„Jetzt ist unser Moment“
In Nepal führten landesweite Proteste im Herbst zu einem Regierungswechsel. Wie blickt die nepalesische Gen Z auf die Ereignisse in ihrem Land?
Im September 2025 erschütterten landesweite Proteste Nepal, kurz nachdem die Regierung Instagram, Facebook, X und WhatsApp gesperrt hatte. Vor allem junge Menschen demonstrierten daraufhin gegen Korruption und Zensur. Viele von ihnen organisierten sich auf Discord und diskutierten dort auch über politische Alternativen.
Die nepalesische Polizei reagierte auf die Proteste mit Gewalt; Tränengas, Gummigeschosse und scharfe Munition forderten mehr als 70 Todesopfer und mehr als 2.000 Verletzte. Regierungsgebäude, darunter auch das Parlament, sowie Häuser von Politikern wurden in Brand gesetzt oder zerstört. Unter dem Druck der Bevölkerung trat Premierminister K. P. Sharma Oli schließlich zurück, und es wurde eine Übergangsregierung gebildet, deren Führung die ehemalige Richterin Sushila Karki übernahm. Auf Discord unterstützten viele symbolisch die Ernennung Karkis zur neuen Premierministerin.
„Das Feuer in der Hauptstadt hat die ganze Nation in Brand gesetzt“
Aarzoo Nepal (25)
Als ich die Proteste Anfang September aus der Ferne auf meinem Handy beobachtete, sah ich, wie sich ausgelassene Versammlungen in unserer Hauptstadt Kathmandu in ein Massaker verwandelten. Jugendliche sangen, tanzten und klatschten, einige von ihnen noch in ihren College-Uniformen. Doch dann wurde einem Studenten von der Polizei in den Kopf geschossen. Bei den Protesten floss plötzlich Blut, und es gab Tote. An diesem Tag kamen 19 Menschen ums Leben, das jüngste Opfer war gerade mal zwölf Jahre alt.
Die Proteste begannen mit einem Trend auf Social Media, der die verwöhnten Nepo-Kids der Elite über Memes bloßstellte. Es ging also vor allem um die Wut der Gen Z auf die Korruption in Nepal, nicht um das Social-Media-Verbot an sich.
Die Regierung brach am nächsten Tag zusammen, doch die Gewalt der Polizei, aber auch der Protestierenden nahm kein Ende. Ihre Schockwellen reichten von Kathmandu bis zu mir in die entlegene Provinz Karnali. Häuser standen in Brand, wir hörten Schüsse, und es gab weitere Verletzte und Tote. Das Feuer in der Hauptstadt hatte die ganze Nation in Brand gesetzt.
In Nepal herrscht eine hohe Jugendarbeitslosigkeit. Und gerade junge, verarmte Menschen wurden zu den ersten Opfern dieser Kämpfe. Der Protest und die brutale Reaktion des Staates zeigen, wie ungleich das Fundament ist, auf dem unsere Gesellschaft aufgebaut ist. Als junge Generation waren wir voller Wut, Trauer und der Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Wir sind es immer noch.
„Die Fotos der Toten erinnern mich daran, dass sie für unsere Würde gekämpft haben, nicht für Schlagzeilen“
Samaya Khadka (25)
Ich habe mich der Bewegung eine Woche vor ihrem Höhepunkt angeschlossen und selbst kleine Gruppen organisiert. Ich half bei der Festlegung der Agenda und nahm später an Verhandlungssitzungen mit der Armee teil. Erst hat mich das Chaos verunsichert. Aber die Menschen um mich herum haben Verantwortung übernommen und fest daran geglaubt, dass wir etwas verändern können. Unsere Forderungen haben sogar das Kabinett erreicht. Aber: Nur ein paar Gesichter auszutauschen, wird das System nicht reparieren. Wir müssen eine Kultur reformieren, die Korruption und Missmanagement ermöglicht.
Der Verlust der jungen Protestierenden wiegt immer noch schwer. Ihre Fotos erinnern mich daran, dass sie für unsere Würde gekämpft haben, nicht für Schlagzeilen. Aber diese Trauer motiviert mich, weiter für eine neue, effiziente Regierung zu kämpfen. Gleichzeitig gab es auch Opportunisten, die versucht haben, friedliche Proteste in Vandalismus umzuwandeln. Am zweiten Tag habe ich die Zerstörung und Plünderungen gesehen und mich gefragt, ob diese Leute wirklich zu uns gehörten.
Weil unsere Bewegung keinen Anführer hatte, war es schwierig, alle Interessen unter einen Hut zu bringen. Dennoch war die Jugend die treibende Kraft, auch wenn man uns lange als „zu jung“ bezeichnete, selbst bei politischen Entscheidungen, die uns betrafen. Aber jetzt ist unser Moment.
„Die Proteste zeigen eine Generation, die durch Korruption, politische Stagnation und gebrochene Versprechen an ihre Grenzen gebracht wurde“
Suraj Nepal (23)
Die Jugendproteste in Nepal zeigen eine Generation, die durch Korruption, politische Stagnation und gebrochene Versprechen an ihre Grenzen gebracht wurde. Das gewaltsame Vorgehen des Staates, aber auch die Zerstörung von Eigentum hat das Land schockiert.
Nepal liegt zwischen Indien und China – eine geopolitische Lage, die zu innenpolitischem Chaos führt. Junge Nepalesen beschäftigen sich wieder mit der Geschichte, den Eigenheiten sowie den Herausforderungen ihres Landes und fordern ein System, das diesen Realitäten entspricht.
Wir müssen mit Klarheit und Zielstrebigkeit einen Neuanfang wagen. Nepal braucht jetzt Reformen, die auf seinem sozialen und wirtschaftlichen Kontext basieren, sowie eine transparente Führung, eine selbstständige Wirtschaft und eine auf der nationalen Identität beruhende Regierungsführung. Ob durch eine konstitutionelle Monarchie oder eine neu gestaltete Demokratie – als Erstes brauchen wir Stabilität.
Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
Titelbild: Ambir Tolang / IMAGO / NurPhoto