The Kardashian Dream
Kris Jenners Facelift, Kim Kardashians Schamhaar-Tangas oder Kylie Jenners Freund, diese Familie ist einfach überall. Im Buch „Dekonstructing The Kardashians” fragt sich MJ Corey, warum die Kardashians uns so faszinieren – oder provozieren
fluter: Gerade war mal wieder die Hochsaison der Kardashians – das Coachella-Festival, die Met-Gala. Aber eigentlich begleitet mich die Familie durchs ganze Jahr. Wieso begegnen sie mir überall?
MJ Corey: Der Ursprungsmythos der Kardashians stammt aus dem Jahr 2007. Kim Kardashian war zuvor als Styling-Assistentin und Sidekick von Paris Hilton bekannt, aber nicht berühmt. Dann wurde ein privates Sex-Tape geleakt, das sie mit dem Sänger Ray J zeigte. Letztendlich gelang es den Kardashians, den Skandal zu nutzen. Noch im selben Jahr startete die Realityshow „Keeping up with the Kardashians“ in den USA. Die Familie betrat, kurz vor dem Beginn von Social Media, eine Medienlandschaft, die reif für sie war.
Unter anderem mit Paris Hilton hatte sich damals ein neues Konzept für Celebritys etabliert: „famous for being famous“, übersetzt: „berühmt fürs Berühmtsein“.
Paris Hilton ist dieser Übergang gelungen: von traditionellen, unerreichbaren Filmstars zu Celebritys, die ihr Leben real zeigen. Sie lieferte mit ihren Dramen Material für Paparazzi und Boulevardmagazine, die daraus ein Geschäft machten. Die Faszination und gleichzeitige Abscheu für diese neuen Starfiguren war damals riesig. Die Kardashians stützen sich auf diese Vorlage, konnten aber, anders als die Frauen vor ihnen, das Aufkommen von Social Media für sich nutzen. Neben Paris Hilton – blond, dünn, weiß – galt Kim – kleiner, mit dunklerer Hautfarbe, „neureich“ – als Underdog. Das Framing als Außenseiterin ermöglichte es ihr, die Erzählung vom American Dream und sozialem Aufstieg zu verkörpern. Zu sehen, wie jemand kämpft und aufsteigt, schafft emotionale Bindung.
„Im Buch beschreibe ich Kims Po als ihre Micky-Mouse-Ohren – ihr Erkennungsmerkmal“
Instagram gibt es seit 2010. Du schreibst, die Kardashians haben Social Media zu dem gemacht, was wir heute kennen.
Als Instagram aufkam, posteten die meisten Fotos von Sonnenuntergängen und Salaten – wir sie es zuvor auf Facebook gelernt hatten. Aber die Kardashians verstanden, dass Menschen von Körpern und Gesichtern angezogen werden. Sie haben zum Aufstieg eines ganzen Phänomens – dem des Selfies – beigetragen. Später haben sie ihre Gesichter mit Filtern und Botox dem Feed-Raster optimal angepasst. Hohe Wangenknochen, schmale Nase, pralle Lippen, porenlose Haut – mit dem „Instagram-Face“, das aussieht wie computeranimiert, prägen sie heute das Beauty-Ideal einer ganzen Generation. Sie nutzten das neue Medium, um den Fokus auf sich selbst zu lenken, uns immer näher zu kommen, immer mehr an ihrem Leben teilhaben zu lassen und damit Profit zu machen. Auch deshalb werden sie oft als die ursprünglichen Influencer angesehen.
Sie waren also vor allem früh dran?
Im Buch vergleiche ich sie zum Beispiel mit Walt Disney, der damals aufs Fernsehen setzte. Aktuell kann man beobachten, wie die Kardashians immer mehr mit AI arbeiten, in der Tech-Branche sind sie längst vernetzt. Aber sie sind vor allem sehr gute Autorinnen ihrer eigenen Geschichten: Auf einer Ebene erzählen sie diesen Mythos des „Kardashian American Dream“. Von einer Unbekannten zur Milliarden-Dollar-Gründerin. Und gleichzeitig gibt es viele kleine Erzählungen, die wir in ihrer Show oder auf ihren sozialen Medien sehen und in denen wir uns wiederfinden – obwohl ihre Realität kaum etwas mit unserer zu tun hat. Zum Beispiel, wenn Kim in einer Episode besorgt ist, nicht gut im Tanzen zu sein, dann einen Tanzkurs besucht und am Ende alles gut ist.
Kim Kardashian ist eine Ikone, die man allein an ihrer Silhouette erkennt. Das zeigt auch das Cover deines Buches.
Im Buch beschreibe ich Kims Po als ihre Micky-Mouse-Ohren – ihr Erkennungsmerkmal. Als Kim Kardashian ihren Hintern chirurgisch immer weiter vergrößern ließ, löste das riesige Diskussionen über ihr Verhältnis zur Schwarzen Kultur aus. Auch mit ihren Frisuren, zeitweise Braids und Cornrows, wurde ihr kulturelle Aneignung vorgeworfen. Mitte der 2010er, als vermehrt über Identitätspolitik diskutiert wurde, war das eine bewusste Provokation, mit der sie sehr viel Aufmerksamkeit erzeugte.
„Um wirklich berühmt zu werden, müssen sie sicherstellen, auch den Wunsch des konservativen Amerikas nach traditionellen Familienrollen zu bedienen, um ihr Businessfrauen-Image auszugleichen“
Die Kardashians sind als erfolgreiches Matriarchat bekannt. Gleichzeitig nutzen sie ihre romantischen Beziehungen schon immer für ihr Image. Wofür braucht es im Kardashian-Jenner-Universum Männer?
Sie haben von Anfang an verstanden, dass die Erzählungen der Mutter und der Schwestern, also einer großen Frauen-Familie, erfolgreich sein können. Aber um wirklich berühmt zu werden, müssen sie sicherstellen, auch den Wunsch des konservativen Amerikas nach traditionellen Familienrollen zu bedienen, um ihr Businessfrauen-Image auszugleichen. Ihre Partner ermöglichen den Kardashians als Marke einerseits Zugang zu neuen Genres: Ye (früher Kanye West) öffnete eine Tür in die Musik- und Fashionindustrie, Timothée Chalamet nach Hollywood, Lewis Hamilton in den Sport.
Inzwischen beschäftigst du dich seit fast zehn Jahren intensiv mit den Kardashians. Was fasziniert dich bis heute an ihnen?
Ich glaube, die Kardashians berühren eigentlich einige unserer tiefsten menschlichen Ängste in Bezug auf Sex, Tod, Geld und Race. In gewisser Weise sind sie ein Spiegel der amerikanischen Gesellschaft. Die Kardashians erzeugen Aufmerksamkeit, indem sie Grenze ausreizen. Und wir fühlen uns dazu hingezogen, zu testen, was akzeptabel ist. Das zeigt, dass wir leicht empört, leicht fasziniert und empfänglich für Urinstinkte sind. Ein Ziel des Buches war es, zu zeigen, wie wir Medien mit mehr Distanz und Skepsis konsumieren können. Ich sage immer, dass ich die Familie nicht psychoanalysiere, aber der Spiegel, den sie uns allen vorhält, könnte ein nützliches psychoanalytisches Werkzeug sein. Meine Beziehung zum Internet hat sich jedenfalls verändert. Ich bin viel zynischer geworden. Besonders was die Tatsache angeht, dass man Teile von sich selbst verkaufen muss, um Aufmerksamkeit zu erregen.
MJ Corey ist Autorin und Psychotherapeutin. Bekannt ist sie für das "Kardashian Kolloquium". Seit 2018 beschäftigt sie sich auf Instagram und TikTok mit der Kardashian-Familie. Über die Kardashians schrieb sie unter anderem auch für die Vogue und den New Yorker. MJ Corey lebt in Brooklyn, New York
Foto: Craig LaCourt
Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
Titelbild: IMAGO / Avalon.red