Frau mit hellblonden Haaren in einer Nahaufnahme vor weißem Hintergrund, daneben ein Fenster mit Pflanzen und eine Landkarte im Hintergrund

Kroll’s Anatomy

Mania Kroll hätte nach dem Medizinstudium überall hingehen können. Und entschied sich fürs Land

Text: Lena Fiedler und Fotos: Milan Koch
24. März 2026

Bevor Mania Kroll ihre Praxis im brandenburgischen Irgendwo eröffnete, hatte sie Angst, sie könnte als Zugezogene aus Berlin nicht gut ankommen.

Als sie im August 2025 die Tür aufschloss, stand die Lokalpresse schon davor. Kroll bekam Blumen und schüttelte Hände, hörte viele neue Namen. „Die Leute aus dem Ort haben sich einzeln bei mir vorgestellt“, sagt Kroll. „Die hatten Panik, dass ich keine neuen Patienten aufnehme.“

Mania Kroll, 44, ist vor einem halben Jahr aufs Land gezogen. Reichenberg, Landkreis Märkisch-Oderland, gut 300 Einwohnerinnen und Einwohner, nach Berlin ist es genauso weit wie zur polnischen Grenze. Dr. Kroll führt jetzt die Hausarztpraxis hier.

5.000 niedergelassene Hausärztinnen und Hausärzte fehlen in Deutschland

Die stellt sie vor einige Herausforderungen: 500 Patientinnen und Patienten hat die Praxis, die meisten sind alt, einige besucht Kroll im Heim oder zu Hause. Wer noch halbwegs mobil ist, kommt in die Praxis. Wie das Ehepaar Schatz*.

Frau Schatz kommt zu Fuß, Herr Schatz auf Krücken. Am Empfang wartet Krankenschwester Jeanette Falkenberg, die sich von allen nur „Schwester Jeanette“ rufen lässt, und geht mit ihnen das Tagesprogramm durch: Blutabnahme, Cholesterin, EKG. Herr Schatz bestellt „einmal alles“. Sie beide hätten Pflegestufe, erklärt Frau Schatz. Da sei einiges zu machen. Und weit zu fahren („Für mein Rheuma muss ich nach Berlin“), sie freue sich deshalb, dass es die Praxis noch gibt in Reichenberg. Als die früheren Inhaber aufhörten, war unklar, wer übernimmt. Beziehungsweise: ob wer übernimmt.

Untersuchungsliege mit rotem Rand, weißer Liegefläche, Kopfstütze und türkisfarbiger Unterlage auf blauem Boden
Mann im blauen Oberteil und Hosenträgern drückt einen Tupfer auf seine Armbeuge

Brandenburg gehört zu den Bundesländern mit der niedrigsten Ärztedichte. Laut der letzten Zählung der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg fehlten 320 niedergelassene Hausärztinnen und Hausärzte. In ganz Deutschland sind es 5.000, 2035 sollen schon mehr als doppelt so viele fehlen.

Klingt nach einem eklatanten Mangel. Dabei gibt es in Deutschland so viele Ärztinnen und Ärzte wie nie zuvor.

Aber nicht alle wollen Hausärztin oder Hausarzt werden.

Und nicht alle, die es werden, haben Lust auf eine eigene Praxis. Viele lassen sich lieber in größeren Praxen oder Versorgungszentren anstellen: weniger Stress, größere Chancen auf Teilzeit, kein unternehmerisches Risiko. Und schließlich gibt es unter denen, die eine eigene hausärztliche Praxis aufmachen wollen, weniger, die das auch auf dem Land wollen. Also dort, wo es kein Kino gibt, wo die weiterführende Schule weit weg ist und der Supermarkt auch.

Inzwischen locken manche Kommunen mit Geld, damit sich Ärzte niederlassen

„Es ist für viele Ärzte einfach nicht attraktiv, aufs Land zu ziehen“, sagt Mania Kroll. Für sie war das lange genauso. Kroll hat in Berlin studiert, dort ihre Weiterbildung gemacht. Nach Praxen in Märkisch-Oderland hat sie schließlich gesucht, weil ihr Partner hier lebt.

Inzwischen gibt es Initiativen, um mehr Ärztinnen und Ärzte aufs Land zu locken. Zum Beispiel das Landärzteprogramm des Landes Brandenburg. Das fördert Studierende mit einem Stipendium: 1.000 Euro im Monat, für die sie sich verpflichten, nach der Facharztweiterbildung für mindestens fünf Jahre in ländlichen Regionen Brandenburgs zu praktizieren. Das Programm begann 2019, bis Dezember 2025 wurden 250 Stipendien vergeben.

Eine Gemeinde in Baden-Württemberg toppt dieses Angebot. Sie und ein Investor versprechen 200.000 Euro, wenn sich ein Hausarzt niederlässt. Eine Kommune in Oberbayern produzierte den Clip „Berglern sucht den Superdoktor“, inklusive Elektrobeat und eigenem Song. Andernorts ist man weniger hoffnungsvoll. Dort fahren mobile Praxen durch unterversorgte Regionen.

Auch im Oderland war das Interesse an einer Hausärztin groß, aber die Bedingungen nicht ideal. Mania Kroll hat etliche Gemeinden besucht. Kaum eine hatte die passende Immobilie. „Einmal wurde uns eine Lagerhalle angeboten“, erinnert sich Kroll. Völlig ungeeignet.

Oberkörper einer Person mit mehreren Elektroden und Kabeln auf der Haut, sichtbare Tätowierung am Arm
Eine Frau misst einer anderen mit einem Blutdruckmessgerät am Arm den Blutdruck

Auch Kroll hat Geld bekommen, die Kassenärztliche Vereinigung Berlin-Brandenburg gab 30.000 Euro zur Praxiseröffnung. Um neu zu bauen oder aufwendig zu sanieren, hätte das Geld nicht gereicht. Die Vermieter ihrer jetzigen Praxis haben sich bereit erklärt, ihr in den ersten drei Jahren mit der Miete entgegenzukommen. Sonst wäre es nicht gegangen.

Kroll hat das mal durchgerechnet: Sie muss hoch auf 700 Patientinnen und Patienten im Quartal, damit sie die Praxis halten kann. Also 200 mehr. Das mache ihr schon Druck, sagt Kroll. Aber sie sei zuversichtlich: Sie hat ja gerade erst eröffnet. Und Alternativen gibt es in der Gegend kaum.

Kroll mag ihre Arbeit. Sie beginnt um 8.30 Uhr mit einem Kaffee. Danach läuft jeder Tag anders.

Da ist der Patient, der sie um Opiate anfleht. Die Packung Paracetamol, die er noch zu Hause hatte, habe er „gegessen wie Kekse“. Er brauche dringend etwas Stärkeres.

Ein komplizierter Fall, sagt Kroll, als der Patient aus der Tür ist. Er brauche jemanden, der ihn daran erinnert, Termine bei Fachärztinnen und Fachärzten zu machen. Der notfalls selbst für ihn anruft. Kurz: Er braucht etwas, das Kroll nicht leisten kann: jemanden, der für ihn sorgt.

Ultraschallbilder macht Mania Kroll selbst, auch wenn es sich für sie nicht rechnet

Der nächste Patient hat es an der Leber. Ein junger Mann in Jogginghose und Air Force 1. Er ist bei Kroll, seit der Hausarzt einen Ort weiter in Rente gegangen ist. Und damit kein Einzelfall: Gut ein Drittel der Hausärztinnen und Hausärzte in Brandenburg ist 60 oder älter.

Kroll schaut sich die Leber im Ultraschall an. Das Gerät zählt zu den älteren Modellen, es druckt die Bilder noch aus wie eine Polaroidkamera, statt sie direkt in der Patientenakte zu speichern. Als Kroll noch in Berlin praktiziert hat, hat sie Patientinnen und Patienten für den Ultraschall überwiesen. Hier macht sie die Untersuchung selbst, damit die Leute für ein Bild nicht ewig rumfahren. „Auch wenn sich das nicht rechnet“, sagt Kroll. Für einen Ultraschall bekomme sie von der Krankenkasse 16 Euro.

Und dann ist da Heidi Mattstein*. Sie kommt mit einem roten Aktenordner, der ihre gesamte Krankengeschichte enthält, säuberlichst abgeheftet in Klarsichtfolien. Mattstein wohnt nebenan. Auch sie war besorgt, als die vorherigen Praxiseigentümer aufhörten. Sie sei zwar noch mobil, aber ihre 90-jährige Mutter nicht. Jeanette kommt zum Hausbesuch und nimmt Blut ab.

„Ein Vorteil auf dem Land“, sagt Kroll. Häufig untersuche man gesamte Familien, kenne erbliche Vorbelastungen, das häusliche Umfeld. „Das erleichtert oft die Diagnose.“

Damit auch ihre Nachfolge später mal gesichert ist, hat Kroll gerade ein Praktikum ausgeschrieben. Sie ist schon gespannt, wie viele Studierende sich bewerben.

* Namen geändert

Cover des Fluter-Heft krank
Dieser Artikel ist aus dem fluter „krank“.
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