Frau mit Helm und rosa Kleid tanzt in einer Gruppe von Menschen mit verschwommenen Lichtstreifen im Hintergrund

Girls just wanna have fun

Magdalena und Nele gehen gerne tanzen – am liebsten im Club Lido. Viermal im Jahr steigt dort eine Party, bei der Menschen mit ­Behinderung ausdrücklich willkommen sind

Text: Janna Degener-Storr und Sarah Kröger und Fotos: Stephanie Leisten
Thema: Körper
2. Oktober 2026

Körper wirbeln im Takt der Musik, Hände fliegen in die Luft. „It’s my liiife! It’s now or never …“, dröhnt es aus den Boxen. Manche tanzen Hand in Hand, andere trinken Bier, die meisten allerdings Limo oder Wasser. Menschen in Rollstühlen fahren vor und zurück und wippen mit ihren Oberkörpern im Rhythmus. Samstagabend im Lido, einem Club in Berlin Kreuzberg. Magdalena, 21, rosa Partyoutfit, schwarze Bauchtasche, tanzt ausgelassen. 

Sie ist heute mit fünf Bekannten da. Zusammen losgezogen sind sie mit Ehrenamtlichen von „Einhorn im Kiez“ – einem gemeinnützigen Unternehmen, das unter anderem junge Menschen mit Behinderung zu Freizeitangeboten begleitet. Manche aus der Gruppe waren schon gemeinsam auf Einhorn-Ausflügen. Mal ging’s in den Tierpark, mal zum Bowling – und natürlich zum Tanzen, so wie heute. „Die Musik macht Spaß“, sagt Magda, wie sie ihre Freundinnen und Freunde nennen. „Hier kann ich machen, was die anderen machen.“ 

In Deutschland lebt fast jede zehnte Person mit einer Schwerbehinderung. Bei der Freizeitgestaltung haben junge Menschen – mit und ohne Beeinträchtigung – ähnliche Vorlieben. Mehr als zwei Drittel der jungen Menschen gehen gerne feiern. Das zeigt die Aktion Mensch in ihrem Inklusionsbarometer Jugend 2024. Laut der Förderorganisation hätten Menschen mit Beeinträchtigung jedoch weniger Möglichkeiten, gleichberechtigt teilzuhaben.

Dass Magda einfach so mit ihrer Gruppe im Lido feiern kann, hat einen Grund: Im Club ist heute „Dynamit“, eine Party, veranstaltet vom Verein dynamis. Viermal im Jahr soll so die Tanzfläche zu einem Schutzraum für Menschen mit Behinderungen werden. „Sachen für Kinder interessieren mich nicht mehr. Ich bin jetzt älter. Ich möchte Sachen machen, die für mich spannend sind“, sagt Magda. 

Eine lachende Person mit Kopftuch und T-Shirt tanzt mit erhobenen Armen vor einer Gruppe auf einer Tanzfläche
Frau mit Brille und gestreiftem Oberteil tanzt in einer Gruppe auf einer beleuchteten Tanzfläche unter einer Diskokugel

Auf der Tanzfläche sind Menschen im Alter zwischen 20 und 60 Jahren vertreten. Glitzerhüte und Pailletten blitzen zwischen ­T-Shirts, Sommerkleidern und Karohemden auf. Magda hat heute schon ein paar bekannte Gesichter getroffen. „Ich freue mich immer auf die anderen“, sagt sie. „Hier ist man nicht die Einzige mit einem Handicap.“

Willkommen sind alle. Schließlich nennt sich die Party „inklusiv“. Allerdings: Viele Partygäste ohne Behinderung sind an diesem Abend nicht gekommen. „Es ist oft so, dass vor allem Teilnehmende, Betreuende und Eltern da sind“, erklärt Sina. Die 29-Jährige leitet die Gruppe schon seit zehn Jahren ehrenamtlich. Das liege vielleicht an der Musikauswahl: Es wird vor allem Pop statt Techno gespielt. Auch die Uhrzeit spiele eine Rolle. Um 22.30 Uhr ist Schluss. Wenn andere erst zum Feiern losziehen, haben die Betreuerinnen und Betreuer Feierabend. Magda und die anderen müssen dann nach Hause. Beide wohnen noch bei ihren Eltern. Alleine weiterfeiern geht nicht. Sie sind auf Assistenz angewiesen. 

Seit 2009 gilt in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention. Sie verpflichtet dazu, Teilhabe und Gleichberechtigung für behinderte Menschen in allen Lebensbereichen zu ermöglichen. Menschen, die sich für mehr Inklusion einsetzen, sehen spezielle Angebote wie dieses deshalb oft kritisch: Sie wünschen sich, dass sich das gesamte Leben für sie öffnet und Barrieren nicht nur räumlich, sondern auch in den Köpfen abgebaut werden.

Eine Party als Safe Space

Demgegenüber steht der Wunsch nach einem Safe Space: „Die Partygänger wollen nicht angegafft oder blöd angemacht werden, weil sie vielleicht länger beim Bezahlen oder Laufen brauchen“, sagt Conny Smolny vom Veranstaltungsteam. Der Eintritt bei der „Dynamit“ kostet 2 Euro. Das können sich hier alle leisten. Magda arbeitet in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen. Dort digitalisiert sie für Banken und Versicherungen Dokumente für das Archiv. 

Wer hier beschäftigt ist, bekommt keinen Mindestlohn, sondern eine Art Taschengeld von durchschnittlich 233 Euro im Monat. Viele können davon nur leben, weil sie dazu noch Leistungen vom Staat bekommen. Nicht nur deshalb stehen Werkstätten in der Kritik. Magda muss zudem „Einhorn im Kiez“ bezahlen. Die Begleitung kostet 17,50 Euro in der Stunde. Da sie einen Pflegegrad hat, kann die Pflegekasse die Kosten übernehmen – etwa über den Entlastungsbetrag von 131 Euro im Monat oder über die Verhinderungspflege. 

Weil sie täglich epileptische Anfälle bekommt, trägt Magda einen Helm. Dabei verkrampft sich ihre gesamte Muskulatur und sie stürzt zu Boden. Das ist ihr auch schon beim Tanzen passiert. Zehn, zwanzig Sekunden blieb sie liegen, bevor sie wieder ansprechbar war. Eine Betreuerin half ihr auf und gab ihr ein Glas Wasser. Kurz danach tanzte sie weiter. 

Rund 15 Ehrenamtliche von dynamis sind an diesem Abend im Einsatz. Sie bringen die Rampe für Rollstühle an, räumen sie weg und unterstützen bei gesundheitlichen Problemen wie Kreislaufbeschwerden. „Viele im Team sind im Umgang mit Epilepsie oder Diabetes geschult und können entsprechend reagieren“, erzählt Smolny.

Zwei junge Männer sitzen entspannt auf roten Kinosesseln

In einem anderen Club war Magda noch nie. Ob es ihr dort gefallen würde, kann sie nicht sagen. Wichtig ist ihr in jedem Fall, dass ihre Freundinnen und Freunde dabei sind. „Die kenne ich aus der Arbeit und aus der Schule“, sagt sie. Mit ihnen ist immer Party: auch beim Bowlen oder wenn sie sich zu Hause treffen.

Ob das Nele auch so sieht? Die 20-Jährige, hellblaue Beanie und cremefarbenes T-Shirt, ist ganz in ihren Tanz versunken. Sie ist zierlich und einen Kopf kleiner als die meisten hier. Ihre Fingernägel sind bunt lackiert, an ihrem Handgelenk baumelt ein Freundschaftsbändchen. In einem Club ist sie heute zum ersten Mal. Mit ihren Eltern war sie aber schon bei Konzerten von Peter Fox und Mark Forster, erzählt sie. „Aber Disco mach ich auch zu Hause, mit meiner Musikbox.“ Dann übt sie Hip-Hop: „Ich gucke YouTube, manche erklären das da und dann mach ich es einfach mit.“ 

Eine große Frau reißt Nele aus dem Takt, will offenbar mit ihr tanzen. Körperkontakt mit der fremden Frau will sie nicht. Sie weicht zurück, weiß nicht, wie sie reagieren soll, und sucht Blickkontakt zu einem Begleiter der Gruppe. Er kommt ihr zu Hilfe, streckt abwehrend die Hand aus – die Frau wendet sich ab. 

Auch Magda kennt solche Situationen. Sie ist froh, dass dann jemand da ist, der vermitteln kann. Einige hier sprechen nicht. Berührungen sind für sie wichtig, um in Kontakt zu treten. Anderen wiederum fällt es schwer, nonverbale Signale wie diese zu deuten und zu erwidern. Als zwei Bekannte von Magda immer wieder versucht hatten, Magda gegen ihren Willen zu kitzeln, wäre die Situation fast eskaliert. „Da hat mich Sina zum Glück zur Seite genommen“, erzählt sie.

Zwei bis drei Leute beobachten wegen der großen Bandbreite der Bedürfnisse an jedem Dynamit-Abend die Tanzfläche. Das sei eine Gratwanderung, sagt Smolny. Einerseits wollten die jungen Leute eine ganz normale Party erleben. Gleichzeitig müsse man sie aber schützen.

„Die meisten aus unserer Gruppe können Reize oft nicht gut filtern oder nehmen Medikamente. Deshalb sind sie schneller müde“, ergänzt Gruppenleiterin Sina. Räumt aber ein, dass es auch ein paar gebe, die bis morgens durchtanzen würden. Magda jedenfalls hat es heute nur wenige Minuten in der Chillout-Area ausgehalten und Sina zugerufen: „Ich bin wieder auf der Tanzfläche!“

Titelbild des fluter 100, Thema: Feiern, er zeigt eine Person beim Tanzen vor orangem Hintergrund
Dieser Artikel ist aus dem fluter „Feiern“.
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