So schön, dass es wehtut
Die ZDF-Serie „Requiem für Selina“ handelt von einer unsicheren Teenagerin, die als Beauty-Bloggerin groß rauskommen will. Dafür tut sie alles – wirklich alles
Worum geht’s?
Selina (Elli Rhiannon Müller Osborne) weiß schon früh, was sie nicht will: so werden wie ihre Mutter (Veslemøy Mørkrid). Denn die ist arm, alleinerziehend und führt – in den Augen ihrer Tochter – ein komplett unbedeutendes Leben. Selina schämt sich für das klapprige Auto, die kleine Wohnung und den einfachen Lebensstil. Sie will mehr vom Leben. Etwas Besonderes sein. Am Gymnasium ihrer norwegischen Kleinstadt wird die 17-Jährige gemobbt, gilt wegen ihrer unangepassten Art als Freak. Zum Glück hat sie ihren Blog. Dort teilt sie unter dem Alter Ego „Celina Isabelle“ ihre Gedanken und Selfies – und erreicht bald Hunderte Leser:innen. Es sind die frühen Nullerjahre. Instagram und TikTok sind noch nicht erfunden, aber Tumblr- und Fashionblogs gewinnen gerade an Bedeutung. Selina nutzt den Hype und baut sich schnell Reichweite auf. Es ist der Beginn ihrer Karriere als Beauty-Bloggerin – und das Ende ihres Lebens als gewöhnliche Teenagerin.
Worum geht’s eigentlich?
Um ein Mädchen, das alles tut, um gesehen zu werden. Von Schönheits-OPs über Nacktfotokampagnen bis hin zu fragwürdigen Werbekooperationen lässt Selina nichts unversucht, um Aufmerksamkeit zu generieren. In dem Versuch, die erfolgreichste Beauty-Bloggerin Norwegens zu werden, hintergeht sie ihre Konkurent:innen und setzt ihre einzige Freundschaft aufs Spiel. Nach außen wirkt sie entschlossen und selbstbestimmt, innerlich aber ist sie zutiefst verunsichert. Als ein Skandal den nächsten jagt und Selina sich immer mehr in eine Kunstfigur verwandelt, kippt die Bewunderung in Hass: Die Presse erklärt sie zum „schlechten Vorbild“, und immer mehr Leser:innen wenden sich von ihr ab.
Wie seh ich denn aus? Selina, hier zwischen ihrem besten Freund und ihrer Mutter, ist verunsichert von ihrem eigenen Fernsehauftritt
Neben Selinas persönlichem Schicksal erzählt die Serie von den Mechanismen der sogenannten Aufmerksamkeitsökonomie – einem System, in dem Aufmerksamkeit zur Währung und Sichtbarkeit direkt in Geld, Macht und Einfluss übersetzt wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob Selinas Blog wächst, weil Menschen sie lieben oder hassen. Was zählt, sind Klicks. Und daran verdienen viele mit: Manager, Plattformen, Schönheitskliniken. Selinas Unsicherheit, das legt die Serie nahe, ist das Ergebnis gesellschaftlicher Zwänge, insbesondere einer Schönheitsindustrie, die Frauen auf ihr Äußeres reduziert und ihre Körper zugleich idealisiert und abwertet. Daran scheint sich – trotz Body Positivity – in den vergangenen 20 Jahren wenig geändert zu haben, im Gegenteil: Die Zahl der Schönheits-OPs steigt seit Jahren kontinuierlich.
Wie wird es erzählt?
Selina erzählt aus der Rückschau ihre Geschichte selbst. Ihre Off-Stimme führt durch die sechs Folgen, in denen sie von der Abiturientin zur erfolgreichen Bloggerin wird. Rückblenden in ihre Kindheit machen nachvollziehbar, wer Selina war, bevor „Celina Isabelle“ entstand – und woher ihr unstillbarer Durst nach Bestätigung rührt. Visuell greift die Serie die Tumblr-Blogger-Ästhetik so detailgenau auf, dass man sich unmittelbar in die Nullerjahre zurückkatapultiert fühlt. Für Menschen, die diese Ära nicht bewusst erlebt haben, liefert die Serie einen Einblick in das Leben vor dem Smartphone: Eine Welt voll Digicam-Selfies, Glitzer-Gifs und zu viel Kajal, als der Begriff Influencer:in noch nicht existierte und man sich zu Hause an den Computer setzen musste, um ins Internet zu kommen. Ein weiteres Highlight ist der Soundtrack, eigens komponiert vom norwegischen Sänger und Songwriter Espen Lind und eingespielt vom Norwegian Radio Orchestra. Streicher und Orgelklänge stehen im Kontrast zur trashigen Y2K-Ästhetik und verleihen der Serie etwas Dramatisches, fast Religiöses. Vor allem aber erklären sie den Titel: Ein Requiem ist eine Totenmesse.
Bloggerin des Jahres, und nun? Am Höhepunkt ihrer Karriere stürzt sich Selina in ein Leben voller Partys, Drogen und Skandale
Beste Szene
Als Selina in einem stylishen Office in Oslo mit ihrem Management über ihr „Rebranding“ spricht. Das ausschließlich männlich besetzte Team rät ihr, sich dem Zeitgeist anzupassen, der sich mittlerweile verändert hat: weniger Nacktheit und Schönheits-OPs, mehr Haltung und Natürlichkeit. Selina, an deren Gesicht und Körper mittlerweile kaum noch etwas echt ist, lehnt ab. Sich jetzt für Demokratie oder den Schutz des Planeten einzusetzen, wäre „fake“, sagt sie. „Die Leute interessiert es sowieso nicht, was ich wirklich denke. Sie folgen mir wegen meines Körpers und meiner Skandale.“ Selina hat das System längst verstanden – auch wenn das sie leider nicht davor schützt, daran kaputtzugehen.
Lohnt sich das?
Absolut! „Requiem für Selina“ überzeugt mit klugen Dialogen und starken schauspielerischen Leistungen – allen voran von Elli Rhiannon Müller Osborne, die beim norwegischen Fernsehpreis, dem Gullruten-Award, völlig zu Recht als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde. Die Serie moralisiert nicht, aber legt die Absurdität einer Industrie offen, die sich Schönheit auf die Fahnen schreibt – und dabei erschreckend hässliche Seiten hat.
„Requiem für Selina“ ist seit dem 3. Februar in der ZDF-Mediathek abrufbar.
Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
Fotos: ZDF/Jonathan Vivaas Kise Tinagent