Illustration auf der eine Frau aus einem fester schaut in dem sich zwei Frauen vor einer Landschaft mit Fluss umarmen

Und dann kam Yvonne

In unserer Reihe „Kurz war alles gut“ sammeln wir Momente des Alltags, die für das Miteinander in der Gesellschaft stehen. In Folge 3 geht es um Anteilnahme und ein erkranktes Familienmitglied

Von Victoria Porcu
Thema: Liebe
13. August 2025

Meine Mama ist wieder in der Klinik und ich in einem anderen Land, weil ich selbst nicht mehr kann. Die Landschaft um mich herum ist wunderschön, doch ich sehe sie nicht, nicht die Flüsse und das Meer. Alles, an das ich denken kann, ist meine Mama. Ich weiß, dass ich gebraucht werde, aber ich muss hierbleiben. Zumindest für eine Weile noch. Ich brauche eine Pause.

Dann schreibst du mir, dass du meine Mutter gerne besuchen würdest. Ich antworte:

Screenshot des Whatsappchats

Ich sitze also im Gemeinschaftsraum eines Hostels in Seyðisfjörður am östlichen Zipfel Islands und denke an dich, wie du gerade bei meiner Mama bist.

Ich kann mir genau vorstellen, wie du ins Krankenzimmer trittst. Wie du, Yvonne, höflich, wie du bist, ganz vorsichtig die Tür öffnen wirst. Meine Mama wird matt lächeln, sie wird sich freuen, dich zu sehen. Ihr kennt euch, seit wir beide zusammen zur Grundschule gegangen sind. Mit wachen Augen wirst du zu ihr gehen und sie fest umarmen. Du und meine Mama, ihr könnt beide richtig gut umarmen.

Wenn deine Freundin ein Stück für dich geht

Sicher hast du ihr etwas mitgebracht, glutenfreie Kekse vielleicht. Meine Mutter wird sich bedanken, als hättest du sie selbst gebacken. Jede ihrer Bewegungen wirst du genau beobachten und ihr sofort helfen, wenn sie sich schwertut. Meine Mutter wird dir einen Stuhl anbieten, und du wirst dich zu ihr setzen. Ein bisschen verlegen wirst du sein, weil es so eine intime Situation ist. Aber meine Mutter weiß, wie man Gespräche flüssig hält. Und so werdet ihr reden, über jetzt und damals, über dies und jenes.

Währenddessen sitze ich im Hostel auf der Eckbank und als ich mir euer Treffen vorstelle, laufen mir die Tränen aus den Augen. In diesem Moment begreife ich, was Anteilnahme heißt. Dass es eine Sache ist, wenn dir eine Freundin die Hand hält, aber eine ganz andere, wenn sie sich in deine Situation begibt, ein Stück für dich geht. Ich begreife, dass wer viel hilft, auch selbst Unterstützung braucht.

Ich wende mein Gesicht ab, schaue aus dem Fenster, und auf einmal zeichnet sich der Fjord ganz klar vor mir ab: die steilen braunen Hügel, das grüne Moos und hier und da noch tupfenweise Schnee. Und immer wenn ich dir danach erzähle, dass ich wieder bei meiner Mama war, weißt du, wie riesig der Krankenhauskomplex ist, wie schmal das Zimmer und wie weit die Aussicht. Du weißt, wie es nach Hygiene und Krankheit riecht. Du weißt immer mehr als alle anderen, weil du selbst da warst.

fluter Heft 73 zum Thema Freundschaft
Zum Thema Freundschaft haben wir 2019 ein ganzes Heft gemacht.
Hier könnt ihr es lesen.

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Illustration: Lea Dohle