Vier Personen sitzen nebeneinander auf einem Sofa, im Vordergrund stehen mehrere Gläser auf einem Tisch

„Scheiß drauf, ich spreche jetzt einfach“

Viele Menschen in Deutschland haben mehr als eine Muttersprache. Bei manchen gilt das als schick, bei anderen erzeugt es Vorurteile. Hier reden Ayşe, Hamza, Nelson und Schazel miteinander über ihre Erfahrungen

Interview: Hannah El-Hitami und Fotos: Jeannette Petri
Thema: Identität
24. September 2026

Ein heißer Mittwochnachmittag in den hessischen Sommerferien, im Frankfurter Stadtteil Bockenheim sind es über 30 Grad. Im Café Moya laufen die Ventilatoren, Betreiberin Semeret Micael aus Eritrea bereitet Eiskaffee für ihre Gäste zu. Die Wände ihres Cafés sind mit Kunst aus Deutschland und Kenia sowie Familienbildern aus ihrer Heimat dekoriert – ein passender Ort, um über das Aufwachsen mit mehreren Sprachen zu sprechen. An einem Tisch in der hinteren Ecke treffen sich heute Ayşe (21), Hamza (21), Nelson (13) und Schazel (18). Ihre Eltern kommen aus der Türkei, Deutschland, Nigeria und Pakistan. Aufgewachsen sind sie alle in Deutschland.

fluter: Beschreibt mal alle genauer, wo und mit wem ihr welche Sprache sprecht.

Schazel: Deutsch spreche ich mit meinen Freunden und Geschwistern, Englisch auf Insta und TikTok. Mit meinen Eltern spreche ich Urdu – aber auch Deutsch, wenn es zum Beispiel um die Schule geht. Mit meiner Oma spreche ich nur Urdu.

Hamza: Meine Muttersprache Türkisch habe ich eigentlich nur gelernt, um mit meinen Großeltern zu sprechen. Sie sind in den 70er-Jahren als Gastarbeiter hergekommen, aber hatten viel mit den Ressentiments der Nachbarn zu kämpfen, mit persönlichen Beleidigungen und Angriffen. Darum haben sie sich eher isoliert und hatten Schwierigkeiten, Deutsch zu lernen. Schade, aber ich kann es ihnen nicht übel nehmen. Wir sprechen zu Hause Deutsch.

Ayşe: Mein Vater ist Deutscher, meine Mutter kam mit zwölf Jahren aus der Türkei hierher. Trotzdem spreche ich meistens Türkisch zu Hause, auch mit der Verwandtschaft in der Türkei. Mit Freunden rede ich Deutsch, außer mit türkischen Freunden.

Nelson: Bei mir kommt mein Vater aus Nigeria und kann nicht so gut Deutsch, darum spreche ich mit ihm Englisch. Seine Sprache, Yoruba, habe ich nie gelernt. Mit meiner Mutter spreche ich Deutsch.

Und was sprecht ihr mit der ganzen Familie am Esstisch?

Nelson: Englisch, damit es jeder versteht.

Würdest du gerne auch Yoruba lernen?

Nelson: Ich fände es spannend, aber irgendwie kam es nie dazu. Mit meinen Verwandten in Nigeria auf Yoruba zu reden, wäre voll cool.

Portrait von Schazel

„In Urdu fühle ich mich am besten. Man kann Sätze sehr lang ziehen und immer noch den Sinn dahinter verstehen. Im Deutschen sind die Wörter manchmal richtige Brocken“, sagt Schazel (18)

Portrait von Hamza

„Die türkische Sprache verbinde ich eher damit, dass meine Eltern auf Türkisch geschimpft haben, wenn ich als Kind Ärger gemacht hab“, sagt Hamza (21)

Würdet ihr anderen die Sprache eurer Eltern gerne besser können?

Hamza: Definitiv. Ich kann vor allem über Familienthemen sprechen. Aber wenn mein Cousin erzählt, dass er Pilot bei Turkish Airlines ist, höre ich nur mit offenem Mund zu und kann gar nichts dazu beitragen.

Ayşe: Richtig gut Türkisch zu können, würde mir im beruflichen Rahmen sicher mehr Türen öffnen. Ich will vielleicht ein Auslandssemester machen, weil das akademische Türkisch ja etwas ganz anderes ist.

Schazel: Ich würde lieber mein Englisch verbessern, Urdu brauche ich in Deutschland kaum.

Wie war es für euch, mit mehreren Sprachen aufzuwachsen? Anstrengend? Verwirrend? Schön?

Nelson: Ich habe als Kind englische Wörter in deutsche Sätze eingebaut und andersrum. Schwierigkeiten hatte ich dadurch nicht.

„Wenn man eine Sprache wie Türkisch auf Augenhöhe mit Englisch oder Französisch stellt, wird sich automatisch etwas verändern“

Schazel

Also eher Vorteile?

Nelson: Englisch hilft mir sehr bei anderen Sprachen, zum Beispiel lerne ich gerade Spanisch und kann mir total viel ableiten.

Ayşe: Ich habe irgendwann viel Zuspruch für mein Türkisch bekommen und es als Vorteil empfunden, die Sprache zu sprechen. Aber das hat gedauert. Als ich etwa 13 Jahre alt war, wollte ich in der Öffentlichkeit nicht mehr Türkisch sprechen, wenn andere türkischsprachige Menschen in der Nähe waren. Ich hatte das Gefühl, dass mein Türkisch nicht gut genug war. Wenn meine Mutter mich auf Türkisch ansprach, antwortete ich auf Deutsch.

Wie hat sie reagiert?

Ayşe: Sie wollte unbedingt, dass ich Türkisch kann, weil das ja auch Teil meiner Kultur ist. Und als ich älter wurde, hab ich irgendwann gesagt: Scheiß drauf, ich spreche jetzt einfach, auch wenn ich Fehler mache.

Fünf Personen sitzen um einen kleinen Tisch und unterhalten sich

Nelson, Hamza, Ayşe und Schazel mit fluter-Reporterin Hannah (2. von rechts) im Café Moya

Hamza: Ich habe mich nie dafür geschämt, Türkisch zu sprechen, hatte aber ein ganz anderes Problem. Meine Grundschullehrerin hat mich zwei Jahre vom Unterricht ausgeschlossen, weil ich laut ihr nicht genug Deutsch konnte. Ich musste im Computerraum den Duden abschreiben. Meine Mutter war sogar Deutschlehrerin, ich konnte Deutsch, war aber einfach schüchtern. Das hat sie nicht nur mit mir gemacht, sondern noch mit einem halbtürkischen Mitschüler und einem, dessen Eltern Cherokee waren. Man hat das in dem Alter nicht hinterfragt, sondern der Lehrerin vertraut. Im Nachhinein denke ich, dass ich dadurch später Defizite in Fächern wie Mathe hatte.

Sind euch noch mehr Vorurteile begegnet?

Schazel: Es gibt in Frankfurt und Offenbach konservative Viertel, die man eher meidet, wenn man so aussieht wie ich. Wenn ich dort bin, hole ich mein größtes, bestes, perfektestes Deutsch raus, damit die mich nicht ansprechen.

Nelson: Wegen meiner Hautfarbe werde ich oft gefragt, ob ich Deutsch kann. Das ist immer ein bisschen unangenehm, aber ich muss mich dran gewöhnen. Das wird mir noch öfter passieren im Leben. Ich kann meine Hautfarbe nicht ändern und bin froh darüber, dass ich schwarz bin.

Schazel: Ich habe das Gefühl, man muss immer beweisen, dass man Deutscher ist und integriert.

Hamza: Auf dem Pausenhof wurden wir ermahnt, wenn wir miteinander auf Türkisch geplaudert haben. Ich verstehe den Grund: Man könnte jemanden mobben, und die Lehrkräfte könnten dann nicht einschreiten. Aber ich finde es schade, dass man den Schülern verbietet, sich untereinander und in ihrer Kultur besser zu verständigen.

Ayşe: Es muss nicht mal unbedingt verboten werden! Man merkt es an der Art, wie Leute einen angucken. Ich arbeite neben dem Studium am Flughafen. Wenn ich da manchmal mit Kollegen auf Türkisch spreche und ein Chef vorbeiläuft, sehe ich, dass er das nicht so gut findet.

Portrait Nelson

„Ich habe als Kind englische Wörter in deutsche Sätze eingebaut und andersrum. Schwierigkeiten hatte ich dadurch nicht“, sagt Nelson (13)

Portrait Ayşe

„Als ich jünger war, wollte ich nicht mehr Türkisch sprechen, wenn andere türkischsprachige Menschen in der Nähe waren. Ich hatte das Gefühl, mein Türkisch sei nicht gut genug“, sagt Ayşe (21)

Durch Popkultur wie zum Beispiel Rapmusik finden immer wieder Wörter aus anderen Sprachen Eingang in den deutschen Mainstream. Wie findet ihr das?

Hamza: Als Muslim freut es mich, wenn ein deutscher Kollege „Alhamdulillah“ oder „Mashallah“ sagt, also „Gott sei Dank“ oder „Wie Gott wollte“. Aber gerade bei Gangsta-Rap find ich es schade, wenn ein negatives Image auf eine schöne Sprache abfärbt. So ein Wort wie „wallah“, das eigentlich nur bedeutet: „Ich schwöre bei Gott“, bekommt dann ein schlechtes Ansehen.

Schazel: Urdu- oder Hindi-Wörter fallen nicht in dieses Beuteschema. Aber ich find’s auch blöd, wenn Leute Gottes Namen nutzen, um Gewalt anzukündigen, also wie „Wallah, ich hau dir gleich aufs Maul“. Muslime stehen ja sowieso schon unter Generalverdacht.

Ayşe: Dadurch wird man selbst oft in so eine Schublade gesteckt, dass man asozial wäre, wenn man solche Wörter benutzt.

Nelson: Ich versuche, diese Wörter nicht zu verwenden, weil ich niemanden verletzen will. Wie ihr schon gesagt habt, manchmal weiß man gar nicht, was sie bedeuten.

Hamza: Du musst dich nicht zurückhalten. Wenn du die Wörter benutzen willst, frag einfach vorher, was sie bedeuten. Sprache ist für alle da. Wir benutzen ja auch englische Wörter im Alltag.

Nelson: Ich finde, Türkisch ist eine richtig tolle Sprache. Warum sollte ich „okay“ sagen, „tamam“ ist viel besser!

Hamza: Ich will später mal Lehrer werden. Wenn ich im Unterricht „okay“ sagen würde, würde wohl keiner drüber nachdenken. Aber wenn einer „tamam“ sagt, wird direkt die Stirn gerunzelt.

„Ich finde, dass sprachliche Vielfalt hier nicht unterstützt wird. Dadurch bilden sich Gruppen, die sich nicht akzeptiert fühlen“

Ayşe

Findet ihr, dass in Deutschland sprachliche Vielfalt ausreichend gefördert wird?

Schazel: Sprachen wie Englisch, Französisch oder Spanisch sind anerkannt. Aber bei Türkisch oder Arabisch kommt direkt so eine Phrase wie „Integrier dich mal!“.

Ayşe: Ich finde, dass sprachliche Vielfalt hier nicht unterstützt wird. Dadurch bilden sich Gruppen, die sich nicht akzeptiert fühlen. Dann regen sich Leute in Deutschland darüber auf, dass die anderen unter sich bleiben. Aber die sind ja eine Gruppe geworden, weil die anderen sie nicht wollten. Auf der Arbeit merke ich, dass die Ausländer eine Gruppe sind und die Deutschen eine Gruppe. Die nennen uns dann auch manchmal Shishabar-Club oder so. Es ist heute besser als früher, aber es gibt noch viel Luft nach oben.

Was könnte man denn tun, damit es besser wird?

Schazel: Erst mal muss dieser Integrationsverweigerer-Stempel weg. Wenn man eine Sprache wie Türkisch auf Augenhöhe mit Englisch oder Französisch stellt, wird sich automatisch etwas verändern.

Nelson: Es gibt Schulen, wo viele Sprachen gefördert werden, aber bei mir gibt’s nur Englisch, Französisch, Spanisch. Und Latein, aber darauf kann man sich mit niemandem unterhalten. Es sollte viel mehr Auswahl geben.

Vier Personen stehen nebeneinander vor einer hellen Wand, eine Person lehnt an einem Holzgeländer, Pflanzen wachsen am linken Bildrand

Ihre verschiedenen Sprachen nutzen Hamza, Ayşe, Schazel und Nelson je nach Situation. Vorurteile kennen sie alle

In welcher Sprache fühlt ihr euch am meisten zu Hause?

Ayşe: Ich würde sagen, dass ich mich im Türkischen leichter fühle. Deutsch hört sich manchmal ein bisschen hart an.

Hamza: Bei mir ist es andersrum. Die türkische Sprache verbinde ich eher damit, dass meine Eltern auf Türkisch geschimpft haben, wenn ich als Kind Ärger gemacht habe.

Ayşe: Bei mir wurde auf Deutsch geschimpft.

Nelson: Eigentlich verbinde ich Englisch vor allem mit der Zeit, als ich ganz jung war, ich habe viele Erinnerungen an englische Kinderlieder.

Schazel: In Urdu fühle ich mich am besten, weil das die Sprache meiner Eltern ist und ich sehr gut damit klarkomme. Man kann Sätze sehr lang ziehen und immer noch den Sinn dahinter verstehen. Im Deutschen sind die Wörter manchmal richtige Brocken. Ich bin aber froh, dass ich es kann, weil es ja eine sehr schwere Sprache ist.

Auf welcher Sprache denkt ihr nach?

Alle: Deutsch.

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