Roadtrip, zu Fuß
Im Film „Nulpen“ ziehen zwei Freundinnen, die gerade mit der Schule fertig geworden sind, ziellos durch Berlin. Über Leichtigkeit, wenn ringsum alles kippt
Worum geht’s?
Ramona (Bella Lochmann) und Nico (Pola Geiger) sind frisch mit der Schule fertig und haben noch keine Pläne für ihre Zukunft. Also hängen sie im sommerlichen Berlin herum, wie das beste Freundinnen eben machen. Doch dann passiert das, was passieren muss, wenn man aus Langeweile mit einer selbst gebastelten Steinschleuder herumspielt: Eine Fensterscheibe geht zu Bruch. Als sie auch noch den seltenen Vogel ihres Nachbarn aus dem Käfig entwischen lassen, entscheiden sie sich aus Angst dafür, einfach abzuhauen.
Was als Flucht beginnt, wird zu einer Suche. Eine Suche nach dem Vogel und mehrfach nach Ramonas kleinem Bruder Noah (Rio Kirchner), der unter anderem irgendwo in einer Klima-Demo verloren geht. Aber auch eine Suche nach einer eigenen Haltung zu all den Krisen, die gerade in der Welt passieren. Und wie werden ihr Leben und ihre Freundschaft nach diesem Sommer weitergehen?
Worum geht’s eigentlich?
Unbeschwert jung sein, wenn ringsum Krise ist. Geht das noch? Ramona und Nico stehen an dem Punkt, an dem das Erwachsenenleben eigentlich anfangen soll. Das ist schwer genug. Aber draußen brennen die Wälder, sterben die Bienen, schrumpft die Wirtschaft, und von ihrer Generation wird erwartet, dass sie das irgendwie aufhält. Nebenbei sollen sie noch herausfinden, wer sie sind und was sie wollen. „Nulpen“ handelt von zwei jungen Frauen, die sich dem Weltschmerz verweigern, ohne ihn ganz loszuwerden. Sie sind zwar frei wie der Vogel, aber damit auch überfordert.
Sie verweigern sich dem Weltschmerz, ohne ihn ganz loszuwerden: Ramona (Bella Lochmann) und Nico (Pola Geiger)
Gut zu wissen
„Nulpen“ ist Sorina Gajewskis Debütspielfilm, entstanden an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin. Nulpe bedeutet umgangssprachlich so viel wie dummer, langweiliger oder unbedeutender Mensch. Als Synonyme nennt der Duden „Flasche“ und „Dummkopf“. Woher das Wort kommt, ist nicht so ganz klar.
Wie wird’s erzählt?
Wie ein Roadmovie, nur zu Fuß. Ramona und Nico ziehen ziellos durch die Großstadt. Oft mit dem kleinen Bruder Noah im Schlepptau, geht es vorbei an Demos, Parks, Hinterhöfen, in Spätis, in Kirchen und in Hotels. Immer wieder kreuzen unverhoffte Persönlichkeiten ihren Weg: eine Freestyle-Tänzerin, zwei Straßenclowns und ein Verkäufer, der Tarotkarten legt. So entsteht ein Panoptikum aus Berliner Orten und Begegnungen.
Für die Gefühlswelt zwischen Leichtigkeit und Schwermut hat die Regisseurin eine passende Form gefunden. „Nulpen“ folgt den zwei Freundinnen durch den Tag, während im Hintergrund immer wieder dystopische Radiobeiträge zu hören sind. Die Kamera bleibt dabei dicht an den beiden. Sie späht mit ihnen durch den Türspion, wird hektisch, wenn die beiden fliehen, und bleibt fast neugierig an Schnecken und glitzerndem Lametta an einem Ventilator haften. Mal zeigt sie Nahaufnahmen der Gesichter, mal lange Einstellungen, in denen die flimmernde Hitze des Tages durch überbelichtete Bilder und verschwommene Hintergründe fast körperlich spürbar wird. Dazu changiert der Film zwischen jazziger Trompetenmusik und düsterem Trap. Wir sehen Seifenblasen und brennende Ballons.
Die stärksten Szenen?
Die Dialoge. Sie wirken eher wie eine Doku als ein Spielfilm. Ramona und Nico sprechen wie richtige Jugendliche. Ohne Artikel, dafür mit einem „Digga“ am Satzende. Gerade in vermeintlich belanglosen Momenten gelingt es Gajewskis Drehbuch, etwas Tieferes durchscheinen zu lassen. Ramona fragt Nico einmal, ob sie lieber ein Fisch in einem Aquarium oder eine Ameise in Berlin wäre. Und als Noah wissen möchte, warum die beiden nicht auf die Klima-Demo gehen, antwortet Ramona: „Weißt du, wie man die Welt rettet?“ Noah schweigt. „Große Klappe, nichts dahinter.“
Lohnt sich das?
Ja, aber mit Abstrichen. „Nulpen“ zeigt, wie sich die Jugend anfühlt: frei zu sein und gleichzeitig das Gewicht der Welt zu spüren. Nur traut Sorina Gajewski ihrem Publikum nicht immer zu, das selbst zu erkennen. Wo Bilder reichen würden, lässt das Drehbuch die Figuren noch darüber reden. Dadurch klingen Dialoge teils zu sehr auf eine Botschaft hin geskriptet. Und befreite Vögel, Seifenblasen und brennende Luftballons wirken zu plakativ. Wenn Gajewski aber einfach auf ihre Figuren vertraut und man ihnen beim Nichtstun und Herumblödeln zusehen kann, macht das Spaß. Eine kurzweilige und originelle Ode an den Berliner Sommer.
„Nulpen“ läuft ab dem 18. Juni im Kino.
Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
Fotos: © 2026 UCM.ONE GmbH / Darling Berlin