Thema: Kultur

Ein Female Gaze auf die Landwirtschaft

Eine junge Bäuerin, ein Sommer am Fluss und weibliche Selbstermächtigung: Der Anti-Heimatfilm „Milch im Feuer“ erzählt kitschfrei und sehr gegenwärtig vom Aufwachsen auf dem Land

Von Victoria Porcu
7. August 2025
Eine junge Frau triebt in einem Reifenschlauch im Wasser

Um was geht’s?

Um Katinka (Karolin Nothacker), eine 17-jährige angehende Landwirtin in Hohenlohe, Baden-Württemberg. Ihr Vorsatz: In diesem Sommer trägt sie die Schwimmsachen unter der Kleidung, damit sie immer sofort baden gehen kann. Ihre Freundin Anna (Pauline Bullinger) weiß dabei nie, ob das grüne Teil, das Katinka anhat, ein Bikini oder doch ein BH ist. 

In jedem Fall trägt Katinka das grüne Teil auch frühmorgens beim Melken mit ihrer Mutter (Johanna Wokalek). Danach essen sie saftige Tomaten aus Omas Garten. Doch die Stimmung zwischen Mutter und Tochter ist angespannt: Katinka will Bäuerin werden, aber den Hof ihrer Eltern wird sie nicht bekommen. Den bekommt irgendwann einmal Katinkas Bruder und deshalb auch Anna, weil sie mit ihm zusammen ist. So ist es Tradition. Abgesehen davon lohne sich Landwirtschaft finanziell sowieso kaum noch – bei Aldi würde man hingegen schon in der Ausbildung gut verdienen, rät die Mutter Katinka. 

Anna hingegen schert sich wenig um die Hektar, die sie bekommen wird. Sie ist ungewollt schwanger und denkt über einen Abbruch nach. Währenddessen stellt der Nachbarsbauer grüne Holzkreuze auf, um an das Hofsterben zu erinnern. Es wird nicht bei diesem einen Weckruf bleiben. 

Um was geht es eigentlich?

Um das Erwachsenwerden in einer Zeit, in der die Landwirtschaft ums Überleben kämpft, um Verantwortung – für den Hof oder für ein Kind – und um weibliche Selbstermächtigung zwischen Tradition und Umbruch.

Wie ist es erzählt?

Katinkas Freundin Anna ist die Erzählerin des knapp 80-minütigen Films und liefert im Voiceover die nötigen Hintergründe. Eine klassische Handlung gibt es nicht, vielmehr versammelt der Film Schlaglichter aus dem Hofalltag: Melken, Heu einholen, Lamas kastrieren. Und natürlich das Baden im Fluss, der Jagst. 

Die Erzählweise ist langsam. Die Kamera ist immer wieder sehr nah dran, oft statisch. Neben den vielen dokumentarisch wirkenden Aufnahmen fängt der Film das Lebensgefühl der jungen Frauen auch in sehr stimmungsvollen, poetischen Bildern ein. Etwa wenn sie sich in ihren Schwimmreifen im dunkelgrünen Wasser treiben lassen. Als Format wurde das Seitenverhältnis 4:3 gewählt, das deutlich quadratischer ist als das mittlerweile üblichere 16:9-Format. Dadurch werden automatisch romantisierte Panoramaaufnahmen verhindert, und der Fokus liegt auf den Menschen anstelle der Landschaft. 

Dabei bleibt „Milch ins Feuer“ bei seinen weiblichen Protagonistinnen. Männer wie Katinkas Bruder kommen kaum vor, Außenstehende dieser dörflichen Lebenswelt, wie eine Fotografin, sind nur zu hören. Gesprochen wird durchweg Hohenlohisch, der Dialekt im nordöstlichen Baden-Württemberg. 

Zwei Mädchen und ein Mann fahren auf einem Traktor

Idyllische Kulisse oder Ort absoluter Perspektivlosigkeit? In „Milch ins Feuer“ wird das Landleben ambivalent gezeigt

Gut zu wissen:

„Milch ins Feuer“ ist der Debüt- und zugleich der Abschlussfilm der Regisseurin und Drehbuchautorin Justine Bauer. Bauer selbst wuchs in Crailsheim auf, in der Nähe von Schwäbisch Hall, auf einer Straußenfarm. Die Rollen besetzte sie fast ausschließlich mit Laiinnen und Laien, mit Ausnahme der Mutterfigur, die von der Schauspielerin Johanna Wokalek gespielt wird. Auch dadurch wirkt der Film sehr natürlich. 

Was ist besonders?

In den meisten Filmen dient „das Land“ entweder als idyllische Kulisse oder als Ort absoluter Perspektivlosigkeit. Regisseurin Justine Bauer will von solchen Klischees wegkommen und setzt ihnen ihren eigenen Blick entgegen. Mit Katinka zeigt sie eine leidenschaftliche Jungbäuerin, die nirgendwo lieber sein möchte als in Hohenlohe. Das Leben auf dem Land wird aber nicht idealisiert, sondern in seiner ganzen Komplexität dargestellt. Damit ist „Milch ins Feuer“ ein Anti-Heimatfilm: mit Poesie statt Kitsch, gegenwartsbezogen statt nostalgisch und ohne klare Zuschreibungen von Gut und Böse.

Lohnt es sich?

Ja! Es kann einen Moment dauern, einen Zugang zu der unkonventionellen Machart des Filmes zu finden. Doch es lohnt sich, dranzubleiben, denn „Milch ins Feuer“ ist so atmosphärisch inszeniert, dass man sich am Ende fühlt wie an einem heißen, trägen Sommertag: Man möchte auf der Stelle baden gehen.

 

„Milch ins Feuer“ läuft ab dem 7. August 2025 im Kino.

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Fotos: FILMPERLEN