Zwei Schwäne auf dem Wasser, im Vordergrund eine Hand mit ausgestrecktem Mittelfinger

Wer hat noch nie?

Unser Autor ist 28 Jahre alt und hatte noch nie Sex und noch keine Beziehung. In der Vergangenheit kümmerte ihn das nicht. Mittlerweile grübelt er doch darüber

Von Philo Schuster
Thema: Liebe
8. Mai 2026

Masturbation ist die einzige Form von Sexualität, die ich kenne. Aus Neugier an Sex habe ich mir deshalb mal einen Masturbator gekauft, der einer Vagina nachempfunden war. Das fühlte sich aber eher unangenehm an, und er war schlussendlich sehr aufwendig zu reinigen. Ich habe ihn ziemlich schnell entsorgt. Auch aus Scham, auf so etwas zurückgreifen zu müssen.

Ich bin 28 Jahre alt und hatte noch nie Sex, geschweige denn eine Beziehung. Bis vor kurzem noch nicht mal ein Date. Je näher mein 30. Geburtstag rückt, desto mehr grüble ich darüber, wie es ist, sich einer Frau nahe zu fühlen? Nicht nur körperlich. Verpasse ich etwas? Mache ich etwas falsch? Werde ich jemals eine Partnerin finden?

Diese Gedanken sind neu. Meine Zwanziger über habe ich das Thema Sex und Beziehung erfolgreich ignoriert. Ich sagte mir: Erst mal muss ich selbstbewusster werden, herausfinden, was ich vom Leben will, einen Job finden. Ich dachte, Sex, das hat noch Zeit. Irgendwann kommt schon die Richtige. Denn ich muss mich sicher fühlen, um mit jemandem intim zu werden. Doch jetzt bin ich fast fertig mit meinem Master und weiß ungefähr, was ich beruflich machen will. Plötzlich gibt es nichts mehr, das als Ausrede taugt.

Ich lag die ganze Nacht wach und fragte mich, was ich falsch gemacht hatte

Deswegen hatte ich vor anderthalb Jahren eine Dating-App heruntergeladen. Ich wollte nicht länger auf die Richtige warten, sondern sie suchen. Bei meinem ersten Match fluteten mich Glücksgefühle. Wir schrieben wochenlang, bevor wir das erste Mal telefonierten. Nach zwei Telefonaten war allerdings klar: Das passt nicht. Beim zweiten Match hatte ich aus meinen Fehlern gelernt und schlug nach wenigen Tagen einen Spaziergang vor. Es blieb bei diesem einen Treffen. 

Erst bei meinem vierten Date ergab sich mehr. Wir fanden uns beide sympathisch und trafen uns zum Kaffeetrinken, Bouldern und Radfahren. Nach einigem Hin und Her gestand sie mir spätnachts auf einer kalten Parkbank: Für mehr als Freundschaft reichen ihre Gefühle nicht. Ich bedankte mich für ihre Ehrlichkeit, doch innerlich war ich am Boden zerstört. Ich lag die ganze Nacht wach und grübelte, was ich falsch gemacht hatte. Die nächsten Tage und Wochen hoffte ich, dass sich ihre Meinung noch mal ändern würde. Erst knapp zwei Monate später konnte ich vollständig loslassen.

Ich will wissen, woran ich beim Dating scheitere. Online finde ich eine Studie zur Sexualität bei Jugendlichen aus dem Jahr 2025. Darin steht, dass junge Menschen heute tendenziell später sexuelle Erfahrungen machen als Gleichaltrige früher. Demnach haben zehn Prozent der 25-Jährigen noch nie jemanden geküsst.

Ich suche weiter und stoße auf einen kurzen Test für „Absolute Beginner“. Damit sind Menschen ab etwa Mitte 20 gemeint, die noch keine sexuellen Erfahrungen mit anderen Menschen gemacht haben. Ich klicke mich durch den Test. Finde ich Frauen in Pornos attraktiver als jene, die ich im Alltag treffe? Nein. Habe ich Angst, dass ich einer Frau nicht genug bieten könnte? Ja. Fällt es mir schwerer als anderen, auf fremde Menschen zuzugehen? Ja. Würde ich mir zutrauen, eine Frau schon beim ersten Date zu küssen? Nein. 

Natürlich kriege ich sofort eine zu mir passende Coachingsession angeboten

Der Test attestiert mir direkt diverse Probleme und fehlende Skills. Ob er seriös ist, ist für mich schwer zu beurteilen. Die Website, auf der der Test zu finden ist, arbeitet mit Zahlen und Studien, die 20 Jahre alt sind. Der Psychologe Armin Kaser, der ihn erstellt hat, bietet auf seiner Website spezielle Sessions für diese sogenannten „Absolute Beginner“ an. Womöglich hat er eine Marktlücke gefunden, und der Test veranlasst auch andere „Beginner“, seine Dienste in Anspruch zu nehmen. Ich kontaktiere Kaser und wir verabreden uns zu einem Videotelefonat.

Laut Kaser haben „Absolute Beginner“ in ihrer Jugend wichtige Entwicklungen fürs Dating verpasst. Er sagt: „Fürs Dating braucht es soziale Fähigkeiten, die man im Idealfall im Jugendalter lernt, wenn das Gegenüber Fehler noch eher verzeiht.“ Kaser macht mir Hoffnung, dass sich diese Fähigkeiten auch später noch lernen lassen. Natürlich hat er ein passendes Angebot dafür.

Als Nächstes telefoniere ich mit dem Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß von der Hochschule Merseburg. Ich fühle mich wie ein Analphabet, was Dating angeht, sage ich am Telefon. „Setzen Sie sich nicht unter Druck“, rät Voß mir. Es werde viel darüber gesprochen, dass Sexualität etwas ganz Besonderes sei und mit einer bestimmten Person stattfinden müsse. Besser sei es, sich auf Momente einzulassen, die schön sind, zu kuscheln und zu schauen, wohin es führt, sagt Voß. „Es muss ja nicht immer gleich Geschlechtsverkehr sein.“

Fehlende Erfahrungen in der Jugend sieht er anders als Kaser nicht als Hindernis. Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper dagegen schon. „Empfinde ich mich als schön, vergleiche ich mich mit anderen Personen – das sind wesentliche Punkte“, sagt Voß.

Ich war in meiner Schulzeit ein Außenseiter, schüchtern und zurückhaltend und wurde gemobbt. Regelmäßig bekam ich dumme Sprüche über mein Körpergewicht gedrückt. Anderen zu vertrauen, fiel mir schwer. Nach dem Abitur musste ich mein Selbstvertrauen mühsam Stück für Stück wieder zusammensetzen. Als ich für mein Studium in eine andere Stadt zog, nahm ich mir deswegen vor, zu allem „Ja“ zu sagen. So spielte ich Theater, tanzte zum ersten Mal in meinem Leben auf Hauspartys und fing mit dem Mountainbiken an. All das lag meilenweit außerhalb meiner Komfortzone. Doch mit jeder neuen Erfahrung wuchs mein Vertrauen in mich selbst, und ich lernte, dass ich es schaffe, Neues auszuprobieren.

Eigentlich kann ich ganz gut allein sein, doch da ist auch diese Angst

Nur mit Frauen hatte ich weiterhin meine Probleme. Nicht auf Frauen zuzugehen, schützte mich davor, erneut abgelehnt zu werden. Wenn ich ehrlich bin, sehne ich mich auch heute nicht nur nach einer Beziehung, sondern habe auch Angst davor. Davor, mich verletzlich zu zeigen und verletzt zu werden. Angst vor Konflikten und davor, Fehler zu machen. Warum will ich überhaupt eine Beziehung?

Die meiste Zeit kann ich gut allein sein. Ich genieße es, auf niemand anderen Rücksicht nehmen zu müssen. Oder abends nach einem langen Unitag meine Ruhe zu haben. Ich frage mich: Ist es die Gesellschaft mit ihrer Vorstellung, was zu einem guten Leben dazugehört, die erst das Bedürfnis nach einer Beziehung in mir weckt? Will ich das vielleicht gar nicht?

Wären da nicht die ständigen Fragen meiner Mutter („Und, hast du jemand Nettes kennengelernt?“), von Freunden und Kommilitoninnen („Wie läuft’s mit den Frauen?“). Wenn sich ein Gespräch darüber nicht vermeiden lässt, dann behaupte ich, ich sei zufrieden mit meinem Singleleben und vermisse nichts. Als würde ich darauf vertrauen, dass ich noch jemanden finde. Insgeheim bin ich mir da gar nicht mehr sicher.

Meine größte Angst ist die vor der Einsamkeit. Niemanden zu haben, mit dem ich Weihnachten feiere. Niemanden zu haben, mit dem ich abends auf dem Sofa sitze, ohne dass ich mich vorher verabreden muss. Dabei ist mir klar, dass diese Angst unbegründet ist. Es gibt so viele andere Möglichkeiten, Gemeinschaft zu leben. Ich könnte in eine WG oder ein Wohnprojekt ziehen. Und dann sind da noch meine Familie und all die Freundinnen und Freunde.

Für ein erfülltes Leben brauche ich keine Beziehung. Und ich bereue auch nicht, dass ich bisher keinen Sex hatte. Ich will warten, bis ich die richtige Frau treffe. Selbst wenn es noch Jahre dauern sollte.

 

Der Autor hat diesen Text unter Pseudonym geschrieben, sein Name ist der Redaktion bekannt.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

Titelbild: Corey Arnold