Die Autorin am Fenster ihrer Probewohnung

Versuch’s doch mal mit Guben

Wie könnten schrumpfende Gemeinden neue Bewohnerinnen und Bewohner finden? Im brandenburgischen Guben heißt eine Idee: Probewohnen. Unsere Autorin ist versuchsweise eingezogen und hat dabei viel über Abwanderung und sich selbst gelernt

Von Lena Fiedler und Fotos: Hahn+Hartung
7. November 2025

Eine Runde um mein neues Zuhause reicht aus, um zu ahnen, dass mir eine einsame Zeit bevorstehen könnte. Es ist mein erster Tag in Guben, einer Kleinstadt in Brandenburg, direkt an der deutsch-polnischen Grenze. Meine Hündin Mulan und ich machen einen Spaziergang. Sie ist happy, ich skeptisch. Wir schauen die breite Karl-Marx-Straße hinauf und wieder hinunter. Niemand unterwegs. Die Gebäude entlang der Straße sind kleiner, als ich sie mir vorgestellt habe, maximal vier Stockwerke hoch. Einige von ihnen stehen leer, und das wohl schon seit einiger Zeit, so, als wären sie als Kulisse eines Katastrophenfilms übrig geblieben.

Dieser Leerstand ist auch der Grund, warum ich die nächsten zwei Wochen so gut wie kostenlos hier wohnen darf. Während in Großstädten der Wohnraum immer knapper wird, ist Guben eine der vielen Gemeinden in Deutschland, die schrumpfen. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hat sich die Stadtverwaltung etwas überlegt: Probewohnen. Menschen, die mit dem Gedanken spielen, in eine kleinere Stadt zu ziehen, können es hier austesten. So wie ich. Normalerweise wohne ich in Berlin. Dochmit steigendem Alter und steigenden Mieten könnte ich mir vorstellen, irgendwo zu wohnen, wo es ruhiger und vielleicht auch schöner ist.

Aber könnte ich wirklich in Guben leben? Und warum ist die Abwanderung hier ein so großes Problem?

Leerstehendes Gebäude
DIe Autorin im Cafe voller Menschen

Mein neues Zuhause liegt in einer renovierten Plattenbauwohnung mit bodentiefen Fenstern. Auf dem Tisch im Wohnzimmer wartet schon ein großer Begrüßungskorb mit Give-aways von Guben, der Wohnungsgesellschaft und dem Land Brandenburg. Darunter Gutscheine für die Bäckerei, das Restaurant und das Hallenbad. Mein Favorit ist ein Sitzkissen mit der Aufschrift: Brandenburg – es kann so einfach sein. Dazu sechs Bifis in verschiedenen Geschmacksrichtungen.

Ich lebe mich in Guben schneller ein, als ich dachte: Den nächsten Tag starte ich mit einer Tasse Kaffee im grünen Hinterhof, wo Mulan sich ungestört die Beine vertreten kann. Dort lernen wir unsere neuen Nachbarn kennen. Zum Beispiel einen älteren Mann, Typ Sporthose und Socken in den Sandalen, der rauchend auf seinem Balkon steht. Ich erkläre ihm, dass ich eigentlich aus Berlin komme. „Na, so was, eine Bulette.“ Das scheint hier die Bezeichnung für Menschen aus Berlin zu sein. Da fühle ich mich direkt willkommen.

Ein anderer Gubener, den ich kennenlerne, stellt sich als Mogelpackung heraus. Er kommt eigentlich aus einem Dorf weiter und ist verdutzt, als ich ihm erzähle, dass ich hier gerade zur Probe wohne. Aber er hilft mir sofort, den Sattel meines Probefahrrads einzustellen. So waren hier die meisten, die ich getroffen habe. Hilfsbereit, freundlich, eventuell etwas wortkarg. Aber allen ist gemeinsam, dass sie sich freuen, wenn man sich für ihre Stadt Guben interessiert.

Die Gründe für den Leerstand in Guben führen in die Vergangenheit der Stadt und spiegeln das Schicksal vieler Städte im Osten Deutschlands. Die Gubener Textilbranche war lange Zeit ein wichtiger Industriezweig, der sich mit einem Spruch in das Gedächtnis der Bewohner*innen eingebrannt hat: „Gubener Tuche, Gubener Hüte – weltbekannt für ihre Güte“. Nach der Wiedervereinigung wurden die Unternehmen abgewickelt.

Die Bevölkerung schrumpfte von etwa 36.000 Einwohner*innen 1981 auf gut 16.000 im Jahr 2024. Neben der niedrigen Geburtenrate liegt das auch am Wegzug vor allem junger Menschen. Der Altersdurchschnitt liegt bei etwa 53 Jahren, acht Jahre über dem Gesamtdurchschnitt in Deutschland.

Die Autorin und ihr Hund spielen am Ufer
Ortsschild von Guben

Auf meinem Spaziergang durch die Altstadt komme ich an einem Bubble-Tee-Laden vorbei, in dem es scheinbar gut riecht, weil Mulan mich zielstrebig in den Laden zieht. An der Theke steht Phuong Nguyen, die Inhaberin. Sie ist 31 Jahre alt und gebürtige Gubenerin. Ihre Eltern sind als vietnamesische Arbeiter*innen in die Gegend gekommen. Seit dem Jugendalter wollte sie nur von hier weg. Doch nach ein paar Jahren in Berlin ist sie mit ihrem Partner zurückgezogen, weil es hier leichter war, eine Kita für ihr Kind zu finden. Glücklich ist sie allerdings nicht. Ständig müsse sie erklären, warum sie Bubble-Tee verkaufe und kein Eis. Dazu komme noch, dass hier kaum andere Menschen mit vietnamesischen Wurzeln lebten. „Es fällt mir schwer, weil es keine Community gibt.“

Doch die Stadt habe sie bei der Eröffnung ihres Ladens auch unterstützt, zum Beispiel, als es um einen Bauantrag für das Anbringen einer Markise am Geschäft ging. „Wenn du was machen willst, wird es dir leicht gemacht.“ Die Ladenmiete und die Fixkosten seien hier überschaubar und das Risiko daher nicht so groß. Dass viele Jugendliche wegziehen, versteht sie. Als junger Mensch habe man es hier schwer, weil es keinen richtigen Ort gebe, an dem man sich treffen könne. „Überall ist man unerwünscht“, so ihr Gefühl.

„Jugendliche müssen auch irgendwohin“, sagt Jenny. Ihre Freunde Melvin und Robert winken ab. „Ist ’ne Rentnerstadt.“

Nguyens Eindruck teilen viele junge Menschen, mit denen ich spreche. Im Stadtpark entdecke ich einen Platz mit kleiner Halfpipe, wo junge, aber auch einige ältere Menschen rumhängen. Die Jugendlichen sagen, sie würden ganz Alltägliches vermissen: mehr Bänke, ein paar Mülleimer. Jenny, 21 Jahre alt, hätte gernfür sich und ihre Tochter einen schönen Spielplatz. „Jugendliche müssen auch irgendwohin“, fügt sie hinzu. Ihre Freunde Melvin und Robert winken ab. „Ist ’ne Rentnerstadt.“

Doch längst nicht alle sind unzufrieden in Guben. Am nächsten Tag treffe ich Thomas Laugks vor dem Rathaus. Er ist mit seinen 26 Jahren Mitglied der Gubener Stadtverordnetenversammlung. Er ist hier geboren und arbeitet als Lehrer für Geschichte und Polnisch. „Ich mag das Kleinstädtische“, sagt er. „Man trifft immer irgendjemanden zufällig, sei es beim Bäcker oder auf der Straße.“ Laugks ist auch in Guben geblieben, weil er hier immer eingebunden war. Er war Mitglied des Kinder- und Jugendbeirates, später gründete er mit Mitschüler*innen eine Schülerfirma, die Apfelwein herstellt.

Was mir Laugks und Nguyen erzählen, hat auch die Forschung herausgefunden. Fehlende Teilhabe und geringe Zukunftsperspektiven sind zentrale Gründe, warum junge Menschen abwandern. Nguyen aus dem Bubble-Tee-Shop hat Guben verlassen, weil es hier für sie kein Angebot gab. Laugks ist geblieben, weil er beteiligt wurde. Das Problem ist ein Teufelskreis: Je weniger junge Menschen bleiben, desto kleiner wird das Angebot, was die Region wiederum für junge Menschen unattraktiver macht.

Die Autorin am Fenster
Ein Kind mit Eltern beim schaukeln

Was würde mich hier halten? Ich genieße es wie Laugks, dass ich – ganz anders als in Berlin – überall maximal eine Viertelstunde mit dem Fahrrad hinbrauche. Und die Stadt ist sehr grün. Mein Lieblingsort ist ein Fleck Sand, direkt am Ufer der Neiße. Mit Blick auf Polen sitzen Mulan und ich häufig hier, planschen ein wenig oder lesen. Ein weiterer Vorteil: Hier in Guben kennt jeder jeden. Nach ein paar Tagen treffe selbst ich Leute zufällig wieder. Das liebe ich. Abends erwische ich mich dabei, dass ich im Bett liegend durch die Anzeigen für sanierte Vierraumwohnungen für 650 Euro warm scrolle. Und auch die Nähe zu Polen und einem Teller Piroggen verbuche ich auf der Pro-Seite meiner Liste.

Wobei viele Deutsche vor allem in den polnischen Teil, der Gubin heißt, zu fahren scheinen – um hier zu tanken, Kippen zu kaufen oder ihre Hunde frisieren zu lassen. Dort sprechen sie wie selbstverständlich Deutsch. Obwohl die Städte seit vielen Jahren zusammenwachsen, merke ich schnell, dass es Vorurteile gibt. In einer Kneipe raunen einige Gäste, dass „die Polen“ nach Guben kämen, um Fahrräder zu klauen und Keller aufzubrechen. Leider dürften solche Erfahrungen auch einige Menschen abschrecken, hier hinzuziehen. Mich eingeschlossen.

Am Ende meiner Probezeit habe ich einiges über mich gelernt: Mich stört es überhaupt nicht, kein Café um die Ecke zu haben, das Flat White verkauft. Es ist mir auch egal, beim Einkaufen keine Auswahl oder eingeschränkte Öffnungszeiten zu haben. Worauf ich in meiner kurzen Zeit in Guben noch nicht gestoßen bin, sind Gleichgesinnte, die auch Lust darauf hätten, ein Kino zu organisieren oder Yogastunden im Park. Wenn ich über einen Job oder Kinder in die Gemeinschaft eingebettet wäre, stünden die Chancen, welche zu finden, sicher besser. Aus der Sicht der Gubener Stadtverwaltung ist das Probewohnen ein voller Erfolg. Bisher sind zwei neue Bewohner*innen hergezogen, eine weitere sei auf dem Weg. Zwar werden diese Menschen den demografischen Wandel in der Stadt nicht aufhalten, aber die positive Berichterstattung über Guben zieht Interessierte an, die das Bild der Stadt mit beeinflussen.

Mein Plan, in eine kleine Stadt zu ziehen, bleibt. Aber ich habe gemerkt, dass ich mehr Zeit, Vorbereitung und vielleicht auch Mitstreiter*innen benötige, um wirklich einen Neuanfang zu wagen. Dass der sich lohnen kann, hat mir meine Zeit in Guben gezeigt.

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