Eine Frau mit schulterlangem Haar steht vor einem Spiegel, während ein Mann hinter ihr ihre Haare richtet

Alle reden, nur Luisa nicht

Der Film „Luisa“ erzählt von einer jungen Frau, die in einer Wohngruppe für Menschen mit Behinderung lebt. Sie wird schwanger – und ein Verdacht steht im Raum: Wurde sie missbraucht?

Von Fabian Schäfer
Thema: Kultur
23. April 2026

Worum geht’s?

Luisa gefällt es in ihrer Wohngruppe. Tagsüber arbeitet die 22-Jährige, die eine intellektuelle Beeinträchtigung hat, in einer Wäscherei. Abends feiert sie mit ihren Mitbewohner*innen eine Party oder trifft ihren Freund Anton. Doch als Luisa schwanger wird, gehen die Betreuer*innen davon aus, dass sie missbraucht wurde. Denn ihr Partner kann keine Kinder zeugen. 

Luisa will dazu erst nichts sagen, es scheint ihr aber nicht gut zu gehen. Die Leitung will „den Ball flach halten“, ihre Eltern machen sich riesige Sorgen. Die Ermittlungen der Polizei beunruhigen Luisa, belasten ihre Beziehung zu Anton und verunsichern das gesamte Personal.

Worum geht’s eigentlich?

Menschen mit Behinderung leben in einer Gesellschaft voller Barrieren und struktureller Diskriminierung. Viele erleben körperliche und psychische Übergriffe oder sexualisierte Gewalt: 22 Prozent der Frauen und 11 Prozent der Männer, die in Betreuungseinrichtungen für Menschen mit Behinderungen leben, gaben 2024 an, sexualisierte Gewalt erlebt zu haben. Bei sexualisierter Belästigung sind die Zahlen noch höher: 41 Prozent der Frauen und 27 Prozent der Männer waren davon betroffen. Das ergab ein Forschungsbericht der Bundesregierung. Der Spielfilm von Julia Roesler erzählt diese Problematik anhand einer beispielhaften Geschichte.

Das Drama thematisiert auch, wie Luisas Umfeld mit der Situation hadert. Die Betreuer*innen in der WG etwa duschen die Bewohner*innen, sie nehmen sie in den Arm oder streicheln ihnen über den Kopf. Das gehört zum Job – doch seit dem Missbrauchsverdacht sind sie vorsichtiger. Luisas Eltern fragen sich, inwieweit ihre Tochter begreifen kann, was Missbrauch ist – oder wie leicht sie sich zum Sex überreden lässt. Der Film behandelt also auch Fragen rund um Consent und Verantwortung.

Person mit Fellmütze und Handschuhen steht im Vordergrund, im Hintergrund mehrere verkleidete Menschen und Halloween-Dekoration

Mit einer Party fängt alles an, aber was ist in der Nacht passiert? 

Gut zu wissen

Für das Drehbuch arbeiteten Julia Roesler und Co-Autorin Silke Merzhäuser mit dem inklusiven Theaterkollektiv „Meine Damen und Herren“ zusammen. Im Zuge dieser Zusammenarbeit wurden Szenen geändert oder gestrichen. Einige der Darsteller*innen spielen auch im Film mit, darunter Celina Scharff als Luisa. Es ist ihre erste Kinohauptrolle.

Wie wird das erzählt?

Der Film hat sich für seine 90 Minuten viel vorgenommen. Die meisten Szenen sind kurz und verfolgen die klare Funktion, die Handlung voranzutreiben. Manchen Dialogen merkt man das an. Andere Momente – das gemeinsame Abendessen oder die Halloween-Party – wirken dagegen dokumentarisch. Der Film enthält auch improvisierte Szenen, die ihn auflockern. Was genau in der fraglichen Nacht passiert ist, erfährt man zunächst nicht. Aber danach äußert sich Luisas Unwohlsein durch flirrende Töne und verschwommene Bilder. „Luisa“ ist aber mehr als ein Sozialdrama: Die Ermittlungen rund um die Frage, was – und von wem – getan wurde, verleihen dem Film eine spannende Kriminote.

 

Zwei Frauen sitzen sich an einem Tisch gegenüber, eine trägt medizinische Kleidung, die andere ein kurzärmliges Kleid

Luisas Umfeld ist überfordert – das gilt auch für ihre Betreuerin 

Eine wichtige Szene

Luisa mag den Fahrer der Einrichtung, er nähert sich ihr an. Eine Betreuerin möchte das unterbinden, eine Kollegin sagt: „Sie hat auch ein Recht, Fehler zu machen.“ Die Szene zeigt, wie schmal der Grat zwischen notwendigem Schutz und übergriffiger Kontrolle ist. Und wie wichtig es ist, dass Einrichtungen wachsam sind – anders als hier, wo das Thema schnell vom Tisch ist.

Lohnt sich das?

Aus meiner nichtbehinderten Perspektive beurteilt: Ja. „Luisa“ bleibt zwar nicht unbedingt wegen einer ausgeklügelten Bildsprache oder subtiler Metaphern im Gedächtnis, aber die Handlung packt. „Luisa“ stellt außerdem seine anspruchsvollen Themen nuanciert dar. Das Konzept, nicht über, sondern mit Menschen mit Behinderungen zu erzählen, ist aus meiner Sicht aufgegangen. 

„Luisa“ läuft ab dem 23. April im Kino. 

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Fotos: Real Fiction Filmverleih