Feiernder Jugendliche in beschlagenen Bus / Busfahrer im Rückspiegel

The Partybus has arrived

Wer auf dem Land als Jugendlicher feiern will, kommt kaum hin und schon gar nicht mehr zurück. Im Allgäu hat ein junger Mann eine Lösung für das Problem gefunden

Von: Joshua Kocher und Fotos: Tom Huber
15. September 2025

Um 18.30 Uhr rollt ein stiller Held in den Busbahnhof von Wangen im Allgäu. Er trägt ein weißes Hemd, auf den Kragen ist ein gelber Bus gedruckt, auf der Brust steht sein Name: Marcel Spieß.

Er ist 25 Jahre alt, hat einen praktischen Kurzhaarschnitt und leichte Koteletten auf den roten Wangen. Am Arm trägt er eine ständig vibrierende Smartwatch, sein Handyhintergrund ist sein grauer Tesla Model 3, und er träumt von einem Roadtrip von New York nach Miami. Hauptberuflich plant er Busrouten zwischen Tettnang, Gohren und Kressbronn.

Wer auf dem Dorf aufgewachsen ist, kennt das Problem: Wenn irgendwo gefeiert wird, kommt man kaum hin und schon gar nicht mehr zurück, es sei denn, jemand erbarmt sich zu fahren. So stolpern betrunkene Jugendliche stundenlang über Felder nach Hause, schlafen in Bushäuschen oder versuchen, irgendwie das einzige Großraumtaxi im Landkreis zu rufen. 

In Wangen im Allgäu löst dieses Problem jetzt Marcel Spieß. Bis zu zehnmal im Jahr fährt Spieß Jugendliche zu Schlagerpartys, Nikolaustänzen oder Brauereifesten. Was vor sechs Jahren mit einem Bus begann, hat sich zu einem richtigen Geschäft mit vier gemieteten Fahrzeugen samt Fahrern entwickelt. 

 

Drei verkleidete Mädchen vor einer Hecke

Drei Verkleidete vor dem XXL-Hexenball in Neukirch ... 

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... zu dem der Partybus sie kutschiert 

Heute Abend, an seinem eigentlich freien Samstag, steuert Spieß einen 18,75 Meter langen Gelenkbus, 17 Tonnen Leergewicht, 51 Sitz- und 91 Stehplätze. Über der Windschutzscheibe flimmert die Leuchtschrift: Partybus. Daneben eine Discokugel.

Spieß bringt den Bus zum Halten, dann sagt er den schönen schwäbischen Busfahrerhalbsatz: „Sooooo jetzetle.“ Und öffnet die Tür.

An diesem Wochenende Ende Januar fährt er zum XXL-Hexenball. Etwa 15 Kilometer vom Busbahnhof in Wangen entfernt werden heute Abend 3.500 Menschen in das 2.800-Seelen-Dorf Neukirch einfallen, um in der Turnhalle und im Festzelt eine der größten Fastnachtspartys der Region zu feiern. Mit Live-DJ, Lumpenkapelle und Asbach-Cola für vier Euro. 

Flaschen sind im Bus verboten, das kontrolliert extra ein Türsteher 

Marcel Spieß tippt auf das Display seiner Kasse, um einen als Affen verkleideten Jugendlichen abzukassieren. Vor der Bustür hat sich eine riesige drängende Menschentraube gebildet. Einer nach dem anderen steigt ein. 

An der Tür baut sich Felix Sauer auf, kantiges Gesicht, Jeans und Daunenjacke, angespannt kaut er einen Kaugummi. Felix Sauer kennt Marcel Spieß seit der Grundschule, er arbeitet als Rettungssanitäter und wird seinem Freund heute als Türsteher zur Hand gehen, Ehrensache – Spieß lädt ihn dafür zum Essen ein.

Schrille Partycrowd wartet auf den Partybus

Als Banane oder Hotdog verkleidet, drängen die Jugendlichen in den Partybus

Türsteher Felix Sauer ist zwar kein Schrank und sieht auch nicht besonders bedrohlich aus, aber das macht er durch klare Ansagen wett. Als vier Jugendliche ihre Fahrkarten zeigen, sagt er: „Einmal ganz nach hinten durchgehen.“ Die jungen Frauen setzen sich auf die vordersten vier Plätze. „Was habt ihr an ganz hinten nicht verstanden?“, ruft Sauer. Marcel Spieß grinst: „Der Felix ist mein Stressmacher.“

Marcel Spieß ist in Wangen im Allgäu aufgewachsen und hat dort sein ganzes bisheriges Leben verbracht. Er wollte erst Informatiker werden, wurde dann aber Berufskraftfahrer. Heute arbeitet er als Verkehrsplaner bei einem Busunternehmen. Feiern geht er längst nicht mehr. Er fühlt sich zu alt. Nur an Silvester geht er steil, in Ulm.

Die Idee für den Partybus kam ihm 2019 zusammen mit einem Berufsschulkollegen. Damals feierte er selbst auf Dorffesten und musste immer seine Eltern fragen, ob sie ihn abholen können. „Wenn sie Nein gesagt haben, hatte ich die Arschkarte gezogen“, erinnert er sich.

Schon nach wenigen Minuten ist der Bus fast voll – und das ist erst die erste von drei Stationen auf dem Weg zum XXL-Hexenball. Auf Marcel Spieß’ Smartwatch ploppt eine Nachricht vom Veranstalter des Hexenballs auf: Vorverkaufsrekord.

 

Partycrowed und Busfahrer im Bus

Marcel Spieß fährt Bus bis spät in die Nacht... 

Person in Bärchenkostüm auf der Tanzfläche

... während andere Leute tanzen 

Er drückt auf einen Kopf neben dem Lenkrad, die Tür schließt sich, dann löst er die Bremse und gibt sanft Gas.

Felix Sauer, der neben ihm steht, startet auf seinem Handy die Spotify-Playlist „FASNET 25“. Hinter dem Fahrersitz hat Marcel Spieß eine 240-Watt-Partybox aufgestellt. Aus der dröhnt jetzt der Rapper Finch: „Das ist Liebe auf der Rückbank“. Marcel Spieß tippt mit den Fingern auf dem Lenkrad zum Beat.

Im Vierer hinter dem Fahrersitz reichen ein Bär, ein Gärtner und ein Elefant eine Plastikflasche herum. Spieß kann sie nur hören, Wortfetzen dringen zu ihm, einer ruft: „Schluck runter, du Lappen!“ 

Marcel Spieß’ Auge ins Innere des Busses ist Felix Sauer. Der springt plötzlich auf und reißt den Jungs die Flasche aus der Hand. „Die könnt ihr nachher beim Aussteigen wieder mitnehmen“, sagt er. Flaschen sind im Bus verboten, sonst müssten sie nach jeder Fahrt sauber machen. 

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Die Busanzeige lässt keine Missverständnisse aufkommen 

Mehr noch als ein Held der Nacht ist Marcel Spieß ein Held der Planung. Schon Wochen vor diesem Samstagabend hat er mit den Vorbereitungen begonnen. Er fragte bei den Veranstaltern an, ob sie wieder mit ihm zusammenarbeiten wollten. Dann beantragte er beim Landratsamt die Genehmigung für die Fahrten. Als die eintraf, begann er, die Pläne auf Instagram und Facebook zu posten und sich nach Mietbussen umzusehen. Und das alles nach Feierabend, obwohl er im Moment viele Überstunden macht.

Seit acht Uhr ist er heute unterwegs. Er hat die Busse abgeholt, die er für mehrere Hundert Euro von Firmen aus der Umgebung gemietet hat, hat Kabel verlegt, damit er seine eigenen Kassen einbauen kann, und den anderen Fahrern erklärt, wie die funktionieren. Seine Kollegen Kushi und Soner fahren den Hexenball jeweils von anderen Kleinstädten aus an. Außerdem hat Marcel Spieß einen großen Kanister Wasser unter dem Sitz in der dritten Reihe verstaut. „Falls jemand kotzt“, sagt er.

Die ersten Kilometer hat Spieß hinter sich. Vorbei an einem Reiterhof, Heuballen und einer alten Mühle lenkt er seinen Bus durch die dünn besiedelte Gegend zwischen Allgäuer Alpen und Bodensee. 

Der Andrang ist so groß, dass gar nicht alle in den Bus passen

Im Gang droht die Stimmung zu kippen. „An dem Busfahrer ist auch ein Rennfahrer verloren gegangen“, murmelt einer, als Marcel Spieß eine Kurve zu eng nimmt. Eine ältere Gruppe, die gerade eingestiegen ist, meckert: „Letztes Jahr haben wir eine Stunde in der Kälte gestanden.“ Und tatsächlich: An der nächsten und letzten Haltestelle der ersten von drei Runden muss Marcel Spieß 20 Leute stehen lassen und fährt weiter. „Krass, krass, krass“, sagt er und kurbelt am Lenkrad.

Als er den Bus schließlich am Festgelände des Hexenballs zum Stehen bringt, die Türen öffnet, die Menschen herausströmen und die Schnapsflaschen durch den leeren Bus rollen, sagt er: „Nächstes Jahr hole ich noch einen Bus mehr.“ 

 

Lautsprecher auf dem Bussitz

Musik gibt es auch schon im Bus 

Feiernde Jugendliche im Partybus

Kein Wunder, dass der Andrang groß ist 

Man spürt, wie unruhig Marcel Spieß wird, wenn ein Rädchen seines Systems nicht funktioniert. Hektisch zieht er an seiner E-Zigarette. Felix Sauer schickt Sprachnachrichten an die anderen Busfahrer, sie planen spontan den Fahrplan um. Ihr Kollege Soner soll schnell die Fahrgäste abholen, die sie eben haben stehen lassen müssen. 

Wenig später wird Marcel Spieß die 15 Kilometer zurück nach Wangen fahren. Er wird in den Dörfern noch zweimal mehr als 100 Jugendliche einladen, den Bus so vollstopfen, wie es geht. Felix Sauer wird „Johnny Depp“ und „Cordula Grün“ auflegen, es wird nach Sekt und nach Pommes und nach „Berentzen Saurer Apfel“ riechen. Und der Notfallplan, den die beiden sich ausgedacht haben, wird aufgehen. Sie sind wieder auf Kurs.

22.30 Uhr. Marcel Spieß sitzt im Kapuzenpullover auf einem Sofa im Aufenthaltsraum des Busunternehmens, bei dem er arbeitet, und schiebt sich eine Pizza Margherita rein. „Boaah, das tut gut“, sagt er. Neben ihm liegt sein Kollege Kushi und sagt: „Mein ganzer Bus hat gewackelt.“ 

Marcel Spieß wirkt jetzt beinahe euphorisch. Er sagt, er liebe es einfach, den Partybus zu fahren. Wenn der ganze Bus anfange, zu singen und zu hüpfen, da kriege er fast Gänsehaut. 

Kostümierte Jugendliche laufen über ein Partygelände

Auf den Pullis steht, was sie danach wahrscheinlich an der Bar bestellen

Während die Busfahrer sich Videos von ihren Fahrten zeigen, dreht im Partyzelt des Hexenballs der DJ vor einer Menge den Song „Bauch Beine Po“ von Shirin David auf, in der Turnhalle nebenan covert das Chaosorchester Neukirch „Sex is on Fire“ auf Posaunen und Trompeten. 

Dann, um 0.30 Uhr, ist es wieder so weit, auf dem Busparkplatz neben dem Festzelt rollt Marcel Spieß mit seinem Bus ein. Hektisch versuchen er und Felix Sauer, die einströmende Masse an Jugendlichen zu bändigen. 

Sauers Arbeit findet im Verborgenen statt 

Als der Bus voll ist, dreht Felix Sauer „Traum von Amsterdam“ auf, und Marcel Spieß wendet den Bus, um abzufahren. Eine schwankende Hexe läuft ihm fast vor die Räder. Hinten singen die Fahrgäste mit, ein paar 16-Jährige schließen die Augen. Marcel Spieß blickt konzentriert auf die Straße und lenkt den Bus mit 40 km/h durch einen Buchenwald. 

Egal mit wem man sich unterhält, niemand weiß, dass allein Marcel Spieß hinter dem Partybus steckt. Niemand hat je von ihm gehört. Sie gehen davon aus, dass die Veranstalter den Bus stellen. Das Werk von Marcel Spieß findet im Verborgenen statt.

Eine halbe Stunde später stolpern alle am Wangener Busbahnhof aus dem Bus und torkeln nach Hause.

 

Kostümierte Jugendliche im Partybus

Nach dem Tanzen, erstmal sitzen!

Busfahrer

Und sich von Marcel Spieß nach Hause fahren lassen 

Marcel Spieß wird noch zweimal zurückfahren. Ein Cowboy wird mit einer Panzerknackerin knutschen, einer wird sein spätes Glück auf Tinder suchen und ein Mann in pinkfarbenem Hemd durch den Gang tanzen, sodass sogar Marcel Spieß, der nun immer öfter gähnt, vorne kurz auflachen muss.

Um kurz nach drei Uhr morgens wird er die Tür ein letztes Mal schließen und sagen: „Hexenball 2025, das war’s.“

Na ja fast.

Am nächsten Morgen klingelt um neun Uhr sein Wecker. Während seine Fahrgäste vermutlich noch auskatern, fängt er an, mit seiner Mutter die Busse zu putzen, er baut die Kassen aus, wischt Fettflecken von den Scheiben und Kotze vom Boden und bringt die Busse zu ihren Besitzern zurück. Um 19.30 Uhr duscht er, legt sich aufs Sofa und döst zufrieden ein. 1.300 Leute haben Marcel Spieß und seine Kollegen in dieser Nacht zum Feiern gebracht.

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