Zwei junge Nashörner stehen hinter einem Drahtzaun, im Hintergrund eine Person mit Hut und Flasche

Die Nashornflüsterin

Durch Wilderei sind Nashörner vom Aussterben bedroht. Annette Oelofse arbeitet seit Jahrzehnten daran, sie zu retten. Wie zieht man Nashornbabys groß? Ein Besuch auf Oelofses Farm in Namibia

Von Luise Land
Thema: Natur
3. August 2026

Ein kleines Nashorn saugt gierig an einer Nuckelflasche, während Annette Oelofse ihm den Hals krault. In der Flasche ist fettarme Kuhmilch, weil sein Magen die am besten verträgt. Drei Kanister hat Oelofse damit befüllt. Das Nashornkalb reicht ihr nicht einmal bis zur Hüfte. „Ja, jetzt ist dein Bauch voll“, sagt sie, als alle drei Kanister leer sind. Das Nashornkalb quiekt und wackelt mit den Ohren. „Ich spreche die Sprache der Nashörner“, wird Oelofse später sagen.

Im Okonjati-Wildschutzgebiet im Norden von Namibia zieht Annette Oelofse auf einer Farm Nashornkälber groß und wildert sie aus. Im südlichen Afrika ist sie deshalb als Nashornflüsterin bekannt. Seit Jahrzehnten machen Wilderer und Wilderinnen Jagd auf die Tiere, vor allem auf Breit- und Spitzmaulnashörner, die auf der Liste der gefährdeten Arten stehen. Sie sägen das Horn ab, schmuggeln es nach Asien – insbesondere Vietnam und China – und verkaufen es auf dem Schwarzmarkt, weil es dort als Statussymbol und traditionelles Heilmittel beliebt ist. Ein Kilogramm zerriebenes Horn kostet Zehntausende Euro. Ihm wird zugeschrieben, Fieber zu senken oder sogar Krebs zu heilen. Dabei besteht es nur aus Keratin, so wie Fingernägel oder Haare.

Mitte des 19. Jahrhunderts, vor der Ankunft der europäischen Kolonialist:innen, lebten mehrere Hunderttausend Nashörner frei über den Kontinent verteilt. 1995 gab es in Namibia nur noch knapp 600 Spitzmaulnashörner und 100 Breitmaulnashörner. 2023 waren es wieder circa 2.200 Spitz- und 1.400 Breitmaulnashörner, auch wegen Menschen wie Annette Oelofse, die sich die Frage stellen: Wie bewahrt man die Tiere am besten vor dem Aussterben? Und sind dafür alle Mittel gleich recht?

Zwischen zirpenden Grillen und Akazienbäumen geht Annette Oelofse mit dem kleinen Nashorn ein paar Schritte spazieren. Um fünf Uhr morgens hat sie Happy Orphan die erste Flasche gegeben, so hat sie das Nashornbaby getauft. Er ist dreieinhalb Monate alt und lebt seit elf Tagen hier. Auf einer Wildfarm 100 Kilometer nördlich hatten Farmer den Kadaver einer Breitmaulnashornmutter gefunden, später das verängstigte Kalb. Sie riefen Oelofse an. 

Zwei Nashornkälber

Noch ohne Hörner: Auch diese beiden Jungtiere befanden sich in Annette Oelofses Aufzucht

Portrait von Annette Oelofse

Annette Oelofse mit XXL-Nuckelflasche. Gefüllt ist sie mit fettarmer Kuhmilch

Aktuell lebt nur Happy Orphan auf Oelofses Farm, aber sie habe sich auch schon um fünf Kälber gleichzeitig gekümmert. In einem Stall stehen Pritsche, Schlafsack und eine Milchstation bereit für Nashörner, die noch so jung sind, dass Oelofse sie über Nacht füttern muss. Bis sie drei Jahre alt sind, leben sie in einem Areal, in dem keine Löwen leben. Wenn sie stark genug sind, läuft Oelofse mit ihnen in die Wildnis, zeigt ihnen die Umgebung, die anderen Tiere, die neuen Gerüche. Mehr als 20 Nashornkälber hat sie so großgezogen.

Oelofse ist 64 Jahre alt, trägt kniehohe Wildlederstiefel und auf dem Kopf einen Strohhut, ihre Hände sind von der jahrelangen Arbeit in der Sonne gegerbt. Seit über 30 Jahren zieht sie Nashornkälber groß. Tiere, die sie schon ausgewildert hat, beobachtet sie mithilfe von Videokameras und Drohnen, die sie regelmäßig über ihre 40.000 Hektar fliegen lässt. Sie hat drei Teams angestellt, die die Tiere rund um die Uhr überwachen. Wie viele Nashörner auf ihrem Land genau leben, erzählt sie nicht. Zu groß das Risiko der Wilderei. Mindestens einmal am Tag fährt Oelofse selbst „raus“, wie sie sagt, holpert im Jeep über ihr Gelände und guckt nach den Tieren. Neben Nashörnern leben im Okonjati-Wildschutzgebiet auch Löwen, Elefanten, Giraffen.

Oelofse erzählt, wie sie und ihr verstorbener Ehemann für ihr Wildreservat alte Rinderfarmen gekauft, Zäune abgerissen, neue Dämme angelegt haben. 1975 brachte ihr Mann die ersten verwaisten Breitmaulnashörner aus Südafrika nach Namibia. Das erste Kälbchen, das Oelofse großzog, war sieben Tage alt und fast verhungert. Sie fütterte es drei Monate lang alle 20 Minuten und taufte es Nossi.

Annette Oelofse bietet auch Safaris an, auf denen Wildtiere abgeschossen werden können. Und sie will, dass der Handel mit Nashornhörner wieder erlaubt wird. Klingt widersprüchlich, aber sie hat gute Gründe

Das Geld, das Oelofse für die Aufzucht der Tiere braucht, verdient sie mit Tourist:innen, vor allem aus Europa und den USA. Inmitten des Wildreservats schwimmen sie im türkisblauen Pool einer luxuriösen Unterkunft und werden in großen Geländewagen von Safariguides zu Löwen und Elefanten gefahren. Zum Abendessen gibt es Springbock-Filet und Würstchen von der Oryx-Antilope, deren Hörner bis zu 1,20 Meter lang werden können. Bei „Hunting Safaris“ können Tiere wie Leoparden, Löwen und Giraffen gejagt werden – für bis zu 680 Dollar pro Tag plus einer Gebühr je nach erlegtem Tier, zum Beispiel 15.000 Dollar für einen Leoparden oder 2.700 Dollar für eine Giraffe. Das Ministerium für Umwelt, Forstwirtschaft und Tourismus regelt die Tierbestände und vergibt Genehmigungen für die Trophäenjagd. 

Das ist umstritten: International betrachten Expert:innen eine streng regulierte Trophäenjagd als Möglichkeit, den Naturschutz zu finanzieren. Naturschützer:innen aus Europa kritisieren, dass die Tiere nicht wirtschaftlich genutzt werden sollten. Oelofse sieht vor allem den wirtschaftlichen Nutzen. „Das bringt uns die Unmenge an Geld, die wir für die Nashornaufzucht brauchen“, sagt sie.

1977 wurde der Handel mit dem Horn verboten, aber in den letzten Jahren nimmt die Wilderei wieder zu. Auf Artenschutzkonferenzen setzt Oelofse sich dafür ein, dass der Handel wieder legalisiert wird. Sie argumentiert: Regierungen und private Farmen hätten über die Jahre tonnenweise Horn beschlagnahmt oder von toten Tieren abgesägt, das in Lagerhallen in Namibia und Südafrika liege. Oelofse glaubt, dass man damit die Nachfrage für mehrere Jahre stillen und die Wilderei stoppen könne. Gleichzeitig würde so die Nashornaufzucht finanziert. Andere Artenschützer:innen sehen das kritisch. „Durch eine Legalisierung würde man zwar kurzfristig Geld mit dem Verkauf des Horns verdienen“, sagt Katharina Hennemuth vom WWF, „langfristig besteht aber das Risiko, dass die Nachfrage explodiert und die Wilderei wieder zunimmt“.

Frau mit Hut und Stiefeln sitzt auf dem Boden neben zwei liegenden Nashornjungen

Vor über dreißig Jahren zog Annette Oelofse ihr erstes Nashorn groß. Seitdem sind viele Tiere hinzugekommen

Nashörner gehören zu den sogenannten Megaherbivoren – Tiere, die riesige Mengen Pflanzen fressen. Sie pflügen durch die Landschaft und verteilen Pflanzensamen mit ihrem Kot, in dem sich zudem Insekten vermehren. Kleine Säugetiere wandern auf ihren Trampelpfaden.

Forscher:innen auf der ganzen Welt suchen deshalb nach Lösungen, wie man die Wilderei stoppen kann. Im Kruger-Nationalpark in Südafrika werden den Nashörnern zum Beispiel vorsorglich die Hörner abgesägt. Allerdings wachsen sie nach, und die Wilderer und Wilderinnen haben es oft auch auf die verbliebenen Stümpfe abgesehen. Zudem ist unklar, wie sich das Entfernen der Hörner auf das Verhalten der Tiere auswirkt. Ein anderer Ansatz ist das Spritzen einer winzigen Menge radioaktiver Flüssigkeit in die Hörner, um Schmuggelware mit den Messgeräten des Zolls an Flughäfen oder Häfen leichter aufspüren zu können. 

Annette Hübschle vom Institut für öffentliches Recht an der Universität Kapstadt hat eine weitere Idee: „Lokale Communitys sollten an dem Schutz der Nashörner beteiligt sein und finanziell einen Nutzen daraus ziehen“, sagt sie am Telefon. Für ihre Forschung zu Handelsnetzwerken zwischen Südafrika, Namibia, Vietnam und Hongkong hat sie mit Wilderern, Schmugglern, Naturschützern und lokalen Gemeinden gesprochen. „Aufgrund der kolonialen Vergangenheit gehört Namibia zu den Gesellschaften mit einer hohen sozialen Ungleichheit. Wenn Menschen keine wirtschaftliche Perspektive haben, ist es naheliegend, dass sie mit Schmuggler:innen zusammenarbeiten.“

Am Ende von Annette Oelofses Arbeitstag geht die Sonne blutrot am Horizont unter. Irgendwo zwischen den trockenen Büschen ist Nossi. Heute ist sie 31 Jahre alt und hat elf Kälber auf die Welt gebracht. Wenn Oelofse in ihrem Geländewagen unterwegs ist und Nossi sie sieht, kommt das Nashorn zu ihr und legt seinen riesigen Kopf auf Oelofses Schulter. Dass ein Nashorn einem Menschen so vertraut, könnten andere Artenschützer:innen kaum glauben, sagt Annette Oelofse. „Für Nossi bin ich immer noch ihre Mutter.“

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Fotos: Tara Mette