Mehrere Teilnehmende einer Kuschelparty liegen eng beieinander und umarmen sich auf Matratzen

Kuscheln statt Kater

Eine Party ohne Alkohol oder laute Musik, dafür mit Berührungen – hat Naomi auf TikTok gesehen. Ob sie das gut findet? Ein Versuch

Text: Judith von Plato und Fotos: Jana Junker
Thema: Liebe
2. Oktober 2026

Naomi sitzt auf einer Matratze in einer Altbauwohnung in Hamburg, in der sie noch nie war. Der ganze Boden ist ausgelegt mit Matratzen in grünem Samt. Um sie herum sitzen 14 Fremde im Kreis. Die Anwesenden könnten unterschiedlicher kaum sein. „Wie in der Bahn“, denkt Naomi, die eigentlich anders heißt. Nur dass sie mit Leuten in der Bahn niemals kuscheln würde. Dass das hier anders werden soll, erscheint noch etwas absurd. Doch dafür ist die 18-Jährige gekommen: zum Kuscheln mit Unbekannten.

Auf einer Kuschelparty wird weder getanzt noch getrunken. Das Konzept und Geschäftsmodell kommt aus den USA und hat sich in den vergangenen Jahrzehnten auch hier verbreitet – vor allem in Großstädten. Menschen treffen sich, um einvernehmliche, nicht-sexuelle Berührungen auszutauschen. Es soll um Kuscheln gehen, ohne Hintergedanken. Dafür bezahlen sie Eintritt. „Das Bedürfnis nach Nähe ist sehr groß“, sagt Lorenz Hansen vom „Kuschelraum Hamburg“, den er gemeinsam mit seiner Frau leitet. Der 52-Jährige richtet seit 2023 Kuschelpartys aus. Studien zeigen, wie wichtig Berührungen für Menschen sind. Doch im Alltag vieler fehlen sie: „Wir sind in Deutschland keine kuschelige Gesellschaft“, sagt er. „Die meisten Deutschen sind mit Berührungen sehr zurückhaltend.“

Einsame vertrauen weniger in die Politik

Um Punkt sechs startet die Party in einem Sitzkreis. Eine Teilnehmerin hat Schweißperlen über ihren Lippen. Es ist warm, aber es ist auch aufregend. Viele hat es Mut gekostet, herzukommen. Die Party heute ist für Menschen, die keine oder kaum Kuschelparty-Erfahrung haben, so wie Naomi. „Ich habe von den Kuschelpartys auf TikTok erfahren und bin neugierig geworden“, erklärt sie der Gruppe. Von dem Wunsch nach Nähe und den Momenten, in ­denen sie sich einsam fühlt, sagt sie nichts. „Ich werde als lustige, offene Person gesehen, bin gerne für andere da. Aber genau das sind oft diejenigen, die selbst Nähe brauchen“, erzählt sie später.

Thorben, Mitte 30, spricht es aus. Er fühlt sich einsam. Was er sucht, sind Freundschaften und Berührung. Ob Kuscheln mit Fremden gegen die Einsamkeit hilft? Er möchte es herausfinden. Seit der Pandemie leiden immer mehr Menschen unter Einsamkeit. In Deutschland waren 2022 fast 12,2 Millionen Menschen betroffen. Das sind etwa 16 Prozent. Unter den 18- bis 29-Jährigen fühlt sich sogar knapp jede vierte Person häufig einsam. 

Zwei Frauen umarmen sich auf einem Bett

Kuschelpartys gab’s in Hamburg schon so einige. Unsere Fotografin war 2025 bei einer dabei

Einsamkeit hat Folgen: Sie kann sich nicht nur negativ auf die psychische und ­physische Gesundheit auswirken, sondern auch unser Verhältnis zu Demokratie beeinflussen. Einsame vertrauen vergleichsweise weniger in Politik und Staat. 

Über Politisches soll auf der Kuschelparty heute aber nicht gesprochen werden: Die Welt bleibt für ein paar Stunden draußen. Ein Mann, ganz hell gekleidet und fast viermal so alt wie Naomi, erzählt vom Tod seiner Frau. Seitdem beschränken sich die Berührungen in seinem Leben auf Händeschütteln oder mal eine Umarmung zur Begrüßung. Es ist ganz still im Raum.

Bevor gekuschelt wird, stellt Lorenz Hansen die Regeln vor. Das Wichtigste: „Es herrscht kein Kuschelzwang“, sagt er. „Du tust nur, was du wirklich möchtest.“ Wer einen anderen Menschen berühren möchte, fragt erst nach Erlaubnis und wartet auf ein ausdrückliches Ja. „Sag ‚Ja‘, wenn du ‚Ja‘ meinst, und ‚Nein‘, wenn du ‚Nein‘ meinst“, erklärt er. 

Der erste Schritt: Neinsagen lernen

Was sich simpel anhört, ist ziemlich kompliziert. Denn dafür müssen sich alle ihrer Wünsche und Grenzen bewusst sein, diese kommunizieren können und die Grenzen anderer respektieren. Weil das zentral ist, wird geübt. In einer Aufgabe muss Naomi mindestens drei Menschen ins Gesicht schauen und Nein zu einer Umarmung sagen, ein Sozialexperiment. Abweisen ist gar nicht so leicht. In weiteren Übungen lernt die Gruppe mit den Fragen „Darf ich?“ und „Würdest du?“ nach Einverständnis zu fragen und Wünsche zu kommunizieren. 

Nach etwa anderthalb Stunden Training ist es so weit: Das Freestyle-Party-Kuscheln ohne Anleitung geht los. Die Gruppe sitzt im Kreis, ruhige Musik läuft im Hintergrund. Größere Kuschelhaufen wie in den TikTok-Videos bilden sich noch nicht. Meist tun sich zwei zusammen, die sowieso nebeneinandersitzen. Manche umarmen sich im Sitzen, andere halten Händchen, die Ersten legen sich hin. Thorben versucht gerade zu erklären, wo er den Arm seiner Kuschelpartnerin gerne hätte und wie er seinen Kopf an sie lehnen möchte. Kuscheln kann ganz schön technisch sein.

Mehrere Menschen kuscheln auf einem Bett

Kuscheln schüttet das Hormon Oxytocin aus – und das soll sogar die Wundheilung verbessern und Schmerzen lindern

Naomi lehnt im Schneidersitz an der Wand. Sie bleibt erst einmal für sich. Der erste Schritt kostet Überwindung: Wie ansprechen? Und was tun bei einer Abfuhr? Ein älterer Mann möchte ihre Hand halten. Naomi lehnt ab. Nein-Sagen, aber auch Ja-Sagen wühlen auf. Nicht-Kuscheln und Kuscheln wühlen auf. 

Zwei Personen haben sich gefunden. Sie versinken ineinander, streicheln sich gegenseitig über die Wangen und kichern. Die Wissenschaft kann erklären, was da in ihren Körpern passiert: Kuscheln schüttet das Hormon Oxytocin aus, das nicht nur bei Berührung produziert wird, sondern auch bei der Geburt, beim Stillen und beim Orgasmus. Es fördert Empathie, Vertrauen, soziales Miteinander, Bindungen – und soll sogar die Wundheilung verbessern und Schmerzen lindern. Und beim Kuscheln sinkt gleichzeitig das Stresshormon Cortisol, Ängste und Aggressionen nehmen ab.

Das Gefühl für Zeit löst sich auf

Der verwitwete Mann sitzt allein an der Wand. Währenddessen legt ein anderer Teilnehmer seine Hand auf Naomis Knie. Sie reagiert schnell: „Erst fragen!“, weist sie ihn zurecht. Nachdem er gefragt hat, stimmt sie der Berührung zu, setzt aber klar ihre Grenze, als sie nicht mehr möchte. Später wird sie sich in die Bauchkuhle einer anderen Teilnehmerin schmiegen. Das Gefühl für Zeit löst sich auf. Immer wieder ertönt Lorenz Hansens Stimme: „Noch eine halbe Stunde“; „Noch fünf Minuten“ und schließlich die Aufforderung, in die Abschlussrunde zu kommen. Einige blinzeln verschlafen, das Haar etwas zerzaust, die meisten lächeln beseelt. 

Thorben ist begeistert. Er wird wiederkommen. Auch wenn er die körperliche Nähe als nur einen Baustein gegen seine Einsamkeit begreift. Soziale Kontakte und Austausch sind weitere. „Mir hat die Kuschelparty gezeigt, dass ich nicht allein bin mit dem Thema.“ Der Mann, der seine Frau verloren hat, lehnt eng an einem anderen Teilnehmer in seinem Alter. Ihre Arme sind verschlungen. Die beiden strahlen. Keiner von ihnen hat vor diesem Abend je mit einem anderen Mann gekuschelt. Es hat sie Überwindung gekostet, aber war wunderschön, erzählen sie. Die Berührung sei heilend gewesen.

Und Naomi? Naomi mochte den Abend, wiederkommen möchte sie trotzdem nicht. Sie plädiert für Unter-30- oder Frauenkuschelpartys. „Auch wenn ich mich durch Lorenz sicher gefühlt habe, können die Räume ausgenutzt werden“, sagt sie. „Nicht alle trauen sich, Nein zu sagen.“ Was sie an dem Abend gelernt hat: Sie möchte lieber mit Menschen kuscheln, die ihr wirklich nahe sind. „Ich dachte, ich kann dort ein Gefühl von Nähe und Liebe abholen. Aber so einfach ist es nicht.“ Ein paar Kuschelnde gehen gemeinsam. Naomi macht sich auf den Weg zur Bahn, wo sie definitiv mit niemandem kuscheln wird und Fremde Fremde bleiben.

Titelbild des fluter 100, Thema: Feiern, er zeigt eine Person beim Tanzen vor orangem Hintergrund
Dieser Artikel ist aus dem fluter „Feiern“.
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