Muss Musik echt sein?
Bei einigen großen Streamingdiensten finden sich KI-Songs in beliebten Playlists – kaum zu unterscheiden von menschengemachten Liedern. Wir streiten: Muss Musik echt sein?
Ja. Wenn künstliche Intelligenzen bestimmen, was und wie wir hören, wird Musik berechenbar und verliert an Kreativität und Charakter
findet Ilo Toerkell
Musik ist über Streamingdienste jederzeit zugänglich und wird oft zum Hintergrundrauschen beim Arbeiten, Saubermachen, Schlafen. Was wir hören, steuern dabei oft KI-basierte Algorithmen und versorgen uns mit einem endlosen Strom an ähnlich klingender Musik. Sie orientieren sich an dem, was populär ist. KI-Softwares setzen da noch einen drauf: Sie analysieren die Daten aus beliebten Songs – Harmonien, Rhythmen, Melodien – und erstellen Musik basierend darauf.
Das nennt sich Popularity Bias. Es wird reproduziert, was beliebt ist. Musik von KIs lässt sich inzwischen kaum von menschengemachter Musik unterscheiden und erhält millionenfache Streams, etwa die KI-Band The Velvet Sundown. Die Lage von Musiker:innen wird dadurch noch prekärer und das individuelle Hörverhalten durch künstlich generierte und kuratierte Musikproduktionen vereinheitlicht. Dabei ist Musik eines der wichtigsten und ältesten menschlichen Ausdrucksmittel und dient zum Transport von Kultur, Geschichte und Identität.
Diskriminierende Strukturen werden von KI-Musik noch verstärkt
Durch das Internet, Streamingdienste und soziale Medien kann Musik leichter produziert und veröffentlicht werden. Das hat neue Zugänge zum elitären Musikbusiness geschaffen, aber der digitale Raum ist deswegen nicht neutral oder demokratisch. Auch hier wirken gesellschaftliche Machtstrukturen. KI-Programme wie Suno werden mit populärer, hauptsächlich westlicher Musik gefüttert. Musik, die andere Tonleitern oder Rhythmen benutzt, wie etwa Hindustani oder anatolische Musik, wird seltener gespielt. Außerdem gibt es ungeklärte Copyright-Fragen: KIs werden mit Songs realer Künstler:innen trainiert, und das oft, ohne dass sie dem explizit zugestimmt haben oder dafür bezahlt werden.
Wie bei allen kapitalistischen Geschäftsmodellen geht es vor allem um Geld. Bei Spotify verteilen sich die Einnahmen nach Marktanteilen – so kriegen erfolgreiche Acts eh schon mehr Geld als Künstler:innen aus nischigeren Genres. Wenn auch noch KI-Songs mitmischen und von Algorithmen gepusht werden, vergrößert sich die Schere. Natürlich war die Musikindustrie auch vor KI nicht frei von Ausbeutung und Machtstrukturen. Historisch wurden von den großen Labels hauptsächlich weiße cis-männliche Künstler gefördert und Frauen, queere Personen und BiPoC selten oder nur entsprechend bestimmten Stereotypen. Dieses Ungleichgewicht wird von KIs reproduziert. Das nennt man auch Coded Biases – Diskriminierung und bereits bestehende Vorurteile werden sozusagen in die KI einprogrammiert.
All das steht im Widerspruch dazu, was Musik eigentlich sein kann. Sie trägt Emotionen und prägt Lebensabschnitte. Der eine Song erinnert an Teenie-Zeiten, der andere hat durch den ersten Liebeskummer begleitet. Volkslieder werden in vielen Kulturen über Generationen hinweg weitergegeben und dienen als Container für Information, Geschichte und als kollektives Gedächtnis. Musik ist auch ein wichtiges Mittel für gesellschaftliche Mobilisierung, nicht umsonst begleitet sie oft Demonstrationen.
Es geht auch um Diebstahl von kreativem Eigentum durch KI
Auch Künstler:innen sprechen sich gegen das Überhandnehmen von KI-Nutzung aus. Die spanische Sängerin Rosalía nahm ihr letztes Album „LUX“ größtenteils ohne Mithilfe von digitalen Programmen auf. Kate Bush, Damon Albarn und viele weitere Musiker:innen setzen mit dem Album „Is This What We Want“, das nur aus in leeren Tonstudios aufgenommener Stille besteht, ein klares Zeichen gegen Diebstahl von kreativem Eigentum durch KI-Unternehmen.
KI ist gekommen, um zu bleiben – das ist klar. Damit sie nicht ein weiteres Werkzeug der Ausbeutung wird, sollten wir kritisch bleiben, sie verantwortungsbewusst nutzen und klare Regulierungen und Transparenz einfordern.
Nein, denn KI imitiert nur das Beliebte. Damit könnten Menschen innovative Sounds wieder wichtiger werden
sagt Johann Voigt
Musik, die beim Einkaufen im Hintergrund läuft. Musik zum Lernen. Musik im Mainstream-Radio und in Playlists, in denen jeder Song gleich klingt. Wir sind umgeben von generischen Geräuschen, die wir kaum noch bewusst wahrnehmen. Fahrstuhlmusik hieß das früher mal, heute passiert dasselbe in unendlichen LoFi-Streams, in denen Beat für Beat vor sich hin plätschert. Oder in von der Musikindustrie entwickelter Retortenmusik, in der sich Menschen möglichst glatt gebügelte und damit vermeintlich für alle anschlussfähige Songs ausdenken.
Ob hinter dem LoFi-Girl bei YouTube KI-generierte Musik steckt? Um ehrlich zu sein: egal. Ob der nächste generische Liebessong von einem Popsternchen stammt oder eine künstliche Intelligenz ihn geschaffen hat? Für mich ersetzt hier das eine musikalische Fast Food das andere.
Könnte sich nicht gerade dadurch ein Trend hin zum bewussten Musikhören entwickeln?
KI-Musik ist umstritten, klar. Inhalte von Musiker:innen werden ungefragt für Trainings genutzt. Mit KI erzeugte Songs fluten die Streamingdienste, bleiben bei den meisten ungekennzeichnet und sorgen dafür, dass echte Menschen weniger vom Gewinn abkriegen. Dafür sollten die Plattformen in die Verantwortung genommen, im Zweifel Gesetze verschärft werden. Aber KI im Zusammenhang mit Musik deswegen komplett verteufeln? Halte ich für falsch.
Denn werden nicht gerade die innovativen, experimentellen, tiefsinnigen Sounds und Texte belohnt, wenn das Vorhersehbare so einfach mit KI zu imitieren ist? Könnte sich nicht gerade dadurch ein Trend hin zum bewussten Musikhören entwickeln? Wir sollten akzeptieren, dass KI in der Musik nicht mehr aufzuhalten ist. Weder durch Protest noch durch Verbote. Also das Beste draus machen.
Heißt, die Spreu vom Weizen zu trennen: sich wirklich mit den Lieblingskünstler:innen beschäftigen und sie mit Aufmerksamkeit belohnen. Ihre Musik bewusst hören, ihre Konzerte besuchen, feiern, dass sich da echte Menschen entblößen, ihre Emotionen in Songs stecken. Etwas, das eine KI nicht leisten kann. Die Einzigartigkeit der künstlerischen Gesamtpakete Charli xcx oder Kendrick Lamar kann nicht mal eben ersetzt werden. Da hängt zu viel dran, was über die bloße Musik hinausgeht. Genauso übrigens bei einer der neuen jungen Nischen-Punkbands, die in irgendwelchen Kellern spielt und selbst gebrannte CDs verkauft. Wie soll eine KI das ersetzen?
KI-generierte Musik ersetzt keine Kunst, aber sie ersetzt Gebrauchsware
Heißt aber auch: hinnehmen, dass hinter funktionalem Hintergrundrauschen, dem man ohnehin kaum Aufmerksamkeit schenkt, womöglich kein Mensch steckt. KI-Musik ersetzt keine Kunst, aber sie ersetzt Gebrauchsware.
Nicht zu unterschätzen: Man kann KI in der Musikproduktion auch als Werkzeug verstehen. Produzent:innen und Laien arbeiten schon jetzt mit Tools wie Landr oder Suno. Nicht, um ganze Songs zu generieren, sondern um sich inspirieren zu lassen, um Sounds zu kreieren, mit denen sich kreativ weiterarbeiten lässt. Warum auch nicht?
Es stört ja auch niemanden mehr, dass Gitarrensounds in vielen Fällen nicht mit echten Instrumenten eingespielt, sondern mit Software erzeugt werden. Das hat trotzdem nicht dafür gesorgt, dass keiner mehr Gitarre spielt. Viel wichtiger ist ohnehin, dass sich alle so niederschwellig wie möglich ausprobieren können, ohne sich dafür teure Software und Instrumente kaufen zu müssen.
KI-Tools können dafür ein Experimentierfeld sein, ein Startpunkt einer kreativen Spielerei. Denn seien wir mal ehrlich: Prompts schreiben und sich so Songs generieren zu lassen, ist nach dem dritten Mal auch langweilig.
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Illustration: Renke Brandt