Der bekannteste rechtsextreme Zahlencode ist sicherlich die 88. Die Acht steht für den achten Buchstaben des Alphabets. So ergibt sich HH, das für den verbotenen Ausspruch "Heil Hitler" steht. Das Gleiche funktioniert für "Adolf Hitler" mit der 18. Auch Sympathie für das im Jahr 2000 in Deutschland verbotene Nazimusik-Netzwerk "Blood & Honour" (Blut und Ehre) wird von Rechtsextremen als Reaktion auf die Strafverfolgung mit der Zahl 28 abgekürzt. Auch wenn die Polizei genau weiß, was damit gemeint ist, kann sie rechtlich nicht gegen einen Zahlencode vorgehen.

Doch es gibt auch weit kompliziertere Zahlen, mit denen die Rechtsextremen sich Eingeweihten zu erkennen geben. Beispielsweise 168:1. Damit zeigt die Szene ihre Bewunderung für den Rechtsextremisten Timothy McVeigh, der 1995 ein Regierungsgebäude in Oklahoma City in den USA in die Luft jagte. 168 Menschen starben bei dem Anschlag. McVeigh wurde zur Todesstrafe verurteilt. 168 zu 1, aus Nazisicht ein gutes Ergebnis im Kampf gegen die verhasste Demokratie.

Ein weiterer Szenecode ist die 14. Sie steht für die berühmten "14 words" des US-amerikanischen Neonazis David Lane, mit denen er zum "Schutz der arischen Rasse" aufrief. "We must secure the existence of our people and a future for white children" (Wir müssen die Existenz unseres Volkes und die Zukunft weißer Kinder schützen).

Neonazi-Marken mit Wiedererkennungswert

Das Versteckspiel zeigt sich auch deutlich an der Kleidung der Szene. Die fälschlicherweise oft mit Rechten in Verbindung gebrachten Label Fred Perry, Lonsdale und New Balance waren nie Nazimarken im eigentliche Sinne, sondern normale Firmen, die plötzlich ohne es zu wollen von Neonazis getragen wurden. Doch es gibt eine ganze Reihe von Modemarken, die von und für Rechtsextremisten hergestellt werden. Sie nutzen Chiffren, um ihre Klientel zu bedienen, ohne Strafverfahren zu riskieren. Der Name der Marke Consdaple wurde so gewählt, damit beim Tragen mit offener Jacke nur die Abkürzung der Partei der Nationalsozialisten, NSDAP, zu sehen ist. Eine andere Nazimarke nennt sich Masterrace Europe (Herrenrasse Europa) und eine weitere vertreibt modern designte Kleidung im Surfer-Look mit Botschaften wie "Aryan Resistance" (arischer Widerstand) oder einem Maschinengewehr der Wehrmacht.

Auch die Brandenburger Modemarke Thor Steinar, deren Inhaber stets behaupten, unpolitisch zu sein, spielt geschickt mit völkischen Runen, NS-Symbolen und -Bildern. Ursprünglich gab es Thor-Steinar-Kleidung fast ausschließlich in eindeutigen Naziläden und bei Naziversandhändlern zu kaufen. Inzwischen ist aus der Marke ein großes Unternehmen mit jährlichen Millionengewinnen geworden. Auf Naziaufmärschen bleiben die T-Shirts der Firma mit zweideutigen Aufdrucken wie "Ski Heil" oder "Kontaktfreudig" (mit Blutspritzern im Logo) weiterhin unübersehbar.

Besonders erfinderisch werden die Rechtsextremen, wenn es um Hetze gegen Juden geht – nicht nur auf T-Shirts, sondern auch in Propagandablättern der Szene. Sie wissen genau, dass Strafverfahren wegen Holocaustleugnung oder Volksverhetzung drohen und spielen deshalb geschickt mit mehrdeutigen Begriffen. So provozierte der NPD-Abgeordnete Jürgen Gansel 2005 einen Eklat im Sächsischen Landtag, als er die alliierten Luftangriffe auf Dresden im Februar 1945 als "Bomben-Holocaust" bezeichnete. Indem das Wort Holocaust, das für den Mord an Millionen Juden im Nationalsozialismus steht, aus seinem ursprünglichen Bedeutungszusammenhang gerissen wird, soll der Massenmord der Nazis verharmlost werden.

Recht einfach zu verstehen ist auch die häufig genutzte Wortneuschöpfung "USrael". Dieses Mischwort aus Israel und USA soll suggerieren, dass Politik und Wirtschaft in Amerika von "den Juden" gesteuert werden. Eine Verschwörungstheorie, die nicht nur im neonazistischen Spektrum weltweit Anhänger findet. Schwieriger wird es, wenn von den "Schaltzentralen der amerikanischen Ostküste" gesprochen wird. Dieser Begriff steht für das angeblich von Juden dominierte internationale Finanzsystem. Neonazis behaupten, dass die Börse und auch die Banken in New York (an der Ostküste der USA) insgeheim von Juden kontrolliert würden.

Ein gerne für T-Shirts verwendetes antisemitisches Szenekürzel ist "ZOG". Es steht für "Zionist Occupied Government" (zionistisch beherrschte Regierung). Neonazis unterstellen damit verschiedensten Staaten insgeheim "jüdisch kontrolliert" zu sein. Hier zeigt sich, wie einfach es sich die Neonazis machen, die eigene Verschwörungstheorie immer wieder aufs Neue bestätigen zu lassen. Wenn ein beliebiges Land etwas tut, was sich gegen die Ziele der Rechtsextremen richtet, wird kurzerhand behauptet, "die Juden" würden dahinter stehen.

Rechtsextremes Wortgut auf dem Weg in die Alltagssprache

Ein Ziel von rechtsextremen Kreisen ist es, selbst erdachte Schlagwörter zu prägen und in die öffentliche Wahrnehmung einzubringen. Gelungen ist dies beispielsweise mit dem (Un-)Wort "National Befreite Zone". Ursprünglich stammt der Begriff aus einem Strategiepapier der NPD-Organisation Nationaldemokratischer Hochschulbund (NHB). Die Autoren riefen dazu auf, Straßen, Stadtviertel oder ganze Ortschaften durch rechtsextreme Schläger so zu dominieren, dass potenzielle Opfergruppen wie Migranten, Homosexuelle, Menschen mit Behinderung oder nicht-rechtsextreme Jugendliche jederzeit mit Gewalt rechnen müssen. Gleichzeitig sollten eigene Betriebe und Lokale gegründet werden, in denen nur Rechtsextreme eingestellt werden. Ende der 1990er-Jahre griffen Medien das Wort auf, und spätestens mit der Wahl zum Unwort des Jahres 2000 wurde es bundesweit bekannt. Auch wenn es die von den Neonazis erhofften "National Befreiten Zonen" bisher nirgendwo in Deutschland gegeben hat, taucht das Wort immer wieder auf.

Das gilt auch für den Begriff "Asylbetrüger", der politisch Verfolgten legitime Gründe für ihre Flucht und die Aufnahme in Deutschland absprechen soll. Auch das Wort "Gutmensch", das meist genutzt wird, um Verachtung gegenüber Menschen auszudrücken, die sich gegen Rassismus und für soziale Gerechtigkeit einsetzen, stammt ursprünglich aus der rechtsextremen Ecke. Die Strategen der Neonaziszene sehen es als persönlichen Erfolg an, wenn eines "ihrer" Wörter Einkehr in den normalen Sprachgebrauch findet.

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass bei rechtsextremen Symbolen und Chiffren Verbote wenig Wirkung zeigen. Für jedes Verbot entstehen neue Codes. Auch wenn die Außenwirkung versteckter Botschaften gering bleibt, spielen sie doch eine entscheidende Rolle als identitätsstiftendes Merkmal für die Szene. Umso wichtiger bleibt es, ihre Sprache und Symbole aufmerksam zu beobachten, um Neonazis auch in Zukunft erkennen zu können.

Johannes Radke arbeitet als freier Journalist und Rechtsextremismusexperte in Berlin.