Umzäunte Träume
Marlo López-Bayghen will Mixed-Martials-Arts-Profi werden. Jeden Tag lernt er zu treten, zu boxen, seine Gegner auf den Boden zu werfen und zu würgen. Was fasziniert ihn an einem Sport, der oft als gewaltverherrlichend kritisiert wird?
Es ist 16 Uhr: Die erste Trainingseinheit für Marlo López-Bayghen beginnt. Zwischen einem blau-roten Ring und einem achteckigen Käfig, dem Oktagon, wärmt er sich mit mehreren Sportlern auf. Sie wechseln zwischen Seilspringen und Liegestützen, trainiert wird barfuß und in kurzer Hose. Fünfzehn Boxsäcke hängen von der Decke des „Combat Club“ in Köln. Marlo hat bereits an jedem einzelnen trainiert.
Doch bevor es ans Boxen und Schlagen geht, wird der Kampf am Boden geübt. Bei Mixed Martial Arts, kurz MMA, geht es nämlich um die Verbindung von vielen Kampfsportarten, von Ringen über Wurftechniken bis hin zum Boxen und Kickboxen. Abwechselnd liegt Marlo am Boden oder auf dem Trainingspartner und rollt sich mit ihm zu allen Seiten.
Für Laien ist es ein Knäuel aus verschlungenen Armen und Beinen, für das geschulte Auge ein technisch anspruchsvolles Spiel darum, wer die Oberhand hat. Er übt, wie man vom Boden aus wieder in den Stand kommt und wie man eine „Submission“, einen Aufgabegriff, ansetzt. Was und wie trainiert wird, gibt Coach Mike Cüppers vor. Schläge zum Kopf und Körper werden nur angedeutet, denn Marlo ist im Training, nicht im Wettkampf. Doch für genau diesen trainiert er, denn bald hat er seinen ersten MMA-Kampf.
Im Oktagon entscheidet sich beim MMA alles – auch für Marlo
Nach über 90 Minuten und zehn Runden Bodenkampf schnaufen und keuchen die Sportler. Durch Marlos Kurzhaarschnitt rinnt Schweiß. Doch für den freundlich grinsenden 19-Jährigen ist das Training noch nicht vorbei. Es folgt eine Einheit im Kickboxen. Auch Kraft und Ausdauer dürfen nicht fehlen, noch dazu braucht es eine Taktik für den Wettkampf, Durchhaltevermögen und mentale Stärke. Das Zusammenspiel von mehreren Disziplinen war es auch, das Marlo begeisterte: „Kickboxen war mir irgendwann zu simpel, und dann habe ich das Ringen entdeckt. Dass ich auch zum MMA komme, war nur eine Frage der Zeit.“
Mit 15 Jahren probierte der Deutschmexikaner zum ersten Mal das Kickboxen aus, ein Jahr später hatte er seinen ersten Kampf. „Am Anfang wollte meine Mutter nicht, dass ich Wettkämpfe mache. Aber als ich dann so viel trainiert habe, wollte ich doch in den Ring steigen. Meine Mutter und ich haben dann viel darüber gesprochen, und jetzt kämpfe ich doch“, sagt er mit einem Lachen und zieht sich Boxhandschuhe und Schienbeinschoner an. Bisher hatte er acht Wettkämpfe, davon sieben im Kickboxen, einen im Boxen. Sechs davon entschied er für sich. Am 21. März wird er in Gelsenkirchen bei der German MMA Championship (GMC) zum ersten Mal für drei Runden à drei Minuten in das Oktagon steigen.
Der achteckige Käfig aus Maschendrahtzaun ist eines der Erkennungszeichen für den MMA-Sport, der auch in Deutschland im Trend liegt. In anderen europäischen Ländern ist die Begeisterung noch größer. Auch weil es in der Ultimate Fighting Championship (UFC), der weltweit größten MMA-Liga, schon Champions aus Frankreich, Irland, Polen, Tschechien und Georgien gab. In Frankreich war der Sport von Oktober 2016 bis Anfang 2020 noch verboten, weil er der Politik zu gewaltverherrlichend war. Seit seiner Legalisierung erlebt das Land einen anhaltenden MMA-Boom.
Doch die UFC und ihre Politik stehen in der Kritik: Der UFC-Präsident Dana White ist ein enger Vertrauter von US-Präsident Donald Trump und will am Flag Day der USA am 14. Juni ein beispielloses MMA-Event auf dem Rasen des Weißen Hauses ausrichten. Dass auf diesen Tag auch Trumps Geburtstag fällt, dürfte kaum ein Zufall sein. Schon Anfang der 2000er-Jahre half Trump der Organisation, indem er ihre Events in seinen Hotels und Casinos ausrichtete, da sie anderswo keine Plattform fand. Damals inszenierte die UFC den MMA-Sport noch als moderne blutige Gladiatorenkämpfe und betonte ihre Brutalität.
Neben Tritten und Schlägen spielt auch der Bodenkampf beim MMA eine wichtige Rolle
Inzwischen ist der MMA-Sport zwar auf allen Ebenen professionalisiert und sieht sich als kompetitiver Sport, doch Autoritäre wie Trump oder der tschetschenische Diktator Ramsan Kadyrow nutzen ihn noch immer als Plattform für sich. Die Inszenierung vom knallharten Kampf um Sieg oder Niederlage und die Erzählung von extramaskulinen Fightern versprechen Zugang zu Wählergruppen, die andere nicht erreichen. Einige US-Kämpfer haben Trump im Wahlkampf öffentlichkeitswirksam unterstützt. Zum politischen Einfluss hat Marlo deutliche Worte: „Ich finde das überhaupt nicht gut. Auch wenn Trump bei UFC-Events zu Gast ist und die Kämpfer ihm alle die Hand schütteln, sehe ich das kritisch. Politik und Herkunft haben für mich nichts im Sport zu suchen.“
Einer der aktuell erfolgreichsten Deutschen in der UFC, Abus Magomedov, begann seine Kampfsportkarriere auch im Kölner Combat Club. Dort will Marlo, wie viele weitere Amateursportler, seine Karriere im Sport ausbauen. Wie schwierig das ist, weiß er selbst: „Wenn ich sage, dass ich Kampfsport zum Beruf machen will, klingt das erst mal wie ‚Ich will Profifußballer werden‘. Aber es kommt immer darauf an, wie ernst man es nimmt.“
Mit dreizehn Trainingseinheiten die Woche zeigt Marlo, dass er MMA sehr ernst nimmt. Neben dem Training und seiner Ausbildung zum Fachmann für Sport und Ernährung ist kaum Platz für Freunde und Hobbys: „Für den Kampfsport verzichte ich gerne auf meine Freizeit. Am Wochenende gehe ich auch nicht Party machen. Mein Schlaf, Training, Essen und Supplements, das muss alles stimmen und durchdacht sein.“ Für den Sport ist Marlo auch schon dreimal nach Thailand gereist, um dort zu trainieren. In dem südostasiatischen Land ist Kampfsport fester Bestandteil der Landeskultur, und jede Form von ihm ist gesellschaftlich akzeptiert.
Marlo (zweiter von rechts) im Kölner Combat Club, in der Mitte: sein Trainer Mike Cüppers
Dass besonders der MMA-Sport immer wieder als gewaltverherrlichend kritisiert wird, kann Marlo nachvollziehen: „Wenn man sich nicht mit dem Sport befasst und nur einzelne Ausschnitte sieht, dann verstehe ich, dass es wie rohe Gewalt wirkt. Besonders die Schläge auf jemanden am Boden wirken dann erst mal befremdlich.“
Gekämpft wird dabei nicht mit dem geschlossenen Handschuh, wie man ihn vom Boxen kennt, sondern mit deutlich dünneren Fäustlingen, bei denen die Fingerspitzen zum Greifen offen sind. Dabei kann auch mal versehentlich ein Finger im Auge des Gegners landen, was der Schiedsrichter im Oktagon direkt ahndet.
Eine frühe Form des „Allkampfs“ fand sich schon bei den Olympischen Spielen im antiken Griechenland, allerdings ohne Handschuhe und unter dem Namen „Pankration“. Während damals nicht selten bis zum Tode gekämpft wurde, gibt es heute ein striktes, über die Jahre gewachsenes Regelwerk: „Wenn man sich etwas näher damit befasst und vielleicht sogar in ein Training reinschnuppert, merkt man schnell, wie technisch das alles ist“, meint Marlo. „Aber meiner Oma gefällt das trotzdem nicht.“
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