Protein ist auch nur Abfall
Protein, Protein, Protein – ob im Supermarkt oder auf Instagram. Doch woher kommt das ganze Protein eigentlich?
„Je näher ich meinem Traumkörper komme, umso besser fühle ich mich“, sagt Elias im Videocall. Er ist 17 Jahre alt, wohnt in der Nähe von Berlin und ist ein drahtiger Typ: 75 Kilogramm auf 1,85 Meter Körpergröße. Er macht gerade eine Ausbildung zum Sportassistenten und pumpt seit zwei Jahren im Fitnessstudio, zweimal pro Woche. „Im letzten Jahr habe ich mehr Muskeln aufgebaut als je zuvor“, sagt er. Er meint, auch dank seiner staubtrockenen Helfer, die in schwarzen Dosen mit bunten Aufklebern in der Küchenschublade lagern: Proteinpulver. Fast täglich trinkt er einen Proteinshake, manchmal auch zwei. In den Aromen Zimt, Grüner Apfel oder Matcha Latte. „Je nachdem, worauf ich gerade Lust habe“, sagt er. Und hat er Lust auf eine Süßigkeit, greift er stattdessen zu einem Proteinriegel, am liebsten mit Stracciatella-Geschmack.
Ein Blick in den Supermarkt zeigt: In Deutschland ist das Proteinfieber ausgebrochen. In den Regalen werben Firmen mit „High Protein“ für ihre Produkte. Auf Instagram, YouTube und TikTok präsentieren Influencer:innen Proteinrezepte: Protein-Schoko-Croissant, Protein-Gurkensalat. Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov kaufen in der Gen Z mehr als die Hälfte regelmäßig Lebensmittel, die als „proteinreich“ oder „High Protein“ beworben werden. The Quality Group, das Unternehmen hinter den beliebten Marken „ESN“ und „More Nutrition“, hatte im ersten Halbjahr 2026 einen Umsatz von 850 Millionen Euro. Aber woher stammt das ganze Protein eigentlich?
Die Milchindustrie macht’s
Proteinpulver kann aus verschiedenen Quellen gewonnen werden, zum Beispiel aus Sojabohnen oder Erbsen. Der wichtigste Rohstoff für Shakepulver und Proteinriegel ist jedoch ein tierischer. Der Lieferant: die Milchindustrie. Denn in vielen Proteinprodukten stecke aus Molke gewonnenes Protein, sagt die Ernährungswissenschaftlerin Janin Henkel-Oberländer von der Universität Bayreuth. Im Handel ist Molkenprotein auch unter dem englischen Namen „Whey“ bekannt.
Dabei war Molke lange vor allem eins: Abfall. Noch vor ein paar Jahren landete sie im Müll oder als Futter in Tiertrögen, besonders in der Schweinemast ist Molke beliebt.
Molke entsteht bei der Käseherstellung. Das Käseeiweiß in der Milch gerinnt und verbindet sich zu festen Klumpen. Gleichzeitig trennen sich die wässrigen Bestandteile zu einer trüben, gelbgrünen Flüssigkeit ab: der Molke. Je nach Käseart entstehen rund neun bis zehn Liter Molke pro Kilo. Laut Henkel-Oberländer ist Molke deshalb besonders attraktiv für die Lebensmittelindustrie: „Molke ist ohnehin verfügbar.“
In der Molke stecken wertvolle Nährstoffe wie Mineralstoffe oder B-Vitamine. Und vor allem: Protein. Große Molkereien ziehen dieses mit speziellen Filteranlagen aus der Flüssigkeit und trocknen es zu Pulver. Das Protein lasse sich vergleichsweise einfach industriell isolieren, sagt Henkel-Oberländer. „Bei pflanzlichen Proteinen ist das aufwendiger, weil diese in eine Faserstruktur eingebunden sind. Das erfordert mehr Zwischenschritte in der Lebensmittelindustrie.“
Einmal in Pulverform, lässt sich das Molkenprotein überall dazumischen – in Shakes, in Riegel. „Viele dieser Produkte stellen die Molkereien selbst her, etwa Joghurt, Pudding oder Milchdrinks. Durch den künstlich erhöhten Proteingehalt können sie höhere Preise verlangen“, sagt Henkel-Oberländer. Dem Marktforschungsinstitut Nielsen IQ zufolge kosten „High-Protein“-Varianten von Lebensmitteln im Vergleich zu denen ohne Proteinhinweis rund 40 Prozent mehr. Für Molkereien ist der Hype ein lukratives Geschäft.
„Eine ausgewogene Ernährung reicht, um den Proteinbedarf zu decken, auch den von Sportler:innen“Janin Henkel-Oberländer, Ernährungswissenschaftlerin
Deutschland ist nach den USA der zweitgrößte Käsehersteller der Welt. Entsprechend viel Molke fällt hierzulande an. „Gut die Hälfte der in Deutschland gemolkenen Milch wird zu Käse verarbeitet“, sagt Björn Börgermann. Er ist Hauptgeschäftsführer beim Milchindustrie-Verband, der die deutschen Molkereien vertritt. „Wir haben verstanden, dass wir aus Molke mehr machen können als Tierfutter“, sagt er. Die Branche habe sich in den vergangenen Jahren professionalisiert und könne Molke nun viel besser verwerten. „Früher hat die Wertschöpfung aus Molke einen Cent des Milchpreises ausgemacht. Heute hat sie daran einen deutlichen wertgebenden Anteil.“ Wie hoch genau, dazu sagt Börgermann nichts.
Aber braucht es das Extraprotein überhaupt? Proteine sind neben Fetten und Kohlenhydraten einer der drei Hauptnährstoffe für den menschlichen Körper. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt Erwachsenen eine Zufuhr von 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht am Tag. Wer mehr davon isst, baut mit ausreichend intensivem Training mehr Muskelmasse auf. Entsprechend beliebt sind Proteine bei Sportler:innen. Mehr als zwei Gramm pro Kilogramm Körpergewicht gelten als potenziell gesundheitsschädlich, wenngleich die Studienlage dazu nicht eindeutig ist.
Elias peilt eine Proteinquote von 1,5 bis 2 Gramm pro Tag an. Morgens isst er dafür schon mal eine Packung Bacon – 15 Gramm Protein. Abends einen Wrap aus Magerquark, Eiern und Hackfleisch – noch mal 32 Gramm. Durch seine Ausbildung kennt Elias den Nutzen und die Grenzen von Protein. Deswegen achte er auf eine vielseitige Ernährung. Shakes und Proteinriegel seien nur ein Ergänzungsmittel. „Sie machen es mir einfach leichter, meinen Proteinbedarf zu decken.“ Ein Nebeneffekt: Er müsse seine Ernährung so weniger planen.
Ozempic sorgt für neue Kunden
„Der Körper kann Molkenprotein gut verstoffwechseln“, sagt Ernährungswissenschaftlerin Henkel-Oberländer. In ihm stecken alle neun essenziellen Aminosäuren – also jene Bausteine von Proteinen, die der menschliche Körper nicht selbst herstellen kann und durch Nahrung aufnehmen muss. Den Proteinhype betrachtet die Forscherin skeptisch. „Eine ausgewogene Ernährung reicht, um den Proteinbedarf zu decken, auch den von Sportler:innen“, sagt sie.
Eine neue Kundengruppe für die Proteinhersteller kommt aus Arztpraxen dazu: Abnehmspritzen wie Ozempic oder Wegovy unterdrücken den Appetit so stark, dass Patient:innen kaum noch genug essen, um ihre Muskelmasse zu halten. Viele ergänzen deshalb die Therapie durch eine proteinreiche Ernährung.
In Deutschland reichen die Verarbeitungsanlagen nicht aus, um die ganze Molke zu verwerten. Deshalb investieren die Unternehmen derzeit viel in zusätzliche Kapazitäten. Das Deutsche Milchkontor zum Beispiel baut in Niedersachsen für 26 Millionen Euro eine neue Produktionsanlage für Molkeproteinkonzentrat.
Elias hat Anfang des Jahres eine Sammelbestellung gemacht. Dieser Vorrat reicht bis heute. „Das Zeug kommt auf jeden Fall weg“, sagt er.
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