen. So bleibt unerwähnt, dass die Aktivistinnen in der Ukraine zeitweise von einem Mann gelenkt wurden, der die schönsten Frauen für den Oben-ohne-Protest ausgewählt haben soll. Auch kontroverse Aktionen, wie den teilweise als islamfeindlich kritisierten „Topless Jihad Day“, den die Gruppe 2013 ausrief, spart der Film aus.
Gut zu wissen
Das Drehbuch entstand schon vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, die Castings für die ukrainischen Figuren mussten nach dessen Beginn per Zoom fortgesetzt werden. Drehs in der Ukraine waren nicht mehr möglich, die ukrainischen Schauplätze des Films wurden in Ungarn gefilmt.
Lohnt sich das?
Ja. Trotz dieser Leerstellen und mancher klischeebeladener Bilder zeigt der Film eindrücklich, wie interne Konflikte aktivistische Bewegungen ausbremsen können und dass sich nicht jede Protestform reibungslos in einen anderen politischen Kontext übersetzen lässt. Wie belastend die Erfahrung des politischen Exils und die Entfremdung von der eigenen Gruppe sein können, vermitteln die ukrainischen Schauspielerinnen eindrucksvoll. „Oxana – Mein Leben für Freiheit“ überzeugt weniger als Erzählung über Femen, sondern als Porträt einer jungen Frau und Künstlerin, die an einer Realität zerbricht, die ihren Idealen nicht standhält.
„Oxana – Mein Leben für Freiheit“ läuft ab dem 24. Juli im Kino.
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