Doppelportrait von Féris Barkat, Mitglied von Banlieues Climat, die sich für Klimagerechtigkeit einsetzen

„Man schützt nicht, was man nicht kennt“

Menschen, die ohnehin benachteiligt sind, treffen die Folgen der Erderhitzung häufig besonders stark. Féris Barkat der französischen Organisation „Banlieues Climat“ will ihre Lage verbessern. Aber wie?

Interview: Atifa Qazi
Thema: Klima
8. Juli 2026

fluter.de: Du giltst in Frankreich als die „Klimastimme“ der sogenannten „Banlieues“, also der oft benachteiligten Viertel. Wie kam es dazu?

Féris Barkat: Der Wendepunkt für mich war, als meine Mutter krank wurde. Ab diesem Moment wurde das Thema für mich viel wichtiger. Nachdem sie an Krebs gestorben war, haben viele Menschen um mich herum nicht gefragt, wie das passieren konnte, sondern gesagt: „Das ist eben so“ oder „Mektoub“ (arabisch für Schicksal, Anm. d. Red.). Was wir in den sogenannten „Banlieues“ oder „Quartiers Populaires“ konsumieren, die Luft, die wir einatmen, unser begrenzter Zugang zu nahe gelegenen Grünanlagen. Unsere Umwelt kann uns krank machen und sogar töten. In Frankreich kann der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen den ärmsten und reichsten Bevölkerungsgruppen bis zu 13 Jahre bei Männern und 9 Jahre bei Frauen betragen. Ich habe mich gefragt: Warum kämpfen wir nicht dagegen? Warum akzeptieren wir das?

Wie hängt das konkret mit dem Klima zusammen?

Soziale und ökologische Fragen lassen sich nicht wirklich trennen. Rassismus und soziale Ungerechtigkeit beeinflussen, wo Fabriken gebaut werden, wo Autobahnen verlaufen, welche Stadtteile eher vor Umweltbelastungen geschützt werden.

„Menschen, die in den benachteiligten Vierteln leben, leiden besonders unter Hitzewellen. Das liegt etwa an der massiven Betonierung und der schlechteren Gebäudeisolierung“

Féris Barkat

Hast du Beispiele?

In der Region um Paris ist die Stadtringautobahn in der Nähe wohlhabender Viertel oft überdacht. Dadurch bleibt die Luftverschmutzung dort eher „eingeschlossen“. In ärmeren Gegenden, zum Beispiel bei Bagnolet, vor den Toren von Paris, ist die Straße dagegen offen. Die Abgase gehen direkt in die Umgebung, weil die gesundheitlichen Folgen dort offenbar weniger zählen. Oder das Thema Hitze: Menschen, die in den benachteiligten Vierteln leben, leiden besonders unter Hitzewellen. Grund dafür sind zum Beispiel die massive Betonierung, schlechtere Gebäudeisolierung und kaum Möglichkeiten, in kältere Grünanlagen auszuweichen. Fast zwei Drittel der französischen Sozialwohnungen sind schon jetzt davon betroffen. Die Folgen von alldem sehen wir ganz konkret an den Körpern der Menschen: Erschöpfung, Asthma, Diabetes, Hitzschlag oder Lungenkrebs. Es geht um körperliche, aber auch um mentale Gesundheit.

Du hast die Organisation „Banlieues Climat“ mitgegründet, um darauf aufmerksam zu machen. Wie macht ihr das?

Wir haben uns als Kollektiv zusammengeschlossen, um über Umwelt- und Klimafragen aufzuklären und unser eigenes Umfeld zu verändern – auch kulturell, durch Ausstellungen von Kunst und Fotografie. Wir bieten in verschiedenen Stadtteilen zertifizierte Schulungen an und haben bereits rund 1.600 Jugendliche in ganz Frankreich ausgebildet. Inzwischen haben wir in Saint-Ouen bei Paris außerdem unsere eigene Klimaschule gegründet. Dort bilden wir vor allem junge Menschen aus und begleiten sie weiter. In Saint-Ouen kommen sie zusammen, leben und lernen dort vor Ort und gehen anschließend zurück in ihre Viertel, um ihr Wissen weiterzugeben. Wir hatten junge Menschen, die nach unseren Schulungen in einen Stadtrat gewählt wurden. Andere kamen aus dem Gefängnis, machten die Weiterbildung und bilden jetzt wiederum andere ehemalige Inhaftierte aus.

Wie schafft ihr es, die jungen Menschen in den Banlieues für das Thema zu gewinnen?

Es geht vor allem, indem wir ein Vertrauensverhältnis zu ihnen aufbauen. Wir sind ihnen ähnlich, haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Deshalb sind sie eher bereit, uns zuzuhören. Letztlich geht es auch darum, Zuwendung und Aufmerksamkeit zu schenken. Unser Weg basiert auf Gemeinschaft und dem Schaffen eigener alternativer Räume. Räume, in denen wir mit den Leuten zusammenkommen, uns erholen können, Zeit haben, etwas gemeinsam aufzubauen und zu gestalten.

Gibt es Hürden, mit denen ihr als Aktivist:innen aus den „Banlieues“ zu kämpfen habt?

Von uns jungen migrantisierten Menschen aus den „Banlieues“ existiert ein bestimmtes Bild in der französischen Mehrheitsgesellschaft. Oft werden Ausschreitungen von Jugendlichen, zum Beispiel an Silvester, in den Fokus gestellt. Uns wird ein Mangel an Verantwortungsbewusstsein für den öffentlichen Raum vorgeworfen, dass wir unsere Umwelt zumüllen und zerstören würden. Dabei ist diese Umwelt, in der wir leben, schon längst beschädigt, längst zerstört. Und die Natur ist noch dazu etwas, wozu viele von uns kaum Zugang haben. Man schützt nicht, was man nicht kennt. Mit „Banlieues Climat“ eignen wir uns die Klimadebatte an, die vom mehrheitlich weißen Bürgertum dominiert wird. Ich glaube, genau das überrascht viele: dass sie plötzlich sehen, dass wir die Umwelt auch schützen und verbessern können. In gewisser Weise stellen wir damit das Bild auf den Kopf, das auf uns projiziert wird.

Féris Barkat, 24, gründete gemeinsam mit anderen die NGO „Banlieues Climat“, die Klimagerechtigkeit mit sozialen Fragen und den Lebensrealitäten in den französischen Vorstädten zusammendenkt. Zurzeit unterrichtet er als Lehrbeauftragter an der Universität Sorbonne Nouvelle in Paris.

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Titelbild: Dorian Prost