Zwei Personen fahren auf einem Fahrrad vor einer Baustellenwand mit COP30-Werbung in Belém, Brasilien

Wie steht es um den Klimaschutz?

Derzeit findet in Brasilien die Weltklimakonferenz statt, die zehnte seit Verabschiedung des 1,5-Grad-Ziels. Wir haben vier Beteiligte gefragt, welche Fortschritte und Rückschläge sie im Kampf gegen die Erderhitzung sehen

Protokolle: Lisa Kuner
Thema: Klima
14. November 2025
„Wir als Indigene sind Teil der Lösung, das sollte mitgedacht werden“
Auricelia Fonseca

Auricélia Fonseca, mit indigenem Namen Auricélia Arapiun, 38, Beraterin für COIAB, einem Dachverband für Indigenen-Organisationen im brasilianischen Amazonien

Für uns als indigene Bewegung ist der Kampf für Klimaschutz der Kampf für unser Leben und für unsere Rechte. Wir leiden direkt unter den Folgen des Klimawandels. Lange Dürren führen dazu, dass Flüsse austrocknen und wir nicht mehr wie gewohnt fischen können. Zudem schadet uns die industrielle Landwirtschaft. Wir bekommen aber auch die Folgen der Energiewende direkt zu spüren. Minen und Bergbau vergiften unsere Böden, und große Wasserkraftwerke zerstören unsere Territorien. 

Wie kann es sein, dass eine Klimakonferenz im Amazonasgebiet veranstaltet wird, während dort gleichzeitig Ölbohrungen erlaubt werden? Große Teile der Klimapolitik versprechen immer wieder „falsche Lösungen“, die uns dann schaden. So etwas wie grünen Kapitalismus oder nachhaltigen Bergbau gibt es meiner Meinung nach nicht. Wir als Indigene sind Teil der Lösung, das sollte mitgedacht werden. Wir haben darum unser eigenes Klimaziel formuliert, also einen indigenen Klimaschutzbeitrag – etwas, das sonst nur Staaten einreichen. 

Was ist eine Weltklimakonferenz?

Bei den Weltklimakonferenzen (COP, Conference of the Parties) treffen sich einmal im Jahr die Mitglieder der UN-Klimarahmenkonvention UNFCCC, um zu besprechen, wie die Staatengemeinschaft politisch gegen die Erderhitzung vorgehen kann. Dabei geht es nicht nur darum, Klimaziele zu beschließen und die Bilanz der gemeinsamen Anstrengungen auszuwerten. Auch deren Finanzierung wird diskutiert. Zudem sollen die Konferenzen einen Beitrag dazu leisten, Strategien zu entwickeln, um Gesellschaften an das veränderte Klima anzupassen.

Die diesjährige, mittlerweile schon 30. UN-Weltklimakonferenz, findet vom 10. bis zum 21. November im brasilianischen Belém statt. Neben Staats- und Regierungschefs und -chefinnen und Ministerinnen und Ministern reisen auch Vertreterinnen und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen, der Wissenschaft und der Wirtschaft an.

Mehr zu den Hintergründen und Debatten in diesem Jahr lest ihr hier.

Unsere Kernforderung darin ist, dass indigenes Land ausgewiesen und geschützt wird, damit wir die Möglichkeit haben, die dortigen Wälder und die Natur zu schützen. Wir können nicht mehr so leben wie früher und müssen uns anpassen. Dafür brauchen wir Geld. Bisher kommt das Geld aus der Klimafinanzierung der UN-Klimarahmenkonvention aber nicht bei uns an. Das muss sich ändern. Es braucht Wege für die direkte Finanzierung von Indigenen. Da sind die reichen Länder gefragt: Sie sollten unsere Schäden kompensieren. Unsere Stimmen wurden bei den Verhandlungen bisher nicht gehört. Ich hoffe, dass sich das jetzt bei einer Klimakonferenz im Amazonasgebiet endlich ändert.

 

„Die Technologien für Klimaschutz gibt es, viele Menschen akzeptieren sie schon“
Sophia Rödiger

Sophia Rödiger, 37, Chief Marketing Officer DACH von 1Komma5°, einem Unternehmen, das vernetzte Lösungen für Erneuerbare anbietet

Wir sehen sehr viele positive Entwicklungen. In den letzten zehn Jahren haben wir in der Europäischen Union Treibhausgasemissionen sehr stark gesenkt. Deutschland hat 2023 sogar erstmals mehr Strom aus Erneuerbaren als aus anderen Energiequellen produziert. Wir können Emissionen am besten vermeiden, wenn saubere Lösungen auch günstigere Lösungen sind. Ökologisches und Ökonomisches muss zwingend zusammengedacht werden. Da haben wir schon viel erreicht – erneuerbare Energien werden immer günstiger. Die Technologien für Klimaschutz gibt es, viele Menschen akzeptieren sie schon. 

Wir sehen aber auch, dass Politik und Wirtschaft einiges verpasst haben. Einige Länder, wie das Vereinigte Königreich, haben sich inzwischen ganz von der Kohle verabschiedet, andere, wie der US-Bundesstaat Texas, sind auf dem Weg dorthin. China baut wahnsinnig schnell Erneuerbare aus. Da hinken wir in Deutschland mit unseren Diskussionen schon sehr hinterher. 

Außerdem könnte digitale Infrastruktur dazu beitragen, dass Energie viel effizienter genutzt wird – aber da kommen wir auch sehr schlecht voran. Nehmen wir als Beispiel intelligente Stromzähler, sogenannte Smartmeter. Die sind Voraussetzung dafür, erneuerbare Energieerzeugung und -verbrauch in Einklang zu bringen. Nur so kann Strom günstig und sauber werden. In Deutschland gibt es die gerade mal in drei Prozent der Haushalte, in vielen anderen Ländern sind sie längst Standard.

Insgesamt gibt es aus meiner Sicht viel zu viele politische Kurswechsel. Für uns als Unternehmen fühlt sich das an wie ein Stop-and-Go-Vorgehen, das die Menschen verwirrt. Was es bräuchte, wäre ein fairer Markt, an dem alle gleichermaßen teilnehmen können. Anstatt fossile Brennstoffe zu subventionieren, wären finanzielle Anreize zum Klimaschutz nötig, wie zum Beispiel ein CO-Preis in noch mehr Bereichen. Dann könnte der Markt arbeiten – auch über politische Amtszeiten hinaus.

 

„Der Klimawandel beschleunigt sich immer mehr und wir kommen nicht von fossilen Brennstoffen los“
Lien Vandamme

Lien Vandamme, 35, Senior Campaigner, Center for International Environmental Law

Die letzten zehn Jahre haben mir gezeigt, dass wir weltweit wirklich nicht auf dem richtigen Weg sind, um die Klimakrise zu bewältigen. Es hat 28 Jahre und etliche Klimaverhandlungen gebraucht, bis einmal die Wurzel des Problems – nämlich fossile Brennstoffe – genannt wurde. Der Klimawandel beschleunigt sich immer mehr, wir kommen nicht von fossilen Brennstoffen los, und wir schaffen es auch nicht, genug Geld für die Klimaschutzfinanzierung weltweit aufzubringen. 

Vor diesem Hintergrund fällt es mir schwer, die Fortschritte zu feiern. Nehmen wir beispielsweise den Fonds für Schäden und Verluste für die am stärksten von der Klimakrise betroffenen Länder, der auf der Klimakonferenz 2023 beschlossen wurde. Natürlich war das ein wichtiger Schritt. Aber aktuell zahlen die potenziellen Geberländer viel zu wenig Geld ein, um tatsächlich Schäden und Verluste im Globalen Süden abzufedern. 

Ein echter Erfolg war für mich in diesem Jahr das Gutachten zur Klimakrise des Internationalen Gerichtshofs. Darin bestätigte er, dass Länder eine rechtliche Verpflichtung für die Begrenzung des Klimawandels auf 1,5 Grad haben. An vielen Stellen läuft es aber nicht so gut: Gerade ist ein Bericht von UNFCCC zu den Klimazielen der einzelnen Staaten erschienen. Rund zwei Drittel der Länder haben aber einfach gar keine Ziele eingereicht. Außerdem nehmen fossile Lobbyisten immer wieder Einfluss auf die Verhandlungen. 

Der UN-Klimaprozess muss meiner Meinung nach deshalb dringend reformiert werden, damit er richtig auf die Klimakrise reagieren kann. Denn ohne Klimaverhandlungen geht es auch nicht, es braucht die Zusammenarbeit von Staaten, um gegen die Klimakrise anzukämpfen.

 

„Es gibt mir Hoffnung, dass erneuerbare Energien in vielen Ländern inzwischen die günstigste Energiequelle sind“
Jan Kowalzig

Jan Kowalzig, 53, Senior Policy Adviser Climate Change bei Oxfam, einem internationalen Verbund von Entwicklungshilfe-NGOs

Meine erste Klimakonferenz war 2000 in Den Haag. Damals war ich als Aktivist vor den Türen, und wir haben, um zu protestieren, einen riesigen Deich aus Sandsäcken aufgebaut. Inzwischen begleite ich internationale Klimapolitik hauptberuflich.

Als das Pariser Abkommen verabschiedet wurde, war allen klar, dass das ein Meilenstein ist – Tausende Menschen hatten seit Jahren darauf hingearbeitet. Obwohl das Abkommen seine Schwächen hat, war es ein Erfolg, weil es gezeigt hat, dass so viele Staaten kooperieren konnten. Seitdem wurde aber klar: Ein Abkommen allein löst die Klimakrise nicht. Es kommt auf das Handeln der Staaten und die Regierungen an. Kein einziges Land reduziert seine Emissionen schnell genug, um das 1,5-Grad-Ziel global einzuhalten. Ich glaube, die reichen Länder wollen nicht, während die einkommensschwachen Länder zu wenig finanzielle Unterstützung erhalten. In Deutschland haben wir aktuell eine Regierung, die im Klimaschutz nicht nur zu langsam ist, sondern ihn wieder zurückdrehen möchte, beispielsweise indem sie Gaskraftwerke weiter ausbauen oder das Verbrenner-Aus aufweichen möchte. 

Aus meiner Sicht gibt es viel zu wenig Vorstellungskraft, was Klimaschutz alles Positives bewirken könnte. Immer häufiger hören wir das populistische Argument, dass Klimapolitik der Wirtschaft schade – obwohl das nicht stimmt. Der Umbau unserer Wirtschaften ist vielmehr ein wahrer Konjunkturmotor, und die vermiedenen Klimaschäden sind weitaus höher als die Belastungen – die natürlich sozial ausgewogen bewältigt werden müssen

Es hat sich aber auch viel getan: Die Anpassung an die Klimakrise, also der Umgang mit den Klimafolgen, wurde dem Klimaschutz, also der Minderung von Emissionen, gleichgestellt. Das ist wichtig. Dazu wurde auch die Verpflichtung verankert, dass reiche Länder arme dabei finanziell unterstützen müssen. Ich hoffe, dass mit der steigenden Dringlichkeit der Klimakrise auch die Motivation steigt, etwas dagegen zu tun. Die Frage ist nur, wie viel ist dann noch möglich? Außerdem gibt es mir Hoffnung, dass erneuerbare Energien in vielen Ländern inzwischen die günstigste Energiequelle sind. Wirtschaftliche Argumente gegen die Energiewende funktionieren also immer weniger.

 

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Titelbild: Alessandro Falco / Guardian / eyevine / laif