Portrait von Mathilda Heine; Mathilda Heine in kompletter Ausrüstung mit Deutschlandtrikot sitzt auf einer Spielerbank vor einem Eishockeytor

Tanzen durch die Blitzeinschläge

Mathilda Heine gilt als eines der größten Talente im Eishockey – und erlebt die Olympischen Winterspiele als jüngste deutsche Teilnehmerin

Text: Alex Raack und Fotos: Julian Baumann
Thema: Sport
14. Februar 2026

But my Mama told me
It’s alright
You were dancing through the lightning strikes
Sleepless in the onyx night
But now, the sky is opalite

Du bist durch die Blitzeinschläge getanzt. Eigentlich eine wunderbare Beschreibung für das, was Eishockey sein kann. Eine wilde Choreografie inmitten von pfeilschnellen Gegnerinnen mit Schulter-Pads und Schläger. Immer auf der Jagd nach einer kleinen flachen schwarzen Hartgummischeibe. All das auf einer Bühne von spiegelglattem Eis, eingekesselt von Panzerglas und Zuschauern. „Opalite“ heißt der Song von Taylor Swift und klingt eher nach Eiskunstlaufkür als nach Panzerglas. Und doch ist das eines der Lieder, mit denen sich die jüngste deutsche Teilnehmerin dieser Olympischen Winterspiele in Stimmung bringt, ehe sie sich mit ihren (noch) 16 Jahren mit den Top-Athletinnen aus aller Welt misst.

Mathilda Heine in kompletter Ausrüstung mit Schläger auf dem Eis vor leeren Tribünen

Mathilda beim Training in Füssen

Eishockeyspielerinnen in voller Ausrüstung auf dem Eis im Spielmoment mit sichtbaren Helmen und Schlägern

Mathilda Heine, geboren im sächsischen Werdau, ein paar Kilometer westlich von Zwickau gelegen, kennt diesen Song aus der Kabine bei den Eisbären Juniors, dem Nachwuchs der Eisbären Berlin, dem Bundesliga-Klub der Hauptstadt. Da spielt sie seit 2024. Groß geworden ist sie allerdings beim ETC Crimmitschau. Der ETC war in der DDR mal eine große Nummer, heute spielt der Klub in der zweithöchsten deutschen Spielklasse und gilt immer noch als eine Eishockey-Hochburg.

Mit sieben wollte Mathilda aufhören, ihre Mama überredete sie weiterzumachen

In Crimmitschau gehört der Name „Heine“ zur DNA des Vereins. Papa Torsten war selbst Eishockeyprofi und hat für den ETC 634 Spiele gemacht. Seine Rückennummer 43 wird in Crimmitschau nicht mehr vergeben, die höchste Ehre im Eishockey. Schon als Kleinkind stand Tochter Mathilde mit auf dem Eis. Dass sie immer noch spielt, hat sie allerdings ihrer Mutter zu verdanken: „Mit sechs, sieben Jahren wollte ich aufhören. Meine Mutter hat mich überredet weiterzumachen.“

Heute hat sie sich längst selbst einen Namen gemacht, hat Rekorde gebrochen, war mit 14 bei den Olympischen Jugend-Winterspielen (und gewann Bronze), ist erst im Januar Weltmeisterin mit den U-18-Juniorinnen geworden (in der Division I, einer Art B-Runde). Noch während der Olympischen Spiele wird sie 17 werden. 

Mehrere Eishockeyspieler in verschiedenfarbigen Trikots knien auf dem Eis und halten ihre Schläger

Das können sie hier noch nicht ahnen: Am 14. Februar steht das Team im Viertelfinale bei den Olympischen Winterspielen 2026

Mathilda ist Stürmerin, Linkshänderin, schnell und wendig. Eishockey ist ein knüppelharter Sport, völlig unabhängig vom Geschlecht. Auf einem Level wie den Olympischen Spielen wird nicht nur schneller gepasst und härter geschossen, sondern auch mit Methoden gearbeitet, die man sonst nur von Kneipenkeilereien kennt. „Sie hat in den letzten zwölf Monaten viel Zeit investiert, um körperlich stärker, fitter und athletischer zu werden“, sagt Bundestrainer Jeff MacLeod über seine jüngste Spielerin im Kader. „Das hat ihr die Möglichkeit gegeben, dabei zu sein.“ Die junge Sächsin trainiert bereits auf professionellem Niveau. Aufstehen, Training, Mittagessen, Training, Freizeit, Abendessen – so sahen ihre Tage aus in den vergangenen Wochen. Die Realschule hat sie im Sommer 2025 beendet, im März beginnt die Ausbildung bei der Polizei. Als erste Eishockeyspielerin nimmt sie an einem speziellen Ausbildungsprogramm teil, das es ihr erlaubt, sich sieben Monate im Jahr auf den Sport zu konzentrieren und die eigentliche Ausbildung in den fünf Monaten der Off-Season zu absolvieren. Ein Leben zwischen Polizeiarbeit und Sportlerkarriere. 

Im Frauen-Eishockey lässt es sich als Talent noch vergleichsweise ungestört wachsen

Für so ein Leben braucht es vor allem Disziplin, den Ehrgeiz, den Willen – und die Bereitschaft, in vollem Tempo von einer 1,80 Meter großen Kanadierin gegen die Plexiglasscheibe gedonnert zu werden. Zudem steigt mit der Erwartungshaltung auch der mentale Druck, gerade für eine gefeierte Nachwuchshoffnung. Vorteil Mathilda: Im Frauen-Eishockey lässt es sich als Talent noch vergleichsweise ungestört wachsen, die mediale Aufmerksamkeit bei den Olympischen Spielen ist nicht mit Bundesliga-Alltag zu vergleichen. Im Kader von Nationaltrainer MacLeod gehört die 16-Jährige zur vierten Stürmerreihe, auf dieser Position kommt man traditionell nur zu wenigen Minuten Spielzeit. „Für mich ist es eine große Ehre, hier zu sein auf der großen Bühne“, berichtet der Teenager in einem Interview. Von den erfahrenen Kolleginnen um Kapitänin Daria Gleißner (32) wurde sie von Beginn an unter die Fittiche genommen: „Mathilda macht ihren Job – auf dem Eis, auf der Bank.“ 

Weiße Innentür mit großem schwarzen Adleremblem und roten Krallen; roter Türgriff rechts, hellgrau-weiße Wände und blauer Boden im Flur
Eishockeyspielerin mit schwarzem Helm (Nummer 41) sitzt hinter zerkratztem Plexiglas auf der Spielerbank; Blick nach links, Eisfläche im Hintergrund

Bisher läuft es für die deutschen Eishockeyspielerinnen: Sie gewannen drei von vier Spielen in der Vorrunde und stehen im Viertelfinale. Beim Spiel gegen Japan waren fast 4.000 Menschen im Publikum der Milano Rho Ice Hockey Arena, darunter ihre Eltern und die beiden jüngeren Geschwister. Und ein paar Meter von Mama und Papa Heine entfernt: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Annalena Baerbock.

Bei den Eisbären Juniors gehört sie bereits zu den besten Spielerinnen, ihre Entwicklung geht so rasant voran, dass Trainer Philipp Richter schon ein wenig auf die Bremse tritt: „Das Tempo, was sie vorlegt, macht uns inzwischen manchmal Sorgen, weil wir sie auf dem Boden der Tatsachen halten wollen.“ Daran ist sicherlich auch Vater Torsten gelegen, mit dem sie täglich WhatsApp-Nachrichten austauscht. Klassische Papa-Motivationssprüche, aber auch mal die typischen Themen aus dem Familienalltag. 

Wie es für sie weitergehen soll? „Einfach schnell weiterentwickeln, und das Ziel ist dann die PWHL.“ Die Professional Women’s Hockey League in Kanada und den USA, die beste Liga der Welt. Einfach mal ganz groß träumen, auch da passt Taylor Swift als Soundtrack.

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