Hier geblieben!
Wer auf dem Land aufwächst, will weg? Sophia und Josef, beide 20, offenbar nicht
fluter: Die Landjugend Haunstetten plant das Dorffest, den Faschingsball, das Maibaumbewachen. Wie wichtig sind euch solche Termine?
Josef: Für uns sind das schon Pflichttermine. Auch für die meisten anderen Jugendlichen in unserem 480-Einwohner-Dorf.
Sophia: Gerade die kleineren Feste wie der Faschingsball sind für unser Gemeinschaftsgefühl in der Landjugend schön.
Gibt’s zum gemeinsamen Feiern sonst eher nicht so viele Gelegenheiten?
Josef: Das kommt darauf an, wie man Feiern definiert. Für Leute aus der Stadt ist das wahrscheinlich der Club oder die Bar. Für uns ist Feiern vor allem: Wir planen eine Aktion und sitzen danach noch zusammen und trinken was.
Sophia: Mit 16 waren wir öfter tanzen. Aber das Beste daran war eigentlich, dass wir uns davor bei jemandem getroffen und vorgeglüht haben. Jetzt würde ich sagen: Feiern ist, auf Volksfeste zu gehen.
Josef: Es gibt fast jedes Wochenende mindestens ein Jubiläumsfest von einer Feuerwehr im Umkreis. Da werden wir als Landjugend eingeladen und wissen manchmal gar nicht, zu welchem wir jetzt gehen sollen. Vor allem im Sommer mangelt es uns nicht an Feiermöglichkeiten.
Sophia: Und im Winter gehen wir dann auf die Weihnachtsmärkte in den kleineren Städten hier in der Umgebung.
„In der nächstgrößeren Stadt, in Ingolstadt, ist einfach der Hund verreckt. Da ist bei uns draußen so viel mehr los“Josef
Und wenn ihr in der Stadt seid: Fehlt euch dann etwas?
Josef: In der nächstgrößeren Stadt, in Ingolstadt, ist einfach der Hund verreckt. Da ist bei uns draußen so viel mehr los.
Sophia: Also ich studiere in Würzburg, da gibt es schon mehr Möglichkeiten zum Feiern, trotzdem fahre ich an den Wochenenden lieber nach Hause.
Josef: Klar, in vielen Städten geht mehr. Aber die Mentalität der Leute hängt eben extrem davon ab, was für Möglichkeiten sie haben. Ich pendle zum Studieren nach Ingolstadt und merke, dass meine Kommilitoninnen und Kommilitonen oft gar keine Lust auf Feiern haben.
Ihr habt euch also eure eigenen Orte zum Feiern geschaffen?
Sophia: Die Landjugend hat ein Bankerl gesponsert. An dieser Bank treffen wir uns unter der Woche ab und zu noch auf ein Feierabendbier und sitzen zusammen.
Josef: Wir haben auch einen Bauwagen und ein Haisl, also Häuschen. Dort können wir uns ebenfalls treffen. Entscheidend ist für uns nicht der Alkohol, sondern dass wir gemeinsam eine gute Zeit haben.
Ihr organisiert auch ziemlich große Feste. Euer traditionelles Hopfenzupferfest fand bereits zum 45. Mal statt.
Josef: Hopfen wird in der Umgebung nur hier in Haunstetten angebaut. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Mit dem Hopfenzupferfest wollen wir das feiern. Aber das ist auch immer ein Kraftakt, da hängt ziemlich viel Arbeit dran. Bei anderen Festen gibt’s Bedienungen und Catering – wir machen das alles selbst mit unseren rund 50 aktiven Landjugend-Mitgliedern.
Sophia: Bei uns im Dorf gibt es nur noch zwei Hopfenbauern, im Nachbardorf einen. Mit dem Fest wollen wir auf die anstrengende landwirtschaftliche Arbeit aufmerksam machen. Wir sind mit dem Fest aufgewachsen, für uns als Kinder war das immer ein Highlight. Ich finde, dass die Generationen nach uns das genauso verdient haben. Und es macht ja auch Spaß, das zu organisieren, hinter der Bar zu stehen und den Leuten im Dorf etwas zurückzugeben.
Josef: Alle helfen mit, das schweißt einfach zusammen. Zu den Festen kommen auch immer Leute, die über Familie oder Freundinnen und Freunde einen Bezug zum Dorf haben.
Sophia, du warst vergangenes Jahr Hopfenkönigin von Haunstetten. Was bedeutet das für dich?
Sophia: Da ist schon ein gewisser Stolz dabei, auch wenn es nur etwas Symbolisches ist. Ich wurde oft angesprochen, woher ich denn komme und was ich vertrete. Mit dem Amt trage ich den Hopfen und die Landwirtschaft nach außen. Ich war auf unterschiedlichen Festen in Bayern eingeladen und einmal sogar in Südtirol.
„Ich glaube, es ist ein Vorurteil, dass wir im Dorf altbacken sind und Traditionen unreflektiert abfeiern. Wir sind ja auch eine neue Generation und hinterfragen alte Bräuche“Sophia
Von außen wirken traditionelle Volksfeste schnell verstaubt und altbacken. Wie seht ihr das?
Sophia: Tradition heißt für uns, dass man die alten Bräuche weiterleben lässt und nicht vergisst. Schon unsere Eltern waren in der Landjugend und haben die Feste mitorganisiert.
Josef: Es gibt natürlich Traditionen, die zu Recht fragwürdig sind. Aber Traditionen gestalten letztendlich diejenigen, die sie leben. Und wenn die Leute cool drauf sind, können auch Traditionen cool sein.
Sophia: Ich glaube, es ist ein Vorurteil, dass wir im Dorf altbacken sind und Traditionen unreflektiert abfeiern. Wir sind ja auch eine neue Generation und hinterfragen alte Bräuche.
Josef: Zum Beispiel das Maschkera-Gehen zur Faschingszeit. Da ziehen die Teilnehmer verkleidet durchs Dorf und klingeln an den Häusern. Traditionell gehen dabei nur Männer mit. Wir diskutieren immer wieder, den Brauch für alle zu öffnen. Einige Frauen sind mittlerweile mit dabei, aber noch nicht die gesamte Runde. So entwickeln sich Traditionen mit der Zeit weiter.
Und wer nicht so auf Volksfeste oder Landjugend steht?
Sophia: Natürlich gibt es bei uns auch Leute, die das Vereinsleben mehr fühlen als andere. Das Dorfleben ist aber deutlich vielfältiger als nur Landjugend und Volksfeste. Viele Freundschaften entstehen ganz unabhängig von Vereinen, einfach weil man zusammen aufgewachsen ist. Deshalb gibt es auch einige, die nur gelegentlich bei Veranstaltungen dabei sind, weil sie andere Interessen und Hobbys haben. Das ist völlig normal und wird auch respektiert. Um bei uns mitzufeiern, muss man nicht in der Landjugend sein. Ich kenne das von meiner Schwester: Sie ist in der Landjugend nicht so verwurzelt, hilft beim Hopfenzupferfest aber trotzdem mit. Wieder andere ziehen ganz weg.
Josef: Das ist aber eher die Seltenheit.
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Fotos: Landjugend Haunstetten