Doppelportrait von Louise K. Böhm, Autorin von "Kaskaden"

„Manche Freundinnen haben sich viel selbstverständlicher durch die Oper bewegt“

Louise K. Böhm erzählt in ihrem Debütroman „Kaskaden“ eine Geschichte von Freundschaft und Benachteiligung aufgrund von Klasse. Im Interview spricht sie darüber, wie das ihr eigenes Leben beeinflusst hat und wie Kultur für alle sein könnte

Interview: Andreas Thamm
Thema: Kultur
10. September 2026

fluter.de: In deinem neuen Buch spielt die Herkunft eine entscheidende Rolle. Worum geht es?

Louise K. Böhm: „Kaskaden“ erzählt von einer tiefen Jugendfreundschaft zwischen Jojo und Yara, die scheinbar grundlos auseinanderbricht. Jojo, die Molekularbiologie studiert und in einer WG lebt, fragt sich, was eigentlich passiert ist. Dadurch, dass Jojo aus einer Arbeiter:innenfamilie kommt, fühlt sie sich an der Uni etwas impostermäßig, immer unsicher. Sie spürt die Unterschiede zu den Kommiliton:innen aus reichen Elternhäusern, Yara und sie sind in einer Hochhaussiedlung aufgewachsen. Und sie tut sich schwer mit zwischenmenschlichen Beziehungen, bleibt immer auf Distanz und denkt immer, nur Yara hätte sie verstanden. Sie war ihr menschlicher Anker und eigentlich mehr als „nur“ eine Freundin. Dann erhält sie plötzlich ein Lebenszeichen von ihrer ehemaligen besten Freundin.

Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht?

Ich bin als Kind nichtakademischer Eltern aufgewachsen. Kulturelle Bildung hat bei uns keine wahnsinnig große Rolle gespielt, zumindest wenn man in den klassischen Kategorien denkt. Meine Eltern haben natürlich immer versucht, alles möglich zu machen, aber es gab klare Unterschiede zwischen mir und meinen Freundinnen.

Welche?

Mir ist aufgefallen, dass manche Freundinnen sich sehr viel selbstverständlicher durch eine Oper oder ein Theater bewegt haben, während ich mich eher out of place gefühlt habe. Vielleicht auch deshalb, weil meine Sprache oder Kleidung eine andere war. Ich hatte viel Secondhand, Schulranzen und Klamotten zum Beispiel. Andere hatten Marken – 4You, Benetton, die Faber-Castell-Buntstifte. Ich erinnere mich, das Gefühl gehabt zu haben, nicht dazuzugehören, weil ich diese Marken nicht hatte. Den Begriff Klassismus habe ich aber erst mit dem Studium entdeckt

„Arme Menschen haben in der Kultur keine Lobby. Vielleicht schließen wir den nächsten Literaturnobelpreisträger aus, weil sein Dialekt nicht passt“

Kannst du Klassismus einmal kurz erklären?

Es ist die Diskriminierung oder Abwertung von Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft oder der Frage, wie viel Geld sie haben. Sie kann persönlich, institutionell oder auch strukturell sein. Zum Beispiel, wenn eine Person aufgrund ihrer Kleidung von einer anderen Person beleidigt wird oder Schulen, Behörden oder Unternehmen Strukturen haben, die Menschen aus bestimmten sozialen Gruppen benachteiligen. Menschen, die von Klassismus betroffen sind, müssen nicht unbedingt auch Armutserfahrungen gemacht haben und umgekehrt. 

Du hast in Hildesheim Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus studiert. Hat deine soziale Herkunft dabei eine Rolle gespielt?

Häufig wurde Wissen vorausgesetzt zu Werken oder Namen, die man kennen sollte, und wenn nicht, wurde man schief angeguckt. Ganz auffällig fand ich, wie unterschieden wurde zwischen Hoch- und Unterhaltungsliteratur, also Genres wie Krimis, Fantasy oder Romance. Absolvent:innen, die mit einem literarischen Werk debütiert hatten, wurden hochgelobt, während die, die andere Genres schrieben und vielleicht viel erfolgreicher waren, nicht erwähnt wurden.

Habt ihr darüber diskutiert?

Kaum. Stattdessen habe ich versucht, mich anzupassen, um in dem Milieu zu bestehen. Ich habe mir diese Sprache angeeignet und versucht, nicht aufzufallen. Oder: In einem Seminar hatten wir mal den Fall, dass wir zehn Minuten über eine bestimmte Technik beim Schreiben gesprochen haben, obwohl niemand – wie sich später herausstellte – sie kannte oder verstand. Es hat dann diese eine Person gebraucht, die nachfragt, und man hat richtig gespürt, wie alle anderen im Raum erleichtert aufatmeten. Niemand wollte sich outen, um nicht dumm zu wirken. In meiner Eignungsprüfung wollte ich wissen, inwiefern sich die Uni mit Klassismus auseinandersetzt. Mir wurde geantwortet, dass das kein Thema sei. Das sehe ich mittlerweile doch anders.

Warum ist Klassismus in der Kulturbranche denn ein Problem?

Weil Zugänge dadurch noch trichterartiger wirken – es kommen nur wenige rein. Andere Studierende in Hildesheim schienen einen besseren Zugang zum Literaturbetrieb zu haben. Die hatten schon Kontakte durch ihre Eltern oder Erfahrungen in irgendwelchen Jugend-Literatur-Werkstätten, von deren Existenz ich gar nichts wusste. Arme Menschen haben in der Kultur keine Lobby. Es sollte der Sinn und Zweck von Literatur sein, unterschiedliche Lebensrealitäten und Perspektiven zugänglich zu machen. Wenn wir aber immer dieselben Texte derselben Menschen verlegen, ist das eine sehr homogene Masse. Dadurch verlieren wir wahnsinnig viel. Vielleicht schließen wir den nächsten Literaturnobelpreisträger aus, weil sein Dialekt nicht passt.

„Akteure in den Verlagen sollten hinterfragen, wer eigentlich entscheidet, welche Geschichten erzählenswert sind, und wer die Lesenden sind, die man ansprechen möchte“

Wie fanden deine Eltern die Wahl deines Studienfachs?

Ich habe vorher auch schon Digitale Medien in Lüneburg studiert, aber nicht zu Ende und in Hildesheim dann auch nicht zu Ende. Meine Eltern haben es nicht so richtig verstanden: Okay, was macht man dann damit? Ist das nicht ein sehr prekäres Berufsfeld? Wann verdienst du denn mal richtiges Geld? Ich kann ihnen nicht verübeln, dass diese Fragen aufkamen.

Wie hast du dein Studium und jetzt dein Schreiben finanziert?

Ich habe erst BAföG bekommen, dann nicht mehr und deswegen auch abgebrochen. Mittlerweile habe ich Gott sei Dank eine unbefristete Stelle bei einem Festival in Hamburg.

Ohne akademischen Abschluss?

Durch ganz viele Ehrenämter bei Festivals, die ich mitorganisiert habe. Dann ein Praktikum, und von da habe ich mich hochgearbeitet.

Kann man Barrieren in der Kultur konkret abbauen?

Ohne die Politik aus der Verantwortung nehmen zu wollen, sage ich, jeder und jede muss bei sich selbst anfangen: Akteure in den Verlagen sollten hinterfragen, wer eigentlich entscheidet, welche Geschichten erzählenswert sind, und wer die Lesenden sind, die man ansprechen möchte. Was wir Autor:innen machen können, ist, offen über Geld zu sprechen: Wer kriegt welche Vorschüsse und welche Honorare? Einfach damit wir da einen Standard herstellen können und weniger junge Menschen alles nehmen müssen, was sie kriegen können. Laut Verdi können nur zwei Prozent der Buchautor:innen vom Schreiben leben, wir brauchen eine faire Bezahlung. Und wir alle können uns natürlich austauschen, uns gegenseitig marginalisierte Stimmen empfehlen und divers lesen: Bücher von Frauen, Schwarzen, queeren und behinderten Menschen. Denn Diskriminierungsformen wirken natürlich miteinander.

Louise K. Böhm wurde 2000 in Berlin geboren. Sie studierte unter anderem Literarisches Schreiben in Hildesheim, heute lebt und arbeitet sie in Hamburg. Im Juli erschien ihr Debütroman „Kaskaden“ bei Penguin. 

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Titelbild: Lenny Rothenberg