Krank peinlich
Nicht gesund zu sein ist nie schön. Aber manchmal kann es so richtig unangenehm werden. Vier Krankengeschichten, die die Betroffenen am liebsten verdrängen würden
Afterhour
Was es wirklich heißt, Mensch zu sein, weiß nur, wer Hämorrhoiden hat. Vor allem wenn die Schleimhäute am Schließmuskel geschwollen sind, bluten und nässen. Besonders Mensch bin ich bei meinem bayerischen Proktologen. „Des san ja wieder richtige Brummer“, schnauft er und fuhrwerkt an meinem Pförtner herum. Wir haben viel probiert, Salben, Sitzbäder, Gummibänder zum Abklemmen, Vereisungsspritzen, aber die Brummer wirst du nie wieder los. Ein ganz exquisiter Schmerz ist das, als ob man Hornissen kackt. Die eigentliche Demütigung besteht aber darin, dass meine Hämorrhoiden völlig willkürlich zu jucken beginnen können. Das heißt, dass man sich unerwartet, während eines Referats oder beim ersten Kuss, im Arschloch kratzen muss. Anonym
Wodkatherapie
Ich war 18 und zu Besuch bei einer Freundin auf dem Land, als der Schmerz begann. Ich leuchtete mit der Taschenlampe meines Smartphones in meinen Rachen. Ganz hinten, links und rechts, glühten zwei feuerrote Mandeln, an denen weißliches Zeug klebte. Fix gegoogelt, Mandelentzündung! Es war Samstag und ich planlos, wie ich dort im Nirgendwo eine Arztpraxis finden sollte. Also entschied ich: Wenn Alkohol desinfiziert, dann muss ich nur auf die Party am Abend warten. Ich trank Wodka-Shots, ich trank Longdrinks, am Morgen war der weiße Belag verschwunden. Top-Plan also. Oder auch nicht. Einige Wochen später bildeten sich schmerzende Kreise auf meinen Waden und Schienbeinen. „Bienenstiche“, sagte ein Arzt und verschrieb Schmerztabletten. Als die Kreise den doppelten Durchmesser erreicht hatten und ich nicht mehr laufen konnte, erfuhr ich in der Hautklinik: „Es ist Knotenrose!“ Was ich nicht ergoogelt hatte: Unbehandelte Mandelentzündungen können sich auf die Beine verlagern. Ich bekam Cortison und acht Tage im Krankenhaus, um über meine Selbstmedikation nachzudenken. Noelle Konate
Laufen lassen
Es gab eine Zeit, ich war 11 oder 12, in der ich nonstop Blasenentzündungen hatte. Irgendwann wurde es meiner Mutter zu bunt, und wir fuhren ins Krankenhaus. Nach stundenlangem Warten (das ich auf dem Klinikklo verbrachte, um immer wieder einzelne Tropfen zu pinkeln, die gebrannt haben wie Feuer) war der Arzt überaus angetan von meinen Symptomen. Er vermutete eine interessante Harnwegsinfektion und ließ meine Blase mit Kontrastmittel füllen, um sich das Ganze im Ultraschall anzuschauen. Als meine Blase voll war, kam das Kommando: „So, und jetzt bitte urinieren.“ Ich sollte mich liegend einnässen, vor ihm und meiner Mutter. Die letzte Patientin habe das nicht geschafft, appellierte er noch an meinen Sportsgeist. Als ich mich gerade durchgerungen hatte und laufen ließ, schlug die Tür auf. Eine Gruppe Assistenzärztinnen eilte herbei, die irgendwie Wind bekommen haben mussten von dieser spannenden Untersuchung. Sie sprachen nur in der dritten Person von mir und wollten keinen Milliliter verpassen. Lena Fiedler
Dubai-Schokolade
Es gibt schlechtere Orte für Durchfall als Dubai. Aber das wusste ich noch nicht, als ich in der sterilen Kaufhaustoilette zum hundertsten Mal den Hebel der Arschdusche zog. Beschämt trat ich heraus. Der Mitarbeiter, der immer sofort nach mir sauber machte, grüßte schon nicht mehr. Zurück ins Hotel nahmen wir die wohl sauberste Metro der Welt, die leider voller Menschen war. Ich kauerte mich an eine Haltestange, wohl wissend, dass es gleich wieder passiert. Da ich nur eine Badehose trug (ohne Innennetz), starrte ich panisch meine Freunde an. Mein Drang war größer als der Burj Khalifa. Aber was sollte ich tun? Einen Strahl auf den Boden schießen und mit einem einfachen „Sorry“ quittieren? Ich überwand den Krampf. Das kam mir übermenschlich vor – und war es wohl auch: Mein Körper teilte mir sofort mit, dass oben rausmuss, was unten nicht rausdarf. Als die Metro hielt, sprang ich raus und kotzte auf den Bahnsteig, auf den mehrere Kameras zeigten. Ich wähnte mich schon im Knast: Man hielt mich sicher für eine Schnapsleiche. Was in Dubai fatal sein kann, weil das Trinken in der Öffentlichkeit verboten ist. Aber die war ich nicht. Nur die ärmste Wurst Dubais. Erik Hlacer
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Illustrationen: Tom Guilmard