Collage mit Jugendlichen die Tiersticker als Köpfe haben und einer Person mit Dinosaurierkörper

„Es wird besser, wenn du älter wirst“

Was denkt eigentlich die Therapeutin wirklich über meine Probleme? Mila Ould Yahoui hört schon seit so vielen Jahren zu, dass sie jetzt mal selbst erzählt

Protokoll: Anna Scheld
Thema: Körper
6. Juli 2026

Einige Überzeugungen, mit denen Patient:innen in die Therapie kommen, sind leicht zu erkennen, aber schwer zu verändern. Häufig denken sie über sich selbst, sie seien nicht gut genug. Sie sind Teil einer Freund:innengruppe, in der viele den konventionellen Schönheitsidealen entsprechen, und nehmen sich selbst als weniger schön wahr. Viele Frauen treibt ein großer Konkurrenzdruck um. Gerade wollen alle wieder skinny sein. Dahinter steckt ein Perfektionismus, den ich versuche, mit ihnen zu hinterfragen. Perfektionismus lähmt, nimmt ihnen die Freude – er ist das Gegenteil von Leichtigkeit. Oft versuche ich sie zu trösten, indem ich sage: „Es wird besser, wenn du älter wirst.“ Dann klinge ich wie eine Oma, aber es stimmt. 

Ich habe gerade ungefähr 70 Patient:innen, auf meiner Warteliste steht man etwa ein halbes Jahr lang. Das System ist überfordert, trotzdem können Jugendliche ihre Chancen auf einen Therapieplatz verbessern: wenn sie vormittags Zeit haben, wenn sie offen für eine Gruppentherapie sind. Am besten schreiben sie in die erste Mail rein, was sie belastet – falls ich gerade eine neue Gruppe zusammenstelle, hilft mir die Info, ihnen dort direkt einen Platz anzubieten.

Viele sind extrem besorgt um ihre Zukunft, entwickeln deshalb Ängste oder leiden unter Depressionen. Sie fürchten sich, dass KI ihnen die Jobs wegnimmt, dass sie keine Rente bekommen und sich nie ein Haus leisten können. Ich helfe ihnen also, mit Sorgen umzugehen. Dabei geht es oft um die Frage: „Was habe ich selbst unter Kontrolle?“ 

Jugendliche sollten sich nach einem Therapieplatz umschauen, wenn sie Probleme haben, mit ihrem Leben zurechtzukommen. Wenn sie merken, dass Ängste oder Stimmungen sie davon abhalten, am Leben teilzunehmen. Das können Bauchschmerzen sein, weil sie nicht mehr in die Schule gehen wollen, oder große Ängste, sich im Unterricht zu beteiligen. 

Wenn jemand sich unsicher ist, ob die Probleme „groß genug“ für eine Therapie sind, kann er oder sie einen Sprechstundentermin vereinbaren – die sind dazu da, um das gemeinsam herauszufinden.

„Ich wünschte, ich hätte eine Therapeutin gehabt, die mein ADHS erkannt hätte“

In den letzten Jahren hat Schulangst enorm zugenommen. Viele erzählen, dass sie aus sozialen Ängsten oder weil sie Autismus oder ADHS haben und völlig überstimuliert sind, nicht mehr hingehen wollen. Das Schulsystem, so wie es gerade aufgebaut ist, geht aus meiner Sicht nicht genügend auf ihre Bedürfnisse ein. Ich wünschte, ich hätte als Jugendliche eine Therapeutin gehabt, die mein ADHS erkannt und mir geholfen hätte, zu verstehen, warum ich mich so schlecht konzentrieren kann oder warum ich so direkt bin. 

Vielleicht hätte mir das einige Umwege im Leben erspart. Am Ende bin ich trotzdem genau dort gelandet, wo ich sein will. Das erzähle ich auch den Jugendlichen, die in meine Praxis kommen. Seht mich an, ich habe die Schule abgebrochen und später das Abitur nachgeholt, mein Studium habe ich nicht beendet, und aus mir ist trotzdem etwas geworden. 

Ich wollte Ärztin werden, wollte auf Auslandseinsätzen für Menschen in Not da sein. Also fing ich an, Medizin zu studieren. Das habe ich gnadenlos verkackt. Ich konnte mich einfach nicht aufs Lernen konzentrieren. Jahrelang habe ich mich dafür verurteilt und fühlte mich gescheitert. Heute weiß ich, dass es am ADHS lag.

Mila Ould Yahoui ist Kinder- und Jugendtherapeutin in Hamm. Zusammen mit Psychologin Samra Fazlic hostet sie den Podcast „Junge Psyche“. 

Ich studierte dann Sozialwesen und Gesundheit, arbeitete eine Zeit lang in Berlin in der Aids-Hilfe, als Migrationsreferentin und später als Frauenreferentin. Irgendwann wollte ich mich weiterentwickeln, weil ich mir gewünscht habe, noch intensiver mit den einzelnen Menschen zusammenzuarbeiten. Damals gab es die Möglichkeit, mit einem Studium im Bereich Sozialer Arbeit die Ausbildung zur Kinder- und Jugendtherapeutin zu machen. 

Insgesamt hat die etwa sieben Jahre gedauert. Monatlich hat mich das die ersten drei Jahre 300 Euro gekostet, deshalb habe ich nebenbei 30 Stunden pro Woche als Jugendsozialarbeiterin gearbeitet, um mir das leisten zu können. 

2020 gab es eine große Reform, das ganze System ist seitdem anders aufgebaut. Heute studiert man, um Psychotherapeut:in zu werden, im Bachelor drei Jahre Psychologie und im Master zwei Jahre Klinische Psychologie und Psychotherapie mit anschließender staatlicher Abschlussprüfung. Dann muss man eine fünfjährige Weiterbildung machen, wenn man als kassenärztlich zugelassene Psychotherapeutin arbeiten möchte. Im neuen System wird man für diese Weiterbildung auch bezahlt – früher musste man selbst dafür aufkommen. An sich eine gute Idee, nur ist nicht klar, wer diese Kosten jetzt tragen soll. Momentan bedeutet das, dass es wenig Ausbildungsplätze gibt. 

„Sie sollen verstehen, dass nicht sie es sind, die sich schämen sollten, sondern immer die Täter:innen“

Meine Praxis liegt in einer kleinen Stadt im Ruhrgebiet. Ab 15 Jahren darf man seinen Therapievertrag selbst unterschreiben, ohne dass die Eltern einwilligen müssen. Die Kosten für eine Therapie übernimmt in der Regel die Krankenkasse

Ich bin für meine Patient:innen eine Erwachsene, die nicht zum Schulsystem oder zur Familie gehört, mit der sie über alles reden können. Es hat keine negativen Konsequenzen für sie. Ich habe eine absolute Schweigepflicht, außer wenn es um Selbst- oder Fremdgefährdung geht. 

Manchmal ist die Schweigepflicht schwer zu ertragen. Wenn zum Beispiel ein Mädchen mit Nacktfotos erpresst wird oder sich ein älterer Mann online an jemanden ranmacht, explodiere ich innerlich, möchte am liebsten aufspringen. Aber natürlich muss ich mich zurücknehmen. Mir ist wichtig, mit den Jugendlichen über Scham zu sprechen. Sie sollen verstehen, dass nicht sie es sind, die sich schämen sollten, sondern immer die Täter:innen. Ich arbeite dann mit meinen Patient:innen darauf hin, dass sie sich ihren Eltern öffnen können oder zur Polizei gehen. Am Ende muss ich damit leben, wenn sie es nicht wollen. 

Nur in den äußersten Fällen kann es dazu kommen, dass die Schweigepflicht aufgelöst wird: wenn Gefahr besteht, dass eine Straftat begangen wird oder jemand zu Schaden kommt. Ich muss gut abwägen, und wenn es sich eindeutig um Kindeswohlgefährdung handelt – also bei Erpressung, sexuellen Übergriffen oder anderen Straftaten –, steht diese eindeutig über der Schweigepflicht. Generell wird das Thema Schweigepflicht aber sehr kontrovers diskutiert. Im Zweifel würde ich die juristische Beratung der Psychotherapeutenkammer für Supervision hinzuziehen – allein würde ich das nicht entscheiden wollen. Bisher ist das noch nicht passiert.

Die schönsten Momente sind, wenn jemand etwas schafft, was er oder sie am Anfang der Therapie für unmöglich gehalten hat. Einmal hat sich jemand getraut, die Schule abzubrechen, obwohl sein Umfeld gesagt hat, er müsse das Abitur unbedingt schaffen. Stattdessen machte er eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker, auf die er richtig Bock hatte. Wenn ich so etwas erfahre, kommen mir die Tränen. Ich denke mir dann: Meine Güte, was er geschafft hat. Und ich war Teil seiner Reise. 

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

Illustration: Renke Brandt