Frau in rosa Kleid mit langen schwarzen Haaren und hohen Schnürstiefeln sitzt auf einer Steintreppe

Zeig her den Kitsch!

Die Designerin Abarna Kugathasan aus Pforzheim entwirft Klamotten für den Laufsteg und für Sängerinnen wie Ikkimel. Sie sind auffallend kitschig und das mit Absicht. Denn sie erzählen einiges über die tamilische Kultur

Von Sarah Zaheer
Thema: Identität
30. März 2026

Dicht gedrängt schieben sich die Menschen in einem Studio in Berlin-Kreuzberg aneinander vorbei, um einen Blick auf die Models zu erhaschen, die vor pinken Luftballons posieren. Ein Model trägt einen weißen Body mit Spitzenbesatz und langer bestickter Schleppe. Ein anderes eine durchsichtige rosafarbene Robe mit weiten Ärmeln und goldenen Stickereien, kombiniert mit Jeans mit Rosen-Aufnähern und türkisen Armreifen.

Es ist kurz vor Ende der Berlin Fashion Week. Designerin Abarna Kugathasan präsentiert die neueste Kollektion ihres Labels Kitschy Couture. Sie trägt, was sie selbst entworfen hat, ein gerüschtes knallblaues Kleid, kniehohe Converse-Stiefel und opulenten, fein gearbeiteten südasiatischen Goldschmuck. Es ist viel von allem. Viele Farben, viele Stoffe, viele Pailletten, viel Funkeln an Ohren, Haaren und Hälsen. 

In Deutschland gilt Kitsch oft als geschmacklos – in nicht-westlichen Kulturen ist das anders

„Wir sind bei unseren Events und in unserer Mode hemmungslos kitschig“, sagt Abarna Kugathasan. In Deutschland gilt Kitsch – im Gegensatz zu nicht-westlichen Kulturen – oft als überladen, geschmacklos, nicht klassisch genug. Für Kugathasan, deren Eltern aus Sri Lanka stammen, steckt in ihren Schnitten und Textilien ihre Kindheit und das Aufwachsen zwischen der deutschen und der tamilischen Kultur. Mit ihrer expressiven Mode möchte sie zeigen: Es ist gut, viel zu sein.

2022 berichtete die indische „Vogue“ über Kugathasan, es folgten eine Ausstellung im Berliner Salon und die erste Berlin Fashion Week im Winter 2024. Mittlerweile ist sie in der Branche bekannt, sie kleidete die US-amerikanische Sängerin SZA für eine Award-Show ein, stattete Popstar Nina Chuba mit Bühnenoutfits aus und entwarf Looks für Rapperinnen wie Ikkimel und Katja Krasavice. Aktuell steht sie auf der Shortlist für den „Vogue“-Nachwuchspreis.

Kugathasan wuchs in einer Unterkunft für Geflüchtete in Kassel auf. Ihre Eltern verließen Sri Lanka 1994 wegen des Bürgerkriegs. Als tamilische Minderheit waren sie bedroht. 

Drei Frauen in festlicher Kleidung stehen hinter einem rosa dekorierten Tisch mit mehreren Barbie-Torten, Gebäck und Getränken, im Hintergrund rosa-weiße Luftballons

Mit pinken Ballons und süßen Desserts wird auf der Berlin Fashion Week die neueste Kollektion präsentiert

Foto: Jakob Dewald

Person in weißem Kleid mit rotem, gemustertem Schal und weißen Stiefeln auf einem Laufsteg vor grünem Hintergrund

Das „I ❤️ Pforzheim“-Top ist das erste Teil von der Stange von Kitschy Couture

Foto: Boris Marberg

„Die Sehnsucht meiner Eltern nach ihrer Heimat war stark, als sie in Deutschland ankamen.“ Mit Plastikblumen, Bananenbäumen aus Schaumstoff, Buttercremetorten und bunten Lichtern brachten Kugathasans Eltern ein Stück Heimat in ihr neues Zuhause. Heute findet man diese Gegenstände auf ihren Modenschauen, mal plakativ, mal als Inspiration für ihre Designs. 

Von der Unterkunft zog ihre Familie nach Pforzheim, wo sie bis heute lebt. Nach dem Abitur begann Kugathasan, an der Hochschule Pforzheim Mode zu studieren. Für ihr Bachelor-Abschlussprojekt dachte sie über ihre kulturelle Identität nach. „Ich war das einzige braune Mädchen in der Schulzeit“, erzählt sie. „Ich habe mich der deutschen Community nie ganz zugehörig gefühlt, aber der tamilischen auch nicht. Ich hatte immer das Gefühl, in einer Zwischenwelt zu Hause zu sein.“ 

Sie verspürte den Drang, mehr über ihre Wurzeln zu erfahren. „In unserer Familie waren Klamotten schon immer der Weg, um kulturelle Identität auszudrücken und auszuleben“, sagt Kugathasan. Ihre Mutter ist Schneiderin für traditionelle tamilische Kleidung und stattet die lokale Community für Hochzeiten und andere Feierlichkeiten aus.

Aus alldem schöpfte Kugathasan die Ideen für ihre ersten Stücke: drapierter Satin, große Rüschen und aus Stoff geformte Blumen. Gemeinsam mit ihrer Kommilitonin Claudia Walter organisierte sie ein Shooting und postete die Bilder auf Instagram. Eine Content-Creatorin wurde auf sie aufmerksam und berichtete in der indischen „Vogue“ über ihre Mode. „Erste Anfragen kamen rein, und ich war total überfordert. Aber ich wollte jede Tür nehmen, die sich öffnet.“ Ein Jahr nach dem Abschluss gründete sie ihr eigenes Label, Kitschy Couture. 

„Wenn ich sehe, wie abwertend über Migration gesprochen wird, habe ich das Bedürfnis, mehr traditionelle Stoffe, Bildwelten und tamilische Kultur zu zeigen“

Mittlerweile haben Claudia Walter und Abarna Kugathasan ihr eigenes Studio in Pforzheim. Dort entwerfen und schneidern sie an der nächsten Kollektion, planen Kampagnen und drehen Videos für die wachsende Community auf Instagram. Ihre Kleider sind vor allem Couture, wörtlich „Schneiderkunst“, exklusive, handgefertigte Maßmode, die vor allem auf Laufstegen getragen wird. 

„Für Couture habe ich mich entschieden, weil es von der Designsprache so viel Spaß macht. Man kann auf dem Laufsteg eine Geschichte erzählen, laut und groß sein.“ Zukünftig möchte sie aber auch tragbare Mode entwerfen, angelehnt an traditionelle südasiatische Kleidung wie Saris, die es in Deutschland bisher kaum zu kaufen gibt. Seit vergangenem Jahr verkauft das Label Tops mit „I ❤️ Pforzheim“-Aufdruck – auf Vorbestellung, aber erstmals von der Stange. Diese seien eine Liebeserklärung an die Stadt, die Kugathasan Heimat nennt, die sie mit Vielfalt verbindet und die sie immer wieder erdet, wenn sie vom Trubel aus Berlin zurückkehrt.

Kleidung zu entwerfen, sagt Abarna Kugathasan, sei für sie auch ein Weg geworden, um Rassismuserfahrungen zu verarbeiten und wütend zu sein. „Ich bin sehr getrieben von der aktuellen politischen Lage. Wenn ich sehe, wie abwertend über Migration gesprochen wird, habe ich das Bedürfnis, mehr traditionelle Stoffe, Bildwelten und tamilische Kultur zu zeigen und damit sehr laut zu sein.“

Viele scheinen sich in ihren Kleidungsstücken, den Gedanken, die dahinterstecken, und ihrer politischen Haltung wiederzufinden. Unter ihren Instagram-Posts kommentieren Fans rosa Herzen, und viele erzählen ihr, sie würden sich mit ihren Erfahrungen identifizieren. „Ich habe mich in meiner Jugend für unsere Kultur nie gesehen gefühlt. Wenn ich anderen jetzt dieses Gefühl geben kann, freut mich das sehr.“ Auch bei der Modenshow im Kreuzberger Studio sind junge Menschen aus der tamilischen Diaspora vor Ort, die zum Teil extra angereist sind. Viele von ihnen tragen traditionelle Kleidung und Schmuck, einige haben diese mit einer Adidas-Hose, Jeans oder einem Oversize-Hoodie kombiniert. „Es ist heilend“, sagt Kugathasan, „unsere Kultur auf individuelle Art zu zelebrieren.“

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Titelbild: Gabriella Achadinha